<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><feed xmlns="http://www.w3.org/2005/Atom" xml:lang="de"><generator uri="https://jekyllrb.com/" version="4.2.2">Jekyll</generator><link href="https://athikan.at/feed.xml" rel="self" type="application/atom+xml" /><link href="https://athikan.at/" rel="alternate" type="text/html" hreflang="de" /><updated>2026-01-20T22:40:52+01:00</updated><id>https://athikan.at/feed.xml</id><title type="html">Der Athikan</title><subtitle>Atheistische Kritik an christlichem und theologischem Unsinn</subtitle><entry xml:lang="de"><title type="html">Schnapsideen und Riesenkreuze</title><link href="https://athikan.at/nationalismus/donaupark/kreuz/papstbesuch/presse/2026/01/20/papst-kreuz.html" rel="alternate" type="text/html" title="Schnapsideen und Riesenkreuze" /><published>2026-01-20T00:00:00+01:00</published><updated>2026-01-20T00:00:00+01:00</updated><id>https://athikan.at/nationalismus/donaupark/kreuz/papstbesuch/presse/2026/01/20/papst-kreuz</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/nationalismus/donaupark/kreuz/papstbesuch/presse/2026/01/20/papst-kreuz.html"><![CDATA[<p>Dietmar Neuwirth darf in der Rubrik <q>Glaubensfrage</q> in der Presse
(Eigentümerin: Die römisch-katholische Kirche in Österreich) unter der Überschrift
<strong><a href="https://www.diepresse.com/20481985/pinke-schnapsidee-mahnmal-zur-hexenverbrennung-beim-papstkreuz">Pinke Schnapsidee: Mahnmal zur <q>Hexenverbrennung</q> beim Papstkreuz</a></strong>
Kritik an einem Vorschlag im Bezirksparlament der Donaustadt üben.</p>

<p>Aus der Verbalinkontinenz geht nicht klar hervor, wem genau Alkoholmissbrauch zu unterstellen sei.</p>

<!--more-->

<p>Im Wiener Donaupark steht ein <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Papstkreuz_(Wien)">40 Meter hohes Kreuz</a> 
mit Gerüst und Spannseilen, das an den Besuch von <q>Johannes Paul II.</q> im Jahr
1983 erinnert, bei dem ca. 350.000 Menschen anwesend waren. 2010 sollte das Kreuz
schon wegen Sicherheitsmängeln abgerissen werden, nach einer Einigung zwischen
Stadt Wien und der Erzdiözese Wien im Jahr 2011 wurde es jedoch saniert – auf
Kosten der beiden.</p>

<p>Grundsätzlich trägt der Staat (sinngemäß Bundesland, Bundeshauptstadt)
Verantwortung für Bauten im öffentlichen Raum, insbesondere, wenn er sie
mitfinanziert oder mit gesetzlichen Privilegien (Denkmalschutz) ausgestattet hat.
Das gilt noch viel stärker, wenn es sich um ein Symbol einer Gruppe von Religionen
handelt. Dass ein Bezirksparlament sich damit beschäftigt, ist also nicht nur
<q>Idee</q>, sondern Pflicht.</p>

<p>Österreich ist ein Land ohne Staatskirche, der Staat (Bundesland, Stadt, Bezirk)
hat sich religiös neutral zu verhalten. Leider steht das – anders als in
vergleichbaren Demokratien – nicht so kompakt in einem einzelnen Gesetz, aber als
übergreifendes Prinzip gilt es unüberschaubar und wird selbst von konservativen
Politiker:innen vertreten, wenn es ihnen gerade in die Argumentation passt.</p>

<p>In einer Hauptstadt, deren Bevölkerung zur Hälfte konfessionsfrei ist und nur mehr
ca.  ein Drittel einem Sammelsurium christlicher Kirchen angehört, kann man ein 40
Meter hohes Kreuz im öffentlichen Raum, das aus Steuergeldern saniert und gewartet
wird, unnötig, problematisch und anstößig finden. Für die Anbringung von
Folterdeko gab und gibt es in Österreich wahrlich genug Möglichkeiten, die in den
letzten Jahrhunderten auch reichlich zur Markierung des öffentlichen Raums genutzt
wurden. Man könnte also die Sinnfrage insgesamt stellen. Ist ein mehr als zehn
Stockwerke hohes Altmetall-Gebilde doch auch ein Zeichen für christliche Dominanz,
die wir hinter uns lassen sollten? Könnte man den Ort auch ganz anders gestalten,
ohne an einen Ponzifex zu erinnern?</p>

<p>Natürlich gibt es Menschen, die sich diese Fragen nicht stellen. Einmal Kreuz,
immer Kreuz. Am besten von allen gemeinsam bezahlt. Ob die im Beitrag mehrfach
genannte psychoaktive Substanz bei dieser Ansicht eine Rolle spielt, kann nicht
abschließend geklärt werden. Eigentlich ist Platz in Printmedien begrenzt,
diese Nennungshäufigkeit scheint also schon eine Relevanz zu haben.
Andererseits kann man damit auch die Spalte vollschreiben, wenn man nicht genug
zu sagen hat.</p>

<p>Eine andere, häufigere Begründung für solche Ansichten nennen wir <q>religiösen
Nationalismus</q>, hier in der christlichen Ausfertigung. Journalist:innen sind
häufig recht gut darin, solche Strukturen <em>in anderen Ländern</em> zu erkennen. Im
eigenen Land merkt man den Balken in den eigenen Augen jedoch eher selten.
Religiöse Scheuklappen sind mächtig.</p>

<p>Was will christlicher Nationalismus unter der falschen Vorstellung, Österreich sei
ein <q>christliches Land</q>? Zum Beispiel: Öffentlicher Raum soll nicht neutral
sein, der Staat soll sich ruhig mit einer – der richtigen – Religion
identifizieren und ihre Ausübung, ihre Symbole auch finanziell fördern. Kritik
daran kann einfach in die Nähe von Drogenmissbrauch gerückt werden.</p>

<p>Das Kreuz, ursprünglich als Installation nur für die Dauer des Papstbesuchs
gedacht und entsprechend <q>langlebig</q> gebaut, ist stehen geblieben und wurde
baulich sowie juristisch mit dem Denkmalschutz einzementiert. Die aktuelle 
Gestaltungsfreiheit der Politik erstreckt sich daher auf die Kontextualisierung
der aus vielen Gründen problematischen Installation. Und genau das ist der
Vorschlag.</p>

<p>Über die vorgeschlagenen Gedenktafeln kann man sicherlich diskutieren. Das ist
genau die Aufgabe der Politik. Herrn Neuwirth stört eine Gedenktafel für die
letzte Frau, die in Mitteleuropa Opfer des christlichen Terrors gegen (meistens)
Frauen geworden ist, und möchte suggerieren, dass das nichts mit dem Papstbesuch
zu tun hätte, weil das in einem protestantischen Gebiet geschehen sei. Aber die
Beziehung zum Papst stellt dann doch er selbst her, während die Neos-Politikerin
das Kreuz insgesamt kontextualisieren will.</p>

<p>Es gäbe noch ein paar Ideen für Gedenktafeln. So wie seine mittlerweile drei
Nachfolger hat auch <q>Johannes Paul II.</q> mit konkretem Wissen über die Taten 
Missbrauchspriester über Regionen verschoben. Mindestens einen <a href="https://religion.orf.at/tv/stories/3219412/">nach
Österreich</a>. Er hat eine Mitschuld
daran, dass die römisch-katholische Kirche noch für Generationen im öffentlichen
Bewusstsein mit <a href="https://statkb.at/superset/dashboard/kath-kindesmissbrauch/?standalone=1">Kindervergewaltigung</a>
verbunden sein wird. Da wäre eine Tafel durchaus angemessen.</p>

<p>Beliebt sind auch Hinweise auf die Finanzierung von öffentlichen Bauwerken. Die
<a href="https://statkb.at/superset/dashboard/staatszahlungen/?standalone=1">4,7 Milliarden €</a>
nach heutigem Wert, die die Republik seit 1960 an Religionsgesellschaften
ausgezahlt hat, ein Vielfaches davon für weitere religiöse Zwecke und die
Subventionierung der Mitgliedschaft in einzelnen, aber nicht allen
Religionsgesellschaften, das wäre im Sinn von Transparenz und Kontrolle über die
Mittel von uns allen auch sehr attraktiv.</p>

<p>Der Begriff <q>Schnapsidee</q> ist wahrscheinlich nicht aus der Zeit gefallen. Aus
der Zeit gefallen sind 40 Meter hohe schrottige Dominanz-Dekoartikel im
öffentlichen Raum und die unkritische, herabwürdigende, aus dem vorletzten Jahrhundert
hervorgekramte, aber vor allem dümmlich-inkompetente <q>Verteidigung</q> selbiger.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Nationalismus" /><category term="Donaupark" /><category term="Kreuz" /><category term="Papstbesuch" /><category term="Presse" /><summary type="html"><![CDATA[Dietmar Neuwirth darf in der Rubrik Glaubensfrage in der Presse (Eigentümerin: Die römisch-katholische Kirche in Österreich) unter der Überschrift Pinke Schnapsidee: Mahnmal zur Hexenverbrennung beim Papstkreuz Kritik an einem Vorschlag im Bezirksparlament der Donaustadt üben. Aus der Verbalinkontinenz geht nicht klar hervor, wem genau Alkoholmissbrauch zu unterstellen sei.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Die Nonnen und die Sekte</title><link href="https://athikan.at/nonnen/goldenstein/augustiner/sekte/katholisch/2025/09/28/nonnen-sekte.html" rel="alternate" type="text/html" title="Die Nonnen und die Sekte" /><published>2025-09-28T00:00:00+02:00</published><updated>2025-09-28T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/nonnen/goldenstein/augustiner/sekte/katholisch/2025/09/28/nonnen-sekte</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/nonnen/goldenstein/augustiner/sekte/katholisch/2025/09/28/nonnen-sekte.html"><![CDATA[<p>Drei Nonnen beschäftigen seit einigen Wochen die Öffentlichkeit, auch über die
Grenzen Österreichs hinaus. Sie sagen, dass sie gegen ihren Willen in ein
Altersheim gebracht wurden. Nach zwei Jahren sind sie ihr altes Kloster wieder
zurückgekehrt und leben jetzt dort. Ihr übergeordneter katholischer Orden und
andere Organe der Kirche behaupten, die Nonnen seien widerrechtlich am Gelände
und drohen mit Konsequenzen. Wie üblich können wir von außen nicht sagen, wer
Recht hat; im Fall der katholischen Kirche ist die Grundannahme, dass alle
zumindest teilweise falsch liegen, gut belegt. Mit ihren Äußerungen
demonstrieren beide Seiten, dass sie in einer eigenen Vorstellungswelt leben,
die nicht viel mit der Realität zu tun hat. Darum, wer Recht hat, soll es hier
aber nicht gehen.</p>

<p>Interessanter ist die Frage, ob dieses ganze Ordenswesen der katholischen Kirche
nicht vielleicht so etwas wie eine <q>Sekte</q>, eine für die Betroffenen und
die Gesellschaft schädliche religiöse Organisationsform ist. Wenn ja, sollte
eine Demokratie dagegen vorgehen.</p>

<!--more-->

<h2 id="was-ist-eigentlich-eine-sekte">Was ist eigentlich eine Sekte?</h2>

<p>Die <q>Bundesstelle für Sektenfragen</q> 
<a href="https://bundesstelle-sektenfragen.at/profil/begriff-sekte/">vermeidet, eine Definition zu geben</a>
und verwendet nach eigenen Angaben den Begriff (für den er vom Staat
eingerichtet wurde) nicht. Wikipedia
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sekte">erklärt</a>, dass <q>Sekte</q> ursprünglich
eine Abspaltung von einer Religionsgesellschaft bedeutet hat, heute aber aus
einem neutralen zu einem abwertenden Begriff geworden ist. Im deutschen
Sprachraum sage man heute lieber <q>religiöse Sondergemeinschaft</q> oder
<q>neu(e )religiöse Bewegung</q>.</p>

<p>Der Ausdruck <q>neureligiös</q>, den z. B. der
<a href="https://secta.fm/">Secta-Podcast</a> verwendet, lenkt berechtigte Kritik von <em>alten</em>
religiösen Organisationen geschickt ab. Wir brauchen also etwas Präziseres.</p>

<p>Der englische Begriff <a href="Cult">https://en.wikipedia.org/wiki/Cult</a> hat ähnlich wie
<q>Sekte</q> keine genaue Definition und auch dort den abwertenden Beigeschmack.</p>

<p>Nützlicher sind Ausdrücke wie <q>high control religion</q> oder <em>Hochkontrollgruppe</em>.</p>

<p>Namen und Definitionen sind eine Sache. Interessanter ist, welche Merkmale
dieser Gruppen kritisiert werden.</p>

<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sekte">Wikipedia</a> nennt unter anderem:</p>

<ul>
  <li>Einschränkungen der Meinungsfreiheit von Gruppenmitgliedern</li>
  <li>Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Gruppenmitgliedern</li>
  <li>wirtschaftliche Ausbeutung der Mitglieder durch lange Arbeitszeiten und minimales Gehalt</li>
  <li>sexuelle Ausbeutung oder Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Gruppenmitglieder</li>
  <li>Menschenrechtsverletzungen durch gruppeninterne, gerichtsähnliche Verfahren</li>
  <li>Personenkulte um die Anführer</li>
  <li>Familienkonflikte, insbesondere wenn ein Elternteil oder Kinder die Gruppe verlassen haben oder wollen</li>
  <li>das Behindern von Kindern beim Zugang zu Ausbildung, ärztlicher Versorgung und Familienangehörigen außerhalb der Gruppe</li>
</ul>

<p>Die Sektenberatungsstelle InfoSekta in der Schweiz kennt 
<a href="https://www.infosekta.ch/was-ist-eine-sekte/sektenmerkmale/">weitere Merkmale</a>:</p>

<ul>
  <li>Gruppe mit straff hierarchischer und doktrinärer Struktur</li>
  <li>Führergestalt mit prophetischen oder guruhafter Ansprüchen</li>
  <li>Isolation und starke Abgrenzung der Gruppe nach aussen</li>
  <li>Einteilung der Welt in Gut und Böse, Schwarz-Weiss-Denken</li>
  <li>Absolutheitsanspruch</li>
  <li>Erlösungs- oder Heilsversprechen</li>
  <li>Endzeiterwartung: Gruppe erwartet Endzeit, Weltuntergang</li>
  <li>Keine offene Informationspolitik, irreführende Propaganda</li>
  <li>Selektion von Information bis hin zu bewusster Desinformation innerhalb der Gruppe</li>
  <li>Umgang mit Kritik: Kritikverbot innerhalb der Gruppe; Bekämpfung von KritikerInnen ausserhalb</li>
  <li>Kontrolle und Überwachung aller Lebensbereiche</li>
  <li>Getarnte oder irreführende Anwerbung, Indoktrination, Einsatz von bewusstseinsverändernden Methoden</li>
  <li>Gedanken- und Gefühlskontrolle: durch Erzeugung eines schlechten Gewissens und von Angst wird das Mitglied manipuliert</li>
</ul>

<p>Diese Dinge werden natürlich nicht nur zur Definition von Wörtern, die man dann
nicht verwenden will, herangezogen. Vielmehr dienen solche Sammlungen dazu,
Gruppen unabhängig von der Bezeichnung als schädlich für die Mitglieder und/oder
die Gesellschaft einzuordnen. Wegen der sehr weiten Anwendung der
Religionsfreiheit führt dies selten dazu, dass die Gesellschaft eingreift. Wenn,
dann häufig viel zu spät. Diese Lücke in unserem stark von religiösen
Traditionen geprägten Rechtssystem führt dazu, dass Menschen in den genannten
Strukturen Schaden erleiden. Auch wenn wir noch nicht die Gruppen auflösen können,
wenn sie mehrere dieser Merkmale erfüllen, können wir vor ihnen warnen und jenen,
die in ihnen sind, bewusst machen, dass ihre Grundrechte verletzt werden.</p>

<p>Perspektivisch sollte die Gesellschaft natürlich spätestens dann, wenn
Grundrechte erwiesenermaßen verletzt sind, eingreifen. Die Religionsfreiheit ist
nicht absolut, sondern durch staatliche Gesetze begrenzt. In denen manchmal
religiöse Ausnahmen existieren, wie z. B. bei der männlichen
Genitalverstümmelung. Aber bestimmte Grundrechte sind unverhandelbar und auch
nicht auf diese Weise eingeschränkt. Wenn <q>wir haben es immer so gemacht</q>
das beste Argument fürs Fortbestehen von Ausnahmen oder das Ignorieren von
Grundrechten ist, sollte die Demokratie irgendwann aufwachen und gleiches Recht
für alle schaffen.</p>

<h2 id="die-funktionsweise-katholischer-orden">Die Funktionsweise katholischer Orden</h2>

<p>In der Diskussion um die Nonnen sind verschiedene Begriffe genannt worden, die
auf Strukturen hinweisen, bei denen eine Beschäftigung mit den Sektenmerkmalen
lohnend erscheint.</p>

<p><q>Grundsätzlich</q> treten junge (oder ältere) Frauen und Männer
<q>freiwillig</q> in einen katholischen Orden ein. Diese Freiwilligkeit war
historisch jedoch nicht immer gegeben. Ob aus Armutsgründen, oder weil die
Familie das so vorgegeben hat, viele Menschen traten den Orden nach Druck von
außen bei. Auch die religiösen Drohungen, Menschen seien grundsätzlich sündig
und nur durch bestimmte Handlungen zur Erlösung berechtigt, werden bei vielen
Menschen gewirkt haben. Schließlich wird der Orden als eine Gemeinschaft mit
gesicherter Existenz und einer sinnvollen Tätigkeit beworben, was in unsicheren
Zeiten (Krieg, Krisen) sehr attraktiv erscheinen kann.</p>

<p>Diese Freiwilligkeit ist also auch heute eher nur nominell, sie kann mit dem
Mangel an Alternativen oder religiösen Einflüssen, die scheinbar keine
Alternative bieten, erklärt werden.</p>

<p>Die drei Nonnen in Goldenstein sind in den 1940-er und 1950-er-Jahren religiös
sozialisiert worden. Das war eine Zeit des finstersten Katholizismus, mit
Höllendrohungen, Zwängen, strenger Erziehung und Indoktrination. Das war der
Hintergrund ihrer vermutlich freiwilligen, aber wahrscheinlich nicht
<em>informierten</em> Einwilligung, dem Orden beizutreten.</p>

<p>Ab da ist der Weg vorgegeben. In ihrem Orden wird ein <q>Armutsgelübde</q>
abgelegt. Das bedeutet nicht, dass sie in Armut leben müssen: Sie lebten ja in
einem Schloss mit viel Platz, gesicherter Lebensgrundlage und viel Zeit für
Dinge, die nicht dem Geldverdienen dienen. Dies sind nicht die Merkmale von
Armut <a href="https://www.armutskonferenz.at/armut-in-oesterreich/was-heisst-hier-arm.html">laut österreichischer
Armutskonferenz</a>.</p>

<p>Vielmehr heißt dieses Armutsgelübde, dass ihre finanziellen Mittel ab dem
Zeitpunkt des Gelübdes dem Orden gehören. Dies gilt für aktuelle und zukünftige
Einkünfte und Einnahmen. Die Mitglieder haben also keinen Privatbesitz, und das
erstreckt sich z. B. auch auf Erbschaften von Nichtmitgliedern, die auf die
Mitglieder entfallen. Die Kirche profitiert einseitig.</p>

<p>Ein weiteres Gelübde ist jenes mit <q>Gehorsam</q>. Gehorsam bedeutet in diesem
Kontext, der katholischen Hierarchie stets zu gehorchen. Dies war lange Zeit
kein Problem für die Nonnen, weil eine von ihnen die Oberin des Ordens war. Als
der Orden jedoch unter 6 Personen zusammenschrumpfte, musste er mit einem
anderen zusammengelegt werden. Dies ergab eine neue Hierarchie. Das
Gehorsams-Gelübde wird also so geleistet, dass man nicht weiß, wer in Zukunft
die Befehle gibt und welche das sein werden. In der Welt außerhalb der Kirche
würde niemand einen Vertrag unterschreiben, in dem man sich für immer
verpflichtet, Befehle von nicht genau eingegrenzten Personen und Hierarchien
auszuführen. Dies grenzt an Sklaverei.</p>

<p>Es wird vielfach behauptet, dass die Nonnen <q>einfach aus dem Orden
ausscheiden</q> könnten, wenn es ihnen nicht gefällt. In diesem Fall würde sie
das zu illegalen Hausbesetzerinnen machen, weil das Gebäude, in dem sie leben, 
dem Orden gehört. Die Vereinbarung mit dem aufnehmenden Orden besagt ihrer
Meinung nach, dass sie ein lebenslanges Wohnrecht dort haben. Was die gewieften
Juristen der katholischen Kirche natürlich mit einem Passus abgesichert haben,
der ihrem Oberen das Recht gibt, selbst darüber zu entscheiden, ob das noch
möglich ist.</p>

<p>Die verschiedenen Gelübde können zeitlich eingeschränkt gelten, werden aber bei
der <q>ewigen Profess</q> (Ablegung des Ordensgelübdes) auf Lebenszeit abgelegt.
Diese Profess ist also eine einseitige Erklärung, in der die ablegende Person ihre
Arbeitskraft, ihre Niederlassungsfreiheit, sämtliche zukünftigen Einkünfte und
viele anderen Rechte an den Orden abgibt. Diese hochproblematische Praxis wird
damit gerechtfertigt, dass ja zuerst nur zeitlich begrenzte Gelübde in einer Art
Probezeit abgelegt werden und das Upgrade zur <q>ewigen Profess</q> komplett
freiwillig erfolgt. Stockhom-Syndrom zuerst auf Zeit, dann <q>freiwillig</q> für
immer.</p>

<p>Wir kennen den Begriff des <em>sittenwidrigen Vertrags</em>, der vorliegt, wenn eine
Übereinkunft einseitige Nachteile vorsieht, in einem großen Machtgefälle
stattfindet oder zu einem solchen führt und nicht auflösbar ist. Genau diese
Punkte treffen auf solche ewigen Gelübde zu - sie sind aber rechtlich keine
Verträge, sondern einseitige Willenserklärungen der Person.</p>

<p>Selbst das Verlassen des Ordens (was eben hier praktisch keine Verbesserung
wäre) ist einseitig benachteiligend geregelt. Die Ordensmitglieder müssen einen
Antrag stellen, der schwerwiegende Gründe für die Entscheidung enthalten muss.
Darüber entscheiden Diözese oder der Vatikan. Sie können die Entscheidung
beliebig hinauszögern oder einfach die Austrittsfreigabe verweigern.</p>

<p>Der Orden hingegen kann einseitig erklären, jemanden aus dem Orden
zu entlassen. Diese Personen bekommen dann keine Altersversorgung, haben
wegen des Armutsgelübdes keine Mittel für ihren Lebensunterhalt und verlieren
ihr gesamtes soziales Umfeld. Dies kann der Orden z. B. bei wiederholten
Verstößen gegen das Gelübde oder bei Ungehorsam aussprechen, und die katholische
Hierarchie weiß ganz genau, dass sie dieses Mittel hat. Sie hat den Nonnen auch
schon mit Konsequenzen gedroht. Genau dieses Vorgehen ist vom Kirchenrecht bei
beharrlichem Ungehorsam eindeutig vorgeschrieben, aber die mediale
Aufmerksamkeit stellt vorerst sicher, dass man lieber gegen die eigenen Regeln
verstößt, als das Image der Organisation weiter zu beschädigen.</p>

<p>Wir sehen also: Das Verhältnis zwischen Mensch und Organisation ist hochgradig
problematisch gestaltet. Solche einseitigen Verpflichtungen kann in der
Demokratie niemand mehr eingehen, außer im Bereich der Religion. Und auch da
wären wir schnell hellhörig, wenn eine <q>neureligiöse</q> oder kleine Gruppe
ein solches System einführt.</p>

<p>Kein Arbeitsvertrag wird auf ewig ohne Kündigungsmöglichkeit abgeschlossen. Im
Normalfall zahlt man über die Sozialversicherung ins Altersversorgungssystem ein
und hat damit im Fall der Arbeitsunfähigkeit eine Absicherung. Das Überschreiben
zukünftiger Einkünfte jedweder Art an einen bestimmten Empfänger ist massiv
benachteiligend und sittenwidrig. Diese für uns in der Demokratie
selbstverständlichen Aussagen gelten nicht für Ordensangehörige.</p>

<h2 id="ausgewählte-sektenmerkmale-in-zusammenhang-mit-katholischen-orden">Ausgewählte Sektenmerkmale in Zusammenhang mit katholischen Orden</h2>

<p>Schauen wir uns also an, ob die Merkmale von unerwünschten
Hochkontrollgemeinschaften auf das Verhältnis zwischen Orden und
Ordensangehörigen zutreffen. Wenn ja, kann man den Begriff der Sekte bewusst
abwertend verwenden, um Menschen vor solchen Gruppen zu warnen. Ein staatliches
Vorgehen ist natürlich nicht zu erwarten: Die Bundesstelle für Sektenfragen darf
ausdrücklich nichts tun, wenn es um anerkannte Religionsgesellschaften geht.</p>

<h3 id="gruppe-mit-straff-hierarchischer-und-doktrinärer-struktur">Gruppe mit straff hierarchischer und doktrinärer Struktur</h3>

<p>Im Orden passiert, was die/der Obere sagt. Dies ist nicht vertraglich
oder organisatorisch, sondern mit dem Gehorsamsgelübde abgesichert. Ungehorsam
kann zu Sanktionen bis hin zur Vernichtung der Existenz durch die Entlassung aus
dem Orden führen. Die Hierarchie ist doktrinär (in Kirchenlehren und -gesetzen)
vorgegeben.</p>

<h3 id="führergestalt-mit-prophetischen-oder-guruhafter-ansprüchen">Führergestalt mit prophetischen oder guruhafter Ansprüchen</h3>

<h3 id="personenkulte-um-die-anführer">Personenkulte um die Anführer</h3>

<p>In der römisch-katholischen Kirche gibt es Priester. Durch sie (in der
offiziellen Hierarchie ausschließlich Männer) spricht angeblich der allmächtige
Gott des Universums. Einer von ihnen hat besondere Zauberkraft, er ist nämlich
in Glaubensdingen unfehlbar.</p>

<h3 id="isolation-und-starke-abgrenzung-der-gruppe-nach-aussen">Isolation und starke Abgrenzung der Gruppe nach aussen</h3>

<p>Die Orden verlangen von den Mitgliedern, dass sie an einem bestimmten Ort
wohnen, arbeiten, und auch das, was anderswo als Privatleben gälte, der Gruppe
widmen. Dies gilt sogar im Ruhestand.</p>

<p>Die VertreterInnen der Kirchen haben mehrfach versucht, den Nonnen ein
Redeverbot zu verpassen, indem sie die Tatsache, dass sie unerlaubt mit Medien
sprechen, als Gehorsamsverweigerung bezeichneten. Der Ordensobere weist auch
regelmäßig darauf hin, dass die Nonnen einen magischen Ort im Kloster haben, der
für Außenstehende nicht zugänglich ist sein dürfte, aber von
MedienvertreterInnen betreten wird.</p>

<h3 id="absolutheitsanspruch">Absolutheitsanspruch</h3>

<p>Die katholische Kirche (so wie jede andere christliche Abspaltung von
Abspaltungen) vertritt mit der Lehre <q><a href="https://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P2E.HTM">Außerhalb der Kirche kein
Heil</a></q> (Punkt 846)
einen Absolutsheitsanspruch.</p>

<h3 id="erlösungs--oder-heilsversprechen">Erlösungs- oder Heilsversprechen</h3>

<p>Die Notwendigkeit der Kirche fürs <q>Heil</q> wird im gleichen Punkt 846 des
Kathechismus als Fakt behauptet: <q>alles Heil durch die Kirche, die sein Leib ist, von
Christus dem Haupt herkommt</q></p>

<h3 id="endzeiterwartung-gruppe-erwartet-endzeit-weltuntergang">Endzeiterwartung: Gruppe erwartet Endzeit, Weltuntergang</h3>

<p>Der Katechismus als offizielle Lehre der römisch-katholischen Kirche ist voll
mit Endzeiterwartungen, hier z. B. <a href="https://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P2V.HTM">das letzte
Gericht</a>, direkt nach dem
Kapitel über die Hölle.</p>

<p>Dies mag den durchschnittlichen Gläubigen nicht mehr so eindringlich und real
erscheinen – die professionellen Leichtgläubigen, die an dieser
Auseinandersetzung beteiligt sind, kennen zumindest den Inhalt und glauben
höchstwahrscheinlich daran.</p>

<h3 id="keine-offene-informationspolitik-irreführende-propaganda">Keine offene Informationspolitik, irreführende Propaganda</h3>

<h3 id="selektion-von-information-bis-hin-zu-bewusster-desinformation-innerhalb-der-gruppe">Selektion von Information bis hin zu bewusster Desinformation innerhalb der Gruppe</h3>

<p>Im Beispiel der Auseinandersetzung über die Nonnen von Goldenstein z. B. die
Weigerung der anderen Seite, Belege für die eigene Position vorzulegen; generell
widersprüchliche Aussagen. Ein Vertrag, der – den Nonnen zufolge – ihnen das
lebenslange Recht, im Kloster zu wohnen, gibt, aber in versteckten, schwer
verständlichen Klauseln eben dies negiert.</p>

<h3 id="umgang-mit-kritik-kritikverbot-innerhalb-der-gruppe-bekämpfung-von-kritikerinnen-ausserhalb">Umgang mit Kritik: Kritikverbot innerhalb der Gruppe; Bekämpfung von KritikerInnen ausserhalb</h3>

<p>Die Nonnen wurden mehrmals darauf hingewiesen, dass ihre Befehlsverweigerung und
ihre Kommunikation Sanktionen nach sich ziehen werden. Kritische
Berichterstattung in den Medien wird auch angegriffen. Anfangs wurde dem
<a href="https://dunkelkammer.simplecast.com/">Dunkelkammer-Podcast</a>, der die Affäre ins
Rollen gebracht hat, mit gerichtlichem Vorgehen gedroht.</p>

<h3 id="kontrolle-und-überwachung-aller-lebensbereiche">Kontrolle und Überwachung aller Lebensbereiche</h3>

<p>Genau diesem Zweck dienen die verschiedenen Gelübde; die Verpflichtung, im
Kloster zu bleiben; die Redeverbote und schließlich die Umstände, wie die Nonnen
nach Krankenhausaufenthalten oder Reisen in einer koordinierten Geheimaktion
teilweise nur mit Nachthemd bekleidet ins Altersheim gebracht wurden.</p>

<p>Da die Gelübde <q>ewig</q> gelten und die Ausstiegsmöglichkeiten einseitig
beschränkt sind, erstreckt sich die Kontrolle unangemessen lang und stark, und
auch auf Dinge, die beim Leisten des Gelübdes noch nicht bekannt waren.</p>

<h3 id="getarnte-oder-irreführende-anwerbung-indoktrination">Getarnte oder irreführende Anwerbung, Indoktrination</h3>

<p>Die Nonnen sind als Kinder in einem extremen Katholizismus indoktriniert worden.
Vieles davon wird heute (z. B. nach dem zweiten vatikanischen Konzil und nach weiteren
<q>Entwicklungen</q>) selbst in der katholischen Kirche anders gesehen.</p>

<p>Die irreführende Anwerbung führt dazu, dass Menschen sich verpflichten, ihr
Leben lang unkritisch der Organisation zu dienen, egal, wohin sich diese
<q>entwickelt</q>, egal, was sie mit ihnen macht.</p>

<h3 id="gedanken--und-gefühlskontrolle-durch-erzeugung-eines-schlechten-gewissens-und-von-angst-wird-das-mitglied-manipuliert">Gedanken- und Gefühlskontrolle: durch Erzeugung eines schlechten Gewissens und von Angst wird das Mitglied manipuliert</h3>

<p>Die <a href="https://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P2U.HTM">Hölle ist weiterhin Teil</a>
der katholischen Lehre. Den Nonnen wurde bereits mit der Exkommunikation
gedroht. Dies führt in der katholischen Vorstellungswelt direkt dazu, dass man
nicht mehr als Teil der Kirche angesehen wird und das Heilsversprechen verliert.
Die Angst vor ewiger Folter ist in diesem Glaubenssystem eine notwendige
Konsequenz, das schlechte Gewissen eine im echten Leben beabsichtigte Folge.</p>

<p>Aber auch die Angst, vor dem Nichts zu stehen, ist im besprochenen Fall real.
Die Ersparnisse des ehemaligen Ordens der Nonnen sind an den größeren Orden
übergeben worden, das beinhaltet z. B. die Erbschaft und die Einkommen der
Frauen aus ihrer Arbeit als Lehrerinnen. Laut Medienberichten mehr als 400.000
Euro. Daraus ließe sich ein selbstbestimmter Lebensabend gestalten, wenn die
Nonnen nicht in diesem System gefangen wären. Die Alternative, das Ausscheiden
aus dem Orden, lässt sie ins Nichts fallen: Keine Wohnstätte, keine finanziellen
Mittel, nur die dürftige soziale Absicherung des Staates.</p>

<h3 id="einschränkungen-der-meinungsfreiheit-von-gruppenmitgliedern">Einschränkungen der Meinungsfreiheit von Gruppenmitgliedern</h3>

<p>Die Mitgliedschaft in einem katholischen Orden ist an den Glauben an die Lehre
der katholischen Kirche geknüpft. Dieser Glaube enthält etliche Denkverbote und
vorgeschriebene Glaubensinhalte.</p>

<h3 id="einschränkungen-der-bewegungsfreiheit-von-gruppenmitgliedern">Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Gruppenmitgliedern</h3>

<p>Die Ordensmitglieder können je nach Ordensregeln an den Standort gebunden sein.
Sie haben magische Bereiche, in die sie theoretisch keine Fremden reinlassen
dürfen.</p>

<h3 id="wirtschaftliche-ausbeutung-der-mitglieder-durch-lange-arbeitszeiten-und-minimales-gehalt">Wirtschaftliche Ausbeutung der Mitglieder durch lange Arbeitszeiten und minimales Gehalt</h3>

<p>Mit dem <q>Armutsgelübde</q> treten die Ordensmitglieder ihr gesamtes Einkommen
an den Orden ab. Nicht jede problematische Hochkontrollgruppe würde etwa eine
Erbschaft eines Mitglieds automatisch an sich reißen – der katholische Orden
tut es.</p>

<p>Da im Orden keine Trennung zwischen Arbeitszeit und Privatleben besteht, sind
die Mitglieder de facto die ganze Zeit für den Orden (=Arbeitgeber) tätig.</p>

<p>Es werden regelmäßig Fälle von
<a href="https://www.arbeitsinspektion.gv.at/Uebergreifendes/Arbeitsschutz_-_Allgemeines/Menschenhandel_und_Arbeitsausbeutung.html">Arbeitsausbeutung</a>
bekannt: Menschen werden mit falschen Versprechen nach Österreich gelockt (also
<q>freiwillig</q>), ihnen werden die Dokumente abgenommen und erklärt, dass sie
jetzt etwas anderes machen müssen, und zwar vorerst ohne Bezahlung, um die
Kosten ihrer Anreise zu finanzieren. Unterkunft (die sie nicht verlassen dürfen)
und Essen bekommen sie, aber ihre Arbeitkraft wird ausgebeutet. Wenn sie
flüchten, sind sie in einer prekären Situation mit nichts in der Hand. In
solchen Fällen werden die Verursacher, die von der Ausbeutung profitieren,
gerichtlich verfolgt. Diese Arbeitsausbeutung wird zu Recht als eine Form der 
modernen Sklaverei verfolgt.</p>

<p>Die Nonnen haben, als sie gegen ihren Willen ins Pflegeheim verschleppt wurden,
den Zugang zu ihren persönlichen Dokumenten verloren, da gleich die Schlösser
des Klosters ausgetauscht wurden. Sie mussten vorher an einem festgelegten Ort
wohnen und bis ins hohe Alter zumindest teilweise fremdbestimmt arbeiten. Der
Lohn wurde ihnen abgenommen (dem Orden zugewiesen), sie erhielten nur Kost
(selbst zubereitet, teilweise selbst angebaut) und Logie.</p>

<p>Es ist Aufgabe der Gerichte, darüber zu entscheiden, ob diese Strukturen etwas
miteinander zu tun haben.</p>

<h3 id="sexuelle-ausbeutung-oder-fälle-von-sexuellem-missbrauch-von-kindern-und-jugendlichen-durch-gruppenmitglieder">Sexuelle Ausbeutung oder Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Gruppenmitglieder</h3>

<p>Die katholische Kirche ist weltweit für Kindervergewaltigung berüchtigt und hat
diese dort, wo es ging, so lang wie es ging vertuscht.</p>

<p>Ein weiterer Bereich, der erst später bekannt wurde, ist <a href="https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/neue-missbrauchsstudie-nonnen-sind-sowohl-opfer-als-auch-taeterinnen">sexuelle Gewalt gegen
Ordensfrauen</a>.
Es ist klar, dass die Strukturen im Orden jede Form von Zwang und Gewalt
begünstigen und die Aufklärung sowie die Vermeidung zukünftiger Taten erschweren
bis verunmöglichen.</p>

<h3 id="menschenrechtsverletzungen-durch-gruppeninterne-gerichtsähnliche-verfahren">Menschenrechtsverletzungen durch gruppeninterne, gerichtsähnliche Verfahren</h3>

<p>Nicht alle Religionsgemeinschaften maßen sich an, ein eigenes <q>Recht</q> zu
besitzen. Der Mammut im Raum ist hier die katholische Kirche. Ihr
<q>gruppeninternes</q> Rechtssystem wird an staatlich finanzierten Universitäten
gelehrt, die Verfahren intern geführt. Die Verfahren sind schon allein durchs
Machtgefälle und die besonders unausgewogenen Rechte und Pflichten zwischen
Mitglied und Gemeinschaft unfair und verletzen grundlegende Rechte auf ein
faires Verfahren.</p>

<h3 id="familienkonflikte-insbesondere-wenn-ein-elternteil-oder-kinder-die-gruppe-verlassen-haben-oder-wollen">Familienkonflikte, insbesondere wenn ein Elternteil oder Kinder die Gruppe verlassen haben oder wollen</h3>

<p>Durchs Verbot der sexuellen Aktivität ist dieser Punkt oberflächlich gesehen
nicht relevant.</p>

<p>In dem Kontext, dass die Orden durch ihre geschlossene Struktur <a href="https://betroffen.at/als-minderjaehrige-von-pfarrer-geschwaengert-eine-frau-klagt-an/">sexuelle Gewalt
begünstigen</a>,
entstehen solche Konflikte durchaus. Schwanger gewordene Nonnen, auch nach einer
Vergewaltigung, wurden aus dem Orden ausgeschlossen oder zu <a href="https://www.dw.com/de/ex-nonne-ich-war-das-ideale-opfer/a-47406440">Schwangerschaftsabbrüchen
gezwungen</a>.</p>

<h2 id="fazit">Fazit</h2>

<p>Diese ausgewählten Punkte, jeder einzelne für sich problematisch, zeigen klar:
Die katholischen Orden haben mindestens 17 Sektenmerkmale unbestreitbar belegt.
Viele Gruppen, die traditionell als Sekte bezeichnet wurden, etwa einige
Freikirchen, erreichen diesen Highscore nicht einmal annähernd. Bemerkenswert.</p>

<p>Da wir nicht erwarten können, dass die Republik Österreich in naher Zukunft
durchgreifen und diese Praxis untersagen wird, können wir nur die zukünftigen
Opfer solcher Systeme warnen. Die Bundesstelle für Sektenfragen tut das
nicht, sie hat gar nicht die Möglichkeit dazu. Es geht ja um eine <em>anerkannte</em>
Religionsgesellschaft, die ganz offensichtlich problematischen Umgang mit ihren
Mitgliedern pflegt und das in Österreich uneingeschränkt tun darf.</p>

<p><img src="/bilder/2025/geluebde-katholisch-2003-2024.png" alt="Diagramm: Verlauf der Gelübde in der österreichischen römisch-katholischen
Kirche 2023-2024" /></p>

<p>Glücklicherweise fällt die Zahl der Menschen, die in Österreich in der
katholischen Kirche ein Gelübde leisten, stetig. Es gab bereits Jahre mit
einer einstelligen Zahl dieser Opfer eines menschenverachtenden Systems.
Natürlich ist jede/r einzelne Betroffene zu viel. Da sie wahrscheinlich nicht
selbst den Athikan lesen, ist es unsere gesellschaftliche Verantwortung, sie und
die Gesellschaft über diese Dinge aufzuklären.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Nonnen" /><category term="Goldenstein" /><category term="Augustiner" /><category term="Sekte" /><category term="katholisch" /><summary type="html"><![CDATA[Drei Nonnen beschäftigen seit einigen Wochen die Öffentlichkeit, auch über die Grenzen Österreichs hinaus. Sie sagen, dass sie gegen ihren Willen in ein Altersheim gebracht wurden. Nach zwei Jahren sind sie ihr altes Kloster wieder zurückgekehrt und leben jetzt dort. Ihr übergeordneter katholischer Orden und andere Organe der Kirche behaupten, die Nonnen seien widerrechtlich am Gelände und drohen mit Konsequenzen. Wie üblich können wir von außen nicht sagen, wer Recht hat; im Fall der katholischen Kirche ist die Grundannahme, dass alle zumindest teilweise falsch liegen, gut belegt. Mit ihren Äußerungen demonstrieren beide Seiten, dass sie in einer eigenen Vorstellungswelt leben, die nicht viel mit der Realität zu tun hat. Darum, wer Recht hat, soll es hier aber nicht gehen. Interessanter ist die Frage, ob dieses ganze Ordenswesen der katholischen Kirche nicht vielleicht so etwas wie eine Sekte, eine für die Betroffenen und die Gesellschaft schädliche religiöse Organisationsform ist. Wenn ja, sollte eine Demokratie dagegen vorgehen.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Filmkritik: Die Bologna-Entführung</title><link href="https://athikan.at/filmkritik/edgardo/mortara/kirchenstaat/katholisch/2024/10/08/bologna-entf%C3%BChrung.html" rel="alternate" type="text/html" title="Filmkritik: Die Bologna-Entführung" /><published>2024-10-08T00:00:00+02:00</published><updated>2024-10-08T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/filmkritik/edgardo/mortara/kirchenstaat/katholisch/2024/10/08/bologna-entf%C3%BChrung</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/filmkritik/edgardo/mortara/kirchenstaat/katholisch/2024/10/08/bologna-entf%C3%BChrung.html"><![CDATA[<p>Der Film “Die Bologna-Entführung” läuft aktuell im Kino, und ich habe ihn mit
zwei <a href="https://podcast.athikan.at/">Radio-Athikan-Podcast</a>-Hörern angeschaut.
Insgesamt ein empfehlenswerter, gut gemachter, aber auch anstrengender Film.</p>

<p>In dieser Filmkritik möchte ich aus säkularer Sicht auf einige Dinge eingehen,
die die klassische Filmkritik (wofür ich wiederum nicht ausgebildet bin)
wahrscheinlich nicht so beachtet.</p>

<!--more-->

<p>Die Geschichte ist seit 160 Jahren bekannt, ich hoffe, dass ich sie für niemanden
spoilere.</p>

<p>Um 1858 herum ist Bologna noch Teil des Kirchenstaates, dessen Oberhaupt der
Papst in Rom ist. Die jüdische Familie Mortara lebt in einem gewissen Wohlstand
halbwegs unbehelligt in der Stadt, bis der Inquisitor mit Polizisten, die ihm
unterstehen, erscheint, und den sechsjährigen Buben Edgardo mitbringt. Grund:
Der sei getauft, damit Christ, und nach Kirchenrecht dürfe er nicht in einer
jüdischen Familie aufwachsen. Die Eltern wissen nicht, wann der Bub getauft
worden sein soll, können die Staatsmacht aber nicht aufhalten.</p>

<p><em>Hintergrund: Im Kirchenstaat konnten sich JüdInnen nur unter strengen Auflagen
niederlassen und wirtschaftlich betätigen und mussten Sondersteuern zahlen. Sie
waren also stark benachteiligt, aber in relativer Sicherheit. Solche
Kindesentführungen gab es in den Jahrhunderten davor regelmäßig, im 19.
Jahrhundert waren sie schon seltener.</em></p>

<p>Nach der Wegnahme darf Edgardo noch einmal für einen Tag nach Hause.
Gleichzeitig lügt der Pfarrer, mit dem die Eltern verhandeln, über die Zukunft
des Kindes, und gibt an, dass Edgardo in Bologna bleiben wird. Dem ist nicht so;
der Bub wird nach Rom gebracht. Er kommt in ein Internat, das im Vatikan direkt
dem Papst unterstellt ist, und tatsächlich kümmert sich der Papst auch
persönlich ums Kind.</p>

<p>Es dauert nicht lang, bis die Weltpresse Wind vom Ereignis bekommt. Dies ist
eine der ersten in der langen Reihe von weltweiten Empörungen über die
Machenschaften der katholischen Kirche. Die Stimmung ist eindeutig gegen den
Papst, sogar Länder mit katholischer Mehrheit (Österreich, Frankreich usw.)
protestieren. Dies beschäftigt den Papst (<q><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pius_IX.">Pius
IX.</a></q>) zwar, aber er
lehnt als vermeintlicher Wahrheits-Besitzer jede <q>Einmischung</q> ab. Das war
übrigens der Papst mit der <q>Unfehlbarkeit</q>, und auch Massenpsychosen wie
der Beginn der Lourdes-Hysterie fallen in seine lange Amtszeit.</p>

<p>Das sechsjährige Kind, das mit der grauslichen katholischen <q>Ästhetik</q> bis
dahin keinen Kontakt hatte, wird in Rom diesbezüglich einer Schocktherapie
unterzogen. Einerseits schenken sie ihm eine Halskette mit Kreuz und reden ihm
ein, das sei ein Glücksbringer (kann man im weiteren Verlauf des Films so nicht 
bestätigen), andererseits wird er regelmäßig mit übergroßen Folterdarstellungen
in Form von Kruzifixen und Statuen konfrontiert. Weiteren geistlichen Missbrauch
zeigt der Film nicht. Im Gegenteil, das Kindermissbrauchsheim, in dem er
gefangen gehalten wird, bietet ihm oberflächlich gute Bedingungen, eine
niveauvolle Ausbildung (zusätzlich zum katholischen Schwachsinn), gleichaltrige
Kinder, Aufmerksamkeit des Papstes und materielle Dinge wie gutes Essen – aber
auch gnadenlose Indoktrination.</p>

<p>Währenddessen finden die Eltern heraus, dass das katholische Kindermädchen
Edgardo einmal in einem unbeobachteten Moment <q>notgetauft</q> hat. Hier eiert
der Film etwas ums historisch bekannte Geschehen herum: Die Eltern behaupten,
dass es keine schwere Krankheit gegeben hätte, während die <q>Nottaufe</q>
damals mit einer solchen gerechtfertigt wurde.</p>

<p>Das Kind, das nach einem angeblich im Geheimen ausgeführten, oberflächlichen
Ritual seiner Menschenwürde und seiner Identität beraubt wird, wird im Vatikan zur
Sicherheit (?) noch einer zweiten Taufe unterzogen. Das ist in Katholistan eigentlich 
verboten, aber wie immer gibt es im kanonischen <q>Recht</q> eine Hintertür, in
Form der <q>Konditionaltaufe</q>, die für den Fall gedacht ist, dass die
erste Taufe zweifelhaft war. Nachdem der eigentliche Grund der Entführung also in
Zweifel steht, werden unumkehrbare Tatsachen geschaffen. Ein zweiter
juristischer Ansatz, nach dem man Kinder unter sieben Jahren nicht entführen
dürfte, scheitert später vor Gericht. Insgesamt lässt der Film beim
Gerichtsprozess, der sowieso nur die Bestrafung des Inquisitors in Bologna, aber
nicht die Rückgabe Edgardos betrifft, Fragen offen.</p>

<p>Bologna wird zwei Jahre nach der Entführung aus dem Kirchenstaat befreit. Dies
ist ja die Zeit der Vereinigung Italiens. Bis auch Rom drankommt, dauert es
jedoch noch weitere zehn Jahre. Bis dahin ist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Edgardo_Mortara">Edgardo
Mortara</a>
schon <q>umerzogen</q>, er ist in der Ausbildung zum Priester.
Sein Bruder, der unter den Revolutionären kämpft, holt sich von ihm eine Abfuhr:
Edgardo kommt nicht nach Hause. Bei einem späteren Besuch weist er auch seine
Eltern zurück. Der Film endet damit, dass er seiner Mutter, die am Sterbebett
liegt, noch eine Taufe aufzwingen will. Dies ist, wie andere Darstellungen im
Film auch, nicht historisch.</p>

<p>Die Vorgänge, die dazu führen, dass aus einem sechsjährigen, in seiner Familie
glücklich lebenden Kind ein katholischer Priester wird, werden im Film nicht
gezeigt. Auch der übliche geistliche Missbrauch scheint nur in Ansätzen durch,
etwa in der Szene, in der die Kinder nach dem Tod eines kranken Mitschülers
diskutieren, dass sie wohl nicht genug gebetet haben. Aber keine einzige
Höllendrohung gegenüber den Kindern, kein Aufhetzen gegen eine <q>sündige</q>
Welt, gegen Frauen, gegen die Eltern. Wenn antijudaistische Gebete gesprochen
werden, sind sie <q>nur</q> akustische Untermalung, kein Teil der Ausbildung.
Insofern ist der Werdegang vom verschreckten Buben, der mit der Mama nach Hause
möchte und vorm Einschlafen noch sein jüdisches Gebet spricht, zum
Priesterseminaristen zehn Jahre später nicht gut nachgezeichnet.</p>

<p>Dass es eine schlechte Idee ist, der dogmengesteuerten und menschenverachtenden
katholischen Kirche Staatsgewalt zu geben, ist keine Schlussfolgerung, die man
sich schwer erarbeiten müsste. Schließlich hat der Fall schon damals zu
weltweiter Empörung geführt. Mit der danach ausbleibenden Unterstützung
Frankreichs für den Kirchenstaat hat die Kindesentführung sogar das Ende dieser
veralteten Theokratie beschleunigt. Dogmen und <q>Recht</q>, die zum eigenen
Untergang führen: Das ist ein Kennzeichen eines dysfunktionalen Systems.</p>

<p>Eines Systems, das trotz allem noch von Kräften wie <em>Opus Dei</em> herbeigesehnt
wird. Dass das keine Verschwörungserzählung ist, zeigen die Verbindungen
zwischen dem aktuellen US-amerikanischen Vizepräsidentschaftskandidaten JD
Vance, der Heritage Foundation mit ihrem <q><a href="https://www.factcheck.org/2024/09/a-guide-to-project-2025/">Project
2025</a></q>, und
katholischen Kreisen, die in die Zeit vor dem <q>zweiten Vatikanum</q>
zurückkehren wollen. In diesem <q>zweiten vatikanischen Konzil</q> wurde die
katholische Kirche in den 1960-er-Jahren minimal modernisiert, zum großen Ärger
von Kräften wie eben Opus Dei. Die rechtskonservative Ausrichtung der Kirche in
manchen Ländern, unter anderem in den USA, führt direkt zu einem politischen und
gesellschaftlichen Machtanspruch. Auch wenn Katholiken in den USA immer eine
Minderheit waren: Langjährige, gut finanzierte und organisierte Machenschaften
haben etwa das Supreme Court mit einer konservativ-katholischen Mehrheit
besetzt. Im Gegensatz zu den fragmentierten und leicht für jeden fromm
klingenden Blödsinn motivierbaren evangelikalen Freikirchen sind die Katholiken
ein homogener, hierarchisch organisierter Block mit lang angelegten und
konsequent ausgeführten Plänen und dem nie vergessenen Wunsch, möglichst der
ganzen Welt vorzuschreiben, wie sie zu sein hat. Wer die <em>Wahrheit</em> exklusiv
besitzt, braucht sich nicht um Demokratie zu kümmern. Die WählerInnen in den USA
<em>könnten</em> im Film sehen, was ihnen langfristig blüht, wenn sie sich für den
dümmlichen und leicht manipulierbaren Trump und JD Vance, den Kandidaten dieser
<em>trad-cath</em>-Kreise, entscheiden.</p>

<p>Der Film wiederholt ein Motiv mehrmals: Die katholischen Handelnden werden
gefragt, ob sie sich schämen. Aber das tun sie nicht. Zu tief sind sie in
ihrem Katholizismus gefangen, in dem die Ordnung, die Hierarchie und die
Einbildung, grundsätzlich die richtige Seite zu sein, über menschlichem
Empfinden stehen. Dieses Weltbild bringt Leute dazu, Dinge zu tun, für die sie
sich schämen sollten. Bis heute, wenn wir an die Vertuschung von
Kindesmissbrauch und weitere Verbrechen christlicher Kirchen denken.</p>

<p>Scham ist ein sozialpsychologischer Korrekturmechanismus. Wir empfinden Scham,
wenn wir etwas gesellschaftlich Inakzeptables getan haben oder tun. In einer
funktionierenden Gesellschaft würde Scham Verstöße gegen Normen von innen, aus
dem Menschen heraus sanktionieren oder vermeiden, mit zwei Ausnahmen: Einerseits
gibt es Sozio- oder PsychopatInnen, denen soziale Regeln egal sind;
andererseits so sehr indoktrinierte Menschen, dass bei ihnen diese menschliche
Regung nicht mehr stärker sein kann als ihre Mitarbeit an und Unterstützung für
Unrecht.</p>

<p>Eine starke Szene im Film ist wohl auch künstlerische Freiheit: Der Papst
betrachtet Zeitungen aus der ganzen Welt, die sich mit dem Fall beschäftigen.
Darunter auch eine Karikatur, die die erzwungene Beschneidung des Papstes
andeutet. Davon träumt der dann auch: Finstere Figuren umgeben ihn und
führen die Beschneidung durch.
Wenn das eine Art Motiv zur ausgleichenden Gerechtigkeit im Kontrast zur
Entführung gewesen sein sollte, ist dies, wenn man es zu Ende denkt, gründlich
schiefgegangen. Es waren ja die Eltern von Edgardo, die genau dies ihrem Sohn
und seinen Brüdern angetan haben. Der Penis des Chef-Volcels war zu keiner Zeit
in Gefahr.</p>

<p>Interessant fand ich, dass in den dargestellten Gottesdiensten häufig Kirchen zu
sehen sind, die bis auf die Handelnden ziemlich leer stehen. Ob das ein
Verweis auf die heute so leer bleibenden Kirchen ist? Jedenfalls sieht man selten
normale, nicht mit dem Vatikan in Verbindung stehende Menschen in den Kirchen.
Anwesend sind hauptsächlich der aufgeblähte Apparat der verkleideten
Berufschristen sowie ihre Opfer.</p>

<p>Von idiotischen Ritualen gibt es auch genug. Wer sehen möchte, wie ein Papst auf
allen Vieren eine <q>heilige Treppe</q> hinaufkriecht, während er Gebete aufsagt,
kann das im Film haben. Mehrmals sind aber auch entwürdigende, vom Papst
angeordnete Unterwerfungsrituale zu sehen – ein <q>geistlicher Anführer</q>,
der im Mittelalter steckengeblieben ist und seine Macht missbraucht.</p>

<p>Insgesamt ein sehenswerter Film, der auch durch die kleinen und größeren
Abweichungen von der wahren Geschichte spannend bleibt. Eine Dokumentation des
geistlichen und wahrscheinlich körperlichen Missbrauchs, der dazu geführt hat,
dass ein geraubtes Kind sich von seiner Familie abwendet und sich der
Entführerorganisation anschließt, ist darin allerdings nicht enthalten,
genausowenig wie eine Auseinandersetzung mit anderen Verbrechen des
Kirchenstaates.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Filmkritik" /><category term="Edgardo" /><category term="Mortara" /><category term="Kirchenstaat" /><category term="Katholisch" /><summary type="html"><![CDATA[Der Film “Die Bologna-Entführung” läuft aktuell im Kino, und ich habe ihn mit zwei Radio-Athikan-Podcast-Hörern angeschaut. Insgesamt ein empfehlenswerter, gut gemachter, aber auch anstrengender Film. In dieser Filmkritik möchte ich aus säkularer Sicht auf einige Dinge eingehen, die die klassische Filmkritik (wofür ich wiederum nicht ausgebildet bin) wahrscheinlich nicht so beachtet.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Ist die absolute römisch-katholische Bevölkerungsmehrheit zu Ende?</title><link href="https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/bev%C3%B6lkerungsmehrheit/2024/09/22/ende-katholische-mehrheit.html" rel="alternate" type="text/html" title="Ist die absolute römisch-katholische Bevölkerungsmehrheit zu Ende?" /><published>2024-09-22T00:00:00+02:00</published><updated>2024-09-22T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/bev%C3%B6lkerungsmehrheit/2024/09/22/ende-katholische-mehrheit</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/bev%C3%B6lkerungsmehrheit/2024/09/22/ende-katholische-mehrheit.html"><![CDATA[<p>Nach der Veröffentlichung der Daten der <a href="https://www.katholisch.at/site/kirche/sl/kircheinoesterreich/statistik">römisch-katholischen Kirche für
2023</a>
habe ich darauf hingewiesen, dass die bisherige absolute Bevölkerungsmehrheit (über 50 %
der Bevölkerung) <a href="https://hpd.de/artikel/oesterreich-hat-keine-katholische-mehrheit-mehr-22479">vorbei ist</a>.
Hier beschreibe ich, warum das eine statistisch gut abgesicherte Aussage ist und
wie Interessierte die Aussage mit öffentlich zugänglichen Daten und Methoden
überprüfen können.</p>

<!--more-->

<p>Für die quartalsweise Vorhersage der <a href="https://wiki.avoesterreich.at/index.php/Konfessionen_und_Konfessionsfreie_in_%C3%96sterreich">Verteilung der Konfessionen und
Konfessionsfreien in
Österreich</a>
muss ich für die römisch-katholische und die evangelischen Kirchen jeweils eine
Hochrechnung der aktuellen Zahl für die vergangenen Quartale machen. Hierfür
ziehe ich jeweils die letzten drei Jahre in den verfügbaren Daten heran. Die
katholische Kirche publiziert ihre Vorjahreszahlen ja erst im Herbst, deswegen
ist es notwendig, bis zu sieben Quartale so hochzurechnen – die Alternative
wäre, mit veralteten Daten zu arbeiten.</p>

<p>Die Zahlen aus den letzten Jahren gewichte ich so, dass jeweils das letzte Jahr
das höchste Gewicht hat, das Jahr davor weniger, und das drittletzte Jahr noch
weniger. Die Formel ist: (3 * Vorjahr + 2 * Vorvorjahr + Vorvorvorjahr) / 6.</p>

<p>Die Gewichtung ist bei solchen jährlichen Verläufen eine anerkannte Methode. Die
Alternative zu dieser <em>linearen</em> Gewichtung wäre die <em>exponentielle</em> Gewichtung,
bei der die früheren Jahre noch weniger Gewicht bekämen. Kann man auch machen,
vielleicht verbessert es sogar die Vorhersagen, aber es gäbe mehr Menschen, die
die Berechnung nicht mehr nachvollziehen können oder wollen.</p>

<p>Die Hochrechnung nach dem Einsetzen der 2023-Daten ergibt für 2024 einen
Rückgang der Mitglieder der r-k. Kirche um 89.835. (2022: 94.389, 2023: 91.421)</p>

<p>Das folgende Diagramm zeigt, warum es sinnvoll und legitim ist, mit den Daten der letzten
drei Jahre zu arbeiten und nicht etwa mit den letzten zwanzig.</p>

<p><img src="/bilder/2024/verlauf-verlust.png" alt="Diagramm: Jährlicher Rückgang der römisch-katholischen
Kirche" /></p>

<p>Die dicke schwarze Linie stellt den Rückgang der Mitglieder dar, die dünne
blaue Linie zeigt einen geglätteten Verlauf und das graue Band die statistische
Streuung. Wir sehen das atypische Jahr 2010 mit der einsamen Spitze, die aus dem
grauen Band ragt. Das war das Jahr, in dem die katholische Kirche ihre
jahrelange Vertuschung und die enorme Anzahl von Missbrauchsfällen nicht mehr
leugnen konnte. Nach diesem Skandal kam es zu einer Rekordzahl von Austritten,
die erst 2022 wieder übertroffen wurden. Nach 2010 war der Mitgliederverlust für
eine Weile auf einem höheren Niveau recht konstant, aber um 2018 herum begann er
stark zu wachsen. Was immer die Ursachen dafür sind (<a href="https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/2023/12/12/katholische-kirchenaustritte-analyse.html">es gibt gute
Vermutungen</a>),
der Trend besteht schon mehrere Jahre. Bei diesem Verlauf sind die Daten von vor
acht oder zwölf Jahren einfach nicht relevant für die Zukunft.</p>

<h2 id="ist-der-anteil-sicher-unter-50-prozent">Ist der Anteil sicher unter 50 Prozent?</h2>

<p>Das Problem mit der Hochrechnung ist, dass sie nur eine einzelne Zahl ergibt, die
ziemlich sicher nicht exakt korrekt ist. Sie ist in der Größenordnung natürlich
schon zutreffend, weicht aber von der tatsächlichen Zahl, die man leider erst in
der Zukunft erfährt, ab. In den letzten Jahren war diese Abweichung meistens in
der Größenordnung von einigen tausend, und zwar immer niedriger als der reale
Wert. Das ist bei einem so steilen Anstieg der Zahlen genauso zu erwarten – die
Prognose ist ja aus dem Mittelwert alter Daten gebaut.</p>

<p>Wir können also den Wert aus der Hochrechnung nehmen, mit dem
Bevölkerungsverlauf abgleichen und den Monat aussuchen, in dem laut
Hochrechnung die Mehrheit gefallen ist. Das ist der Juli 2024. Wir wissen nur
nicht, wie sicher wir uns dabei sein können. Der Trend könnte sich ja
abgeschwächt oder verstärkt haben, dann wäre es vielleicht schon im Juni oder
erst im August soweit gewesen. Außerdem posaunt die säkulare Szene Österreichs
gerade durch alle Kanäle hinaus, dass die katholische Bevölkerungsmehrheit
vorbei ist. Wie können wir uns sicher sein, dass das stimmt?</p>

<p>Dafür gibt es statistische Methoden. Wir können uns ein Modell bauen, das
die Wahrscheinlichkeit, dass der Anteil der Katholiken in einem bestimmten Monat
unter 50 % gefallen ist, berechnet. Damit können wir einerseits die Annahme
prüfen, dass es der Juli 2024 war, andererseits sagen, wie sicher wir uns gerade
(Ende September) sind.</p>

<p>Die Umsetzung in der Statistik-Umgebung <em>R</em> ist am Ende dieses Artikels
angehängt, wer möchte, kann jeden Schritt überprüfen und Varianten berechnen. 
Dieses Verfahren nutzt eine Log-Normalverteilung, sie hat sich als
zuverlässig für diese Art von Daten erwiesen.</p>

<p>Das Programm baut aus einer wählbaren Anzahl von Jahren eine Verteilung.
Mit Hilfe dieser Verteilung gibt es die Wahrscheinlichkeit für
jeden Monat, dass es bis zu diesem Monat mindestens so viele Abgänge gab,
wie für die Unterschreitung der Bevölkerungshälfte notwendig sind. Im Jänner ist
das zum Beispiel noch extrem unwahrscheinlich, dafür müsste es allein in diesem
Monat über 57.000 Abgänge geben – das entspräche fast 700.000 Abgängen im
ganzen Jahr. Es ist klar, dass das extrem unwahrscheinlich ist. Bis Dezember
müsste die Summe der Abgänge des ganzen Jahres wiederum nur mehr 38.524
betragen, das ist ein Wert, der zuletzt 2008 unterschritten wurde. Das ist auch
wieder klar: Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es bis dahin mehr Abgänge gibt,
ist sehr hoch.</p>

<p>Folgendes Diagramm zeigt eine Wahrscheinlichkeitsverteilung, wie sie aus den
Daten der katholischen Abgänge gebaut wurde:</p>

<p><img src="/bilder/2024/relative-wahrscheinlichkeit.png" alt="Diagramm: Wahrscheinlichkeitsverteilung für Abgänge aus der katholischen
Kirche im Jahr 2024" /></p>

<p>Es ist klar zu sehen, dass Werte unter 80.000 und über 100.000 zwar möglich,
aber unwahrscheinlich sind.</p>

<p>Wenn wir das Programm mit drei Jahren und der üblichen Gewichtung (3*, 2*,
1*) laufen lassen, gibt es diese Daten aus:</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 5, notwendiger Rückgang: 121778, Wahrscheinlichkeit: 0.0022 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 6, notwendiger Rückgang: 97992, Wahrscheinlichkeit: 12 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 91 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>
</blockquote>

<p>Wir sehen also, im Juli ist die Bevölkerungsmehrheit mit hoher
Wahrscheinlichkeit unterschritten worden, und seit August ist die Sicherheit,
dass es wirklich passiert ist, sehr hoch (auf 100 % gerundet).</p>

<p>Was ist, wenn wir die Gewichtung herausnehmen?</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 6, notwendiger Rückgang: 97992, Wahrscheinlichkeit: 10 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 77 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 99 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>
</blockquote>

<p>Hier zieht das drittletzte Jahr mit dem niedrigeren Wert die Prognose stärker
herunter.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bevölkerungsmehrheit im Juli gefallen ist, ist
gesunken, aber immer noch deutlich über 50 %. Im September ist auch hier die
große Sicherheit erreicht.</p>

<p>Fünf Jahre mit Gewichtung:</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 67 %</p>

  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 98 %</p>

  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>
</blockquote>

<p>Fünf Jahre ohne Gewichtung:</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 49 %</p>

  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 91 %</p>

  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>
</blockquote>

<p>Es gibt wie erklärt gute Gründe, nicht mehr als drei oder fünf Jahre ins Modell
einzubringen. Aber es ist möglich.</p>

<p>Zehn Jahre mit Gewichtung:</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 10 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 32 %</p>

  <p>Berücksichtige 10 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 64 %</p>

  <p>Berücksichtige 10 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 87 %</p>
</blockquote>

<p>Mit den Daten der letzten zehn Jahre oder mit ungewichteten fünf Jahren
entstehen Szenarien, in denen die Mehrheit erst im August gefallen ist. Hier
wäre im September die Wahrscheinlichkeit mit 87 % bzw. 91 % auch schon recht
hoch, wir könnten uns also auch schon hinreichend sicher sein. Und das sind 
Zeiträume, die wir nicht mehr für eine seriöse Prognose heranziehen würden.</p>

<p>Selbst bei 10 und 15 Jahren ungewichtet ist noch die Wahrscheinlichkeit, dass es
im September soweit war, über 50 %. Wir müssen tatsächlich 20 Jahre zurückgehen,
damit die Verteilung aus den <em>ungewichteten</em> Zahlen den Übergang erst im Oktober
ergibt. Die Gewichtung zieht den Zeitpunkt auch hier wieder in den September
zurück. Das Programm ist also grundsätzlich in der Lage, spätere Zeitpunkte
vorherzusagen, wenn es auf älteren Daten läuft.</p>

<p>Gehen wir einmal in die andere Richtung und setzen nach Betrachtung der
Steigerungsrate im Diagramm für 2024 eine hohe Schätzung (95.000) ins
Drei-Jahres-Modell ein:</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 6, notwendiger Rückgang: 97992, Wahrscheinlichkeit: 13 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 93 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>
</blockquote>

<p>Es lohnt sich immer, verschiedene Szenarien auszuprobieren, auch mehr oder weniger
optimistische. Es geht ja um die Zukunft und um die nahe Vergangenheit, aus der
wir auch noch keine Daten haben. Mit dieser Methode können wir leicht
verschiedene Szenarien ausprobieren, was uns die Sicherheit gibt, dass unsere
Position gut begründet ist. Wer widersprechen will, muss erklären, wie ein
Szenario aussehen müsste, in dem die Aussage nicht wahr ist.</p>

<h2 id="fazit">Fazit</h2>

<p>Die Aussage, dass die katholische (absolute) Bevölkerungsmehrheit in Österreich
nicht mehr besteht, wurde mit den verfügbaren Daten überprüft. Jede sinnvolle
Art, die Daten für die Hochrechnung heranzuziehen, ergibt, dass die Mehrheit mit
hoher Wahrscheinlichkeit im Juli gefallen ist und wir im September mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen können, dass die Aussage wahr ist.</p>

<p>Die aktuelle Hochrechnung für den römisch-katholischen Bevölkerungsanteil per
Ende September 2024 ist 49,8 %. Die Konfessionsfreien sind 32 % der Bevölkerung.</p>

<p><a href="/assets/ende-katholische-mehrheit-Rskript.zip">Analyseskript herunterladen</a></p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Austritte" /><category term="Katholisch" /><category term="Statistik" /><category term="Bevölkerungsmehrheit" /><summary type="html"><![CDATA[Nach der Veröffentlichung der Daten der römisch-katholischen Kirche für 2023 habe ich darauf hingewiesen, dass die bisherige absolute Bevölkerungsmehrheit (über 50 % der Bevölkerung) vorbei ist. Hier beschreibe ich, warum das eine statistisch gut abgesicherte Aussage ist und wie Interessierte die Aussage mit öffentlich zugänglichen Daten und Methoden überprüfen können.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Römisch-katholische Kirchenaustritte: Eine statistische Analyse</title><link href="https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/2023/12/12/katholische-kirchenaustritte-analyse.html" rel="alternate" type="text/html" title="Römisch-katholische Kirchenaustritte: Eine statistische Analyse" /><published>2023-12-12T00:00:00+01:00</published><updated>2023-12-12T00:00:00+01:00</updated><id>https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/2023/12/12/katholische-kirchenaustritte-analyse</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/2023/12/12/katholische-kirchenaustritte-analyse.html"><![CDATA[<p>Was verursacht Kirchenaustritte? Es gibt dazu verschiedene Ansichten. In diesem
Artikel soll mit statistischen Methoden, aber allgemein verständlich versucht
werden, mögliche Ursachen zu prüfen und den Verlauf der Austritte aus der
römisch-katholischen Kirche Österreichs besser zu verstehen.</p>

<!--more-->

<h2 id="daten">Daten</h2>

<p>Jede Analyse beginnt mit Daten. Neben dem eigenen Archiv der von der
römisch-katholischen Kirche Österreichs <a href="https://www.katholisch.at/site/kirche/sl/kircheinoesterreich/statistik">publizierten
Daten</a>
sind für allgemeine Daten über die Bevölkerung die Statistik Austria und für
<a href="https://fowid.de/meldung/oesterreich-kirchenstatistik-katholische-kirche-1991-2018">ältere Zahlen über die Austritte und der
Katholiken</a>
die <em>Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland</em> herangezogen worden.
So konnte ich Daten über die Bevölkerung, die Anzahl der römisch-katholischen
Menschen und die Austritte aus der röm.-katholischen Kirche seit 1991
zusammenstellen. Der Bevölkerungsanteil (bis 1992 noch über 80 %, aktuell
ca. 51 %) lässt sich durch eine einfache Division errechnen. Weiters
gibt es seit 2010 Daten über die Summe der eingenommenen Kirchenbeiträge. Dazu
habe ich nirgends ältere Daten gefunden, die Kirche hat sie früher schlicht
nicht veröffentlicht. Wer sie hat, soll sie mir bitte schicken, bei Bedarf
könnte ich mit diesen Daten die Analyse wiederholen. Außerdem gibt es Daten
übers Medianeinkommen, über die evangelischen Kirchenaustritte und so weiter.</p>

<p>Alle verwendeten Daten und der Analyseprozess (im Statistiksystem <em>R</em>) sind am
Ende des Artikels verlinkt.</p>

<p>Die Anzahl der Austritte und jene der römisch-katholisch zugeordneten Menschen
sind sogenannte <em>Zeitreihen</em>. Für Zeitreihen existieren einfach nutzbare,
fertige Vorhersagemethoden. Sie haben den Vorteil, dass sie häufig automatisiert
und schnell brauchbare Vorhersagen liefern, und nichts anderes brauchen als die
Zahlen aus der Vergangenheit. Das ist aber gleichzeitig ihr Nachteil: Wir können
sie nicht verwenden, um Zusammenhänge mit anderen Daten herzustellen, um den
Verlauf durch andere Daten zu erklären.</p>

<p>Hier ist ein Beispiel für die Prognose des katholischen Bevölkerungsanteils. Mit
den Daten bis einschließlich 2022 ergibt der Algorithmus die Prognose, dass Ende
2024 der römisch-katholische Bevölkerungsanteil unter 50 % sinken wird – eine
Erwartung, die mit anderen Methoden auch bestätigt wird. Das Diagramm zeigt
neben dem wahrscheinlichsten Verlauf in den zwei immer breiter werdenden Bändern
die Unsicherheit der Vorhersage (Konfidenzintervall). Diese Unsicherheit nimmt
natürlich weiter in die Zukunft schauend zu, die Fläche der Unsicherheit wird
breiter.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_ets_anteil_katholiken.png" alt="Diagramm: Prognose des römisch-katholischen
Bevölkerungsanteils" /></p>

<p>Sobald wir die 2023-er-Daten haben, können wir sie in die Zeitreihe einfügen und
erhalten für die nächsten Jahre präzisere Vorhersagen.</p>

<p>Für die Austritte pro Jahr sind die automatischen Vorhersagen nicht so gut
brauchbar, weil die Zahlen sich von Jahr zu Jahr ziemlich stark ändern. Dass sie
mit der Zeit zunehmen, findet der Algorithmus problemlos heraus, nur sind die
eingefärbten Konfidenzintervalle so groß, dass die Vorhersage praktisch wertlos
ist.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_ets_austritte.png" alt="Diagramm: Prognose der Austritte aus der römisch-katholischen
Kirche" /></p>

<h2 id="fehlende-kausalität">Fehlende Kausalität</h2>

<p>All das beantwortet noch nicht die Eingangsfrage: Was verursacht Kirchenaustritte?</p>

<p>Die Statistik hilft uns, Korrelationen festzustellen, aber die meisten von uns
wissen: Korrelation heißt nicht Kausation. Wie in der Wissenschaft üblich können
wir mit statistischen Methoden die Ursachen nicht belegen – aber falsche
Annahmen widerlegen. Korrelation ist nicht automatisch Kausation, aber wenn eine
behauptete Ursache statistisch keine Auswirkungen hat (also die Korrelation
fehlt), ist die Annahme der Kausation <em>auch</em> widerlegt. Bei einer Ursache gehen
wir ja davon aus, dass das Ereignis A das Ereignis B oft genug nach sich zieht,
um eine Korrelation zu bemerken.</p>

<p>Weiters haben wir die Erwartung, dass ein behaupteter Zusammenhang plausibel
sein sollte. Bei <a href="https://tylervigen.com/spurious-correlations">Spurious
Correlations</a> gibt es viele
Kombinationen von Zeitreihen, die zwar korreliert sind, aber keinen plausiblen
Grund für die Annahme eines ursächlichen Zusammenhangs erkennen lassen.</p>

<p>Eine simple Methode, Annahmen über die Stärke des Zusammenhangs zwischen
verschiedenen Aspekten zu berechnen und gegebenenfalls zu widerlegen ist die
Analyse von <em>Regressionsmodellen</em>. Keine Angst, es wird nicht zu mathematisch.</p>

<h2 id="der-kirchenbeitrag-ist-es-">Der Kirchenbeitrag ist es! (?)</h2>

<p>Der katholische Kirchenhistoriker Professor emeritus Rudolf K. Höfer meint, die
Ursache zu kennen, und trägt <a href="https://www.youtube.com/watch?v=JKz7MtbcjT0">seine Ansichten darüber gerne
vor</a>. Seine wasserdichte Methode
zur Erkenntnis: „Die Bischofskonferenz hat es gesagt“.</p>

<p>Das verlinkte Video enthält gute historische Informationen, aber bei manchen
Schlussfolgerungen auch einen enormen Unterhaltungswert. Der ehemalige Professor
zitiert Austrittszahlen aus zwei österreichischen Bistümern und nennt ab 27:30
die viel niedrigeren Zahlen aus den angrenzenden Bistümern in Italien und
Slowenien. Dann erklärt er, dass das jene Leute sind, die in Österreich arbeiten
und wegen des <em>in Österreich</em> vorgeschriebenen Kirchenbeitrags im Land, in dem
sie leben, austreten (ab 29:10). Das ist nicht einmal mehr das Vergleichen von
Äpfeln und Birnen: Das ist Äpfel und Weihrauch.</p>

<p>Das System der Widmung eines Teils der Einkommenssteuer in Italien, Slowenien
und Ungarn findet Prof. em. Höfer gut zum Vermeiden von Austritten. Aber
Slowenien wieder schlecht, weil dort auch Vereine, nicht nur Kirchen begünstigt
werden können. Dass in Ungarn in 20 Jahren die Anzahl der bekennenden Katholiken
<a href="https://hpd.de/artikel/ungarn-religioese-deutlich-50-prozent-bevoelkerung-21617">fast um die Hälfte zurückging</a>, 
vergisst er, oder weiß es zu dem Zeitpunkt noch nicht.</p>

<p>Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie der jahrzehntelange Einfluss der
organisierten Leichtgläubigkeit und als Theologe die aktive Beförderung der
organisierten Leichtgläubigkeit die Fähigkeiten eines Menschen zu logischen
Schlussfolgerungen beeinträchtigen.</p>

<p>Überprüfen wir erst einmal intuitiv die Annahme. Der Vortrag schildert die
Geschichte des Kirchenbeitrags in Österreich. Wenn wir nur die Zeit der Republik
seit 1945 betrachten, sehen wir, dass der Kirchenbeitrag seither immer bestand.
Unsere Zahlenreihe startet 1991 mit über 80 % Katholiken, die in 32 Jahren auf
knapp über 50 % fallen. Zwischen 1945 und 1991, in 46 Jahren, gab es also viel
weniger Austritte als danach – bei von Anfang an bestehendem Kirchenbeitrag.</p>

<p>Die Frage der Plausibilität ist also schon einmal mit großen Fragezeichen
versehen. Die durchschnittliche Austrittsrate zwischen 1991 und 2022 kennen wir:
0,089 %. Hätte diese Austrittsrate zwischen 1945 und 1990 bestanden, würde
unsere Zeitreihe nicht von über 80 %, sondern von 65 bis 70 % starten. Wir
bräuchten in Wirklichkeit eine Erklärung, mit der die Austrittsrate trotz des
seit 1945 immer bestehenden Kirchenbeitrags zuerst 45 Jahre lang niedrig ist,
dann 20 Jahre lang langsam ansteigt, und dann ab 2010 permanent über einem
Prozent pro Jahr liegt.</p>

<p>Oder schauen wir in andere Länder, die keinen Kirchenbeitrag haben. Es stellt
sich heraus, dass die Abwendung von Religion in allen westeuropäischen Ländern
in ähnlichem Maß fortschreitet, obwohl die meisten Länder eben keinen
Kirchenbeitrag haben. Sie haben halt deswegen auch kein Konzept von einem
Religionsaustritt: Es ist einfach nicht notwendig.</p>

<p>Ungarn wurde bereits erwähnt, in Großbritannien ist nur mehr eine Minderheit
christlich, und so weiter. Selbst in den als christlich geltenden USA vollzieht
sich dieser Wandel in einem immer stärkeren Ausmaß.</p>

<h2 id="die-austritte">Die Austritte</h2>

<p>Denken wir kurz über „den Austritt“ nach. Der Kirchenaustritt einer bestimmten
Person ist die Folge psychischer Prozesse, eine innere Entscheidung. Häufig der
Verlust des Glaubens, oder die Unzufriedenheit mit der Organisation. Diese
individuellen Entscheidungen betrachten wir hier nicht, sondern die Summe der
Austritte, was dann schon eine soziologische Frage ist. Gesellschaftliche
Veränderungen haben einen Einfluss auf die individuellen Entscheidungen.</p>

<p>Jeder Austritt führt dazu, dass andere Menschen sehen, dass das in Ordnung ist.
Die Austritte werden gesellschaftlich normalisiert. Insbesondere dann, wenn die
Medien tagelang über Rekord-Austrittszahlen berichten.</p>

<p>Jeder Austritt verringert die Basis, also die Anzahl derer, die noch austreten
können. Wenn es viele Austritte gibt und die Basis sonst auch kleiner wird, und
der gleiche Anteil von Menschen (z. B. ein Prozent) pro Jahr austritt, werden
die absoluten Zahlen, also „wie viele Menschen ausgetreten sind“, kleiner und
kleiner. Dies ist die Zahl, die in den Medien diskutiert wird, und nach jeder
Rekordzahl freut sich die Kirche, wenn im darauffolgenden Jahr weniger Menschen
austreten. Auch wenn der Anteil der Ausgetretenen an der Basiszahl wieder einmal
gestiegen ist, also von 1000 Menschen sich mehr als vorher für den Austritt
entschieden haben.</p>

<p>Für unsere Analyse des Austrittsverhaltens ist aber der Anteil der vormaligen
Mitglieder, die pro Jahr austreten, hilfreicher. Wenn es einmal soweit ist, dass
die absoluten Austrittszahlen durch die schwindende Basis wieder zurückgehen,
können wir immer noch sinnvoll Trends analysieren. Und das Zurückrechnen auf
Austritte ist immer leicht möglich.</p>

<p>Außerdem haben wir auf dieser Ebene vergleichbare Daten von den evangelischen
Kirchen in Österreich; leider ist bei ihnen die Datenbasis nicht so vollständig,
aber immerhin für die letzten 15 Jahre verfügbar. (Wer mehr Daten hat, möge sie
mir bitte schicken.) Und da stellt sich heraus, dass die Austrittsrate für
evangelisch (Augsburger Bekenntnis, die größte evangelische Gruppe in
Österreich) seit geraumer Zeit über der Austrittsrate aus der
römisch-katholischen Kirche liegt.</p>

<p><img src="/bilder/2023/austrittsrate_rk_eab.png" alt="Diagramm: Austrittsrate aus der römisch-katholischen und der evangelischen
(AB) Kirche Österreichs. Orange sind die evangelischen Austritte, blau die
römisch-katholischen." /></p>

<p>Ein einziges Jahr bildet eine Ausnahme: 2010,
das Jahr der römisch-katholischen Kindesmissbrauchsskandale. Oder genauer, das
Jahr, seit dem das Image der römisch-katholischen Kirche permanent mit
Kindervergewaltigung verbunden ist. Dies ist am Diagramm auch direkt abzulesen,
aber bleiben wir erst einmal bei der evangelischen Kirche AB. Die Austrittsrate
steigt kontinuierlich, erreicht 2016 1,5 % und im Jahr 2019 2 %. Jede fünzigste
evangelische (AB) Person hat sich in diesem einen Jahr für den Austritt
entschieden – und seither jedes Jahr. Viele erinnern sich noch: Im Jahr 2019
informierte der Europäische Gerichtshof die Republik Österreich darüber, dass es
natürlich nicht geht, dass Angehörige einer Religionsgesellschaft einfach einen
zusätzlichen bezahlten Feiertag bekommen, nur durch ihre mit der Geburt und
Babytaufe erworbene Zugehörigkeit. Nach dieser Entscheidung und ihrer Umsetzung
in Österreich sind die bereits hohen Austrittsraten noch weiter gewachsen.</p>

<p>Bei den Römisch-Katholischen ist 2010, das Jahr der öffentlichen Diskussion über
die Rolle des Klerus in der Begehung und Vertuschung von
Kindervergewaltigungsfällen, ein wichtiger Meilenstein. Die Austrittsrate trat
damit permanent auf eine höhere Stufe. Kein Jahr <em>davor</em> hatte eine höhere
Austrittsrate als irgendein Jahr <em>danach</em>. Dieser Skandal köchelt weiter und
weiter, es gibt jedes Jahr Verurteilungen, Nachrichten aus anderen Ländern über
dortigen Missbrauch, es erscheinen Aufarbeitungen einzelner Diözesen und so
weiter.</p>

<p>In der Corona-Pandemie ging die Zahl der Austritte erst einmal zurück. Der
Austritt ist häufig mit einem Amtstermin verbunden (auch wenn er mittlerweile
auch mit digitaler Signatur <a href="https://humanisten.at/kirchenaustritt/">von zu Hause
aus</a> geht), die Möglichkeiten waren
somit eingeschränkt. Seither steigt die Austrittsrate aber steil an. Schon 2021
auf eine vergleichbare Höhe wie 2010 – das erscheint in den absoluten Zahlen
gar nicht so deutlich, aber da sind ja auch zehn Jahre dazwischen, in denen die
Basis merklich kleiner wurde. 2022 war dann das Jahr der Rekord-Austritte,
sowohl absolut als auch in der Austrittsrate. Einerseits erschien im Jänner 2022
der Missbrauchsbericht aus Bayern, der auch in Österreich großes Interesse fand;
andererseits fand die Kirche bereits für 2021 eine zusätzliche Erklärung für
manche Austritte, nämlich das Eintreten für die Covid-Impfungen. Dies ist
plausibel, aus vielen anderen Gruppen hat sich ein gewisser Anteil wegen der
Impfdiskussionen verabschiedet.</p>

<h2 id="statistische-modellierung-der-austrittsrate">Statistische Modellierung der Austrittsrate</h2>

<p>Wir möchten also ein Modell für die Austrittsrate bauen. (Wir wenden einen
<em>Algorithmus</em>, also festgelegte Schritte auf die Daten an, um ein <em>Modell</em> zu
erhalten – diese Dinge werden in der öffentlichen Diskussion häufig
verwechselt.) Das Modell hilft uns im Idealfall in zwei Punkten: Einerseits
können wir seine Eigenschaften analysieren, zum Beispiel die Stärke des
Zusammenhangs einzelner Aspekte mit der Zielgröße; andererseits können wir es
auch benutzen, um neue Daten, z. B. das nächste Jahr vorherzusagen. Wenn wir das
machen wollen, müssen wir uns aber auf solche Informationen beschränken, die zum
Zeitpunkt der Vorhersage bereits bekannt sind.</p>

<p>Machen wir erst einmal etwas scheinbar Dummes: Erstellen wir ein Modell der
Austrittsrate in Abhängigkeit von der Jahreszahl. Es gibt dafür zunächst keine
plausible Erklärung: Warum sollte die Austrittsrate gerade von der Jahreszahl
abhängen? Wenn wir einen Zusammenhang finden, wie erklären wir den? Außer dass,
wie wir gesehen haben, die Austrittsrate mit der Zeit zunimmt, also wäre die
Erklärung vorerst nur das, was wir schon wissen, ein Zirkelschluss.</p>

<p>Wir erhalten trotz aller Bedenken ein Modell, in das wir die Parameter (also die
Jahreszahl) nochmal einsetzen können, um die Vorhersagen des Modells zu
bekommen. Das schaut grafisch dargestellt so aus:</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_austrittsrate_jahr.png" alt="Diagramm: Vorhersage der jährlichen Austrittsrate nur mit der
Jahreszahl" /></p>

<p>Wie man leicht sieht, steigt laut <em>diesem</em> Modell aus <em>diesen</em> Daten die
Austrittsrate konstant an. Die eine Gerade, die wir erhalten haben, passt sich
aber nicht besonders gut an den tatsächlichen Verlauf an, also an die Spitzen
und die Tatsache, dass nach 2010 das Niveau anders ist als vorher. Auch die
Abweichungen am Anfang und am Ende sind ein Anlass für Besorgnis über die
Modellqualität.</p>

<p>Die Steigung der Geraden ist an den gesamten Zeitraum angepasst. Dabei wissen
wir, dass es vor 2010 eine langsamer und seither eine schneller steigende Gerade
geben müsste. Das Modell weiß das halt nicht.</p>

<p>Neben dem Diagramm können wir eine Kennzahl berechnen, die den Zusammenhang
zwischen den Vorhersagen und den tatsächlichen Werten wiedergibt. Dafür wird
gerne die R²-Statistik („Bestimmtheitsmaß“) verwendet, die in
einer einzigen Zahl wiedergibt, wie viel von der Variation der Daten das Modell
erklärt. Die R²-Zahl kann zwischen 0 und 1 liegen, höhere Werte sind besser.</p>

<p>Für unser hanebüchenes Modell erhalten wir ein R² von 0,696 („Adjusted
R-squared“ im Statistikprogramm <em>R</em>). Das ist die Basis für Vergleiche, also
von einem bewusst nicht gut gewählten Modell.</p>

<h2 id="austritte-durch-kirchenbeitrag">Austritte durch Kirchenbeitrag?</h2>

<p>Um ein Modell zu rechnen, brauchen wir immer etwas, was sich auch ändert:
Konstante Zahlen tragen zum Modell nicht bei. Wir können also nicht
„Kirchenbeitrag ja/nein“ oder „Kirchenbeitrag = 1,1 % des Einkommens“
in unsere Modelle einsetzen. Es muss etwas sein, was den tatsächlich gezahlten
oder vorgeschriebenen Kirchenbeitrag abbildet.</p>

<p>Bei der Statistik Austria bekommen wir für 1997 bis 2021 das jährliche
Median-Nettoeinkommen der unselbständig Beschäftigten. Rechnen wir davon 1,1 %, also
den Kirchenbeitrag aus, erhalten wir eine Zeitreihe, die in diesem Zeitraum von
etwa 160 auf 260 € steigt. (Für 2022 ist noch keine Zahl bei der Statistik
Austria erhältlich. Diese habe ich mit einer Zeitreihen-Vorhersage erstellen
lassen. Die Bischofskonferenz hat Anfang 2022 angekündigt, die Vorschreibungen
nicht im Ausmaß der Inflation zu erhöhen, also können sowohl die alten
Berechnungen als auch die 2022-Vorhersage ungenau sein. Aber genauer wissen wir
es derzeit einfach nicht.)</p>

<p>Wir müssen aber im Kopf behalten, dass zwar der Median-Kirchenbeitrag regelmäßig
steigt, aber das Einkommen im gleichen Maße mehr wird. Es ist also weiterhin ein
konstanter Anteil, nur könnten wir damit kein Modell bauen. Mit der Verwendung
des Median-Kirchenbeitrags überschätzen wir dessen Einfluss etwas. Gleichzeitig
ist es im Laufe eines Erwerbslebens meistens so, dass das Einkommen steigt,
somit auch der Kirchenbeitrag. Es ist also komplex.</p>

<p>Versuchen wir, ein Modell mit diesen Daten zu bauen.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_austrittsrate_medianbeitrag.png" alt="Diagramm: Vorhersage der jährlichen Austrittsrate mit dem 
Median-Kirchenbeitrag" /></p>

<p>Die Vorhersage-Kurve ist nicht mehr eine Gerade, weil das Medianeinkommen (und
damit der davon abgeleitete Kirchenbeitrag) zwischen den Jahren nicht mit dem
gleichen Abstand wächst. Und sie erwischt wichtige Perioden (z. B. den Rückgang
der Austrittsrate ab 2005, die große Spitze 2010 und die steile Steigerung ab
2021) überhaupt nicht. Im Gegenteil. Auffällig ist zum Beispiel das starke
Wachstum 2016, während die Austrittsrate zurückgeht.</p>

<p>Das Bestimmtheitsmaß R² ist 0,72, kaum größer als beim Basismodell. Das ist
keine spektakuläre Bestätigung der Hypothese „der Kirchenbeitrag verursacht
Austritte“, aber auch keine besonders starke Widerlegung, soweit es
statistische Methoden betrifft. Aber, wie erklärt, wir haben hier die für die
Hypothese günstigste Annahme verwendet, nämlich dass die absolute Höhe der
Beitragszahlungen (trotz in ähnlichem Ausmaß steigender Einkommen) wirklich die
Ursache für <em>mehr</em> Austritte wäre.</p>

<p>Ein weiteres Problem mit diesem Ansatz ist, dass, wie wir gesehen haben, im
Dezember 2023 noch kein Medianeinkommen für 2022 publiziert ist. Wir können
diese Zahl also nur dann für eine Vorhersage der Austritte verwenden, wenn wir
sie rechtzeitig erfahren oder wie hier selbst vorhersagen – was aber
zusätzliche Ungenauigkeit ins Modell einbringt.</p>

<p>Wenn die Bischofskonferenz der Meinung ist, dass der Kirchenbeitrag wirklich die
Ursache wachsender Austritte ist, hätte sie ein einfaches Mittel, diese These zu
überprüfen: Sie – und nur sie – kann die Vorschreibung verringern. Wenn die
Austritte danach zurückgehen, war die Hypothese richtig. Es ist aber die Frage,
wie weit die Bischöfe diese wichtigste Einnahmequelle noch verringern wollen:
Fundamentalistischere christliche Gemeinden verlangen von ihren Mitgliedern 10 %
des Einkommens, nicht nur 1,1 % wie die römisch-katholische Kirche in
Österreich.</p>

<p>In diesem Zusammenhang wäre es auch möglich, dass der Kirchenbeitrag zwar im
Allgemeinen keine großen Austrittsbewegungen bewirkt, aber in einzelnen
Situationen schon. Das könnte z. B. bei einem Jobverlust oder hoher Inflation
oder steigenden Energiekosten die Notwendigkeit sein, die eigenen Ausgaben
kritisch zu überprüfen und unnötige Zahlungen zu vermeiden. Dies wäre z. B. in
der Finanzkrise um 2009 herum sowie seit 2022 eine mögliche Erklärung, ein
Mit-Grund – nur eben nicht die Erklärung, die wir von der Kirche hören.</p>

<h2 id="andere-begründungen-für-austritte">Andere Begründungen für Austritte</h2>

<p>Teilweise hören wir die Behauptung: Wenn die römisch-katholische Kirche nur
bereit wäre, Zölibat, Frauendiskriminierung, die Diskriminierung von Menschen
mit anderen Lebensentwürfen usw. zu beenden, dann würden die Austritte aufhören.
Wir haben aber gesehen, dass die evangelischen Kirchen, die genau diese Probleme
nicht haben, noch höhere Austrittsraten haben. Auch die altkatholische Kirche,
die seit 2023 in Österreich eine Bischöfin hat und auch in anderen
gesellschaftlichen Fragen viel fortschrittlicher ist, könnte von 90.000
römisch-katholischen Austritten pro Jahr profitieren, wenn das der Grund wäre.
Nur sehen wir das nicht.</p>

<p>Da wir die Abwendung von Religion international in einem ähnlichen Ausmaß sehen,
wäre es naheliegend, die Säkularisierung der Gesellschaften, die wiederum ein
komplexes Phänomen mit <a href="https://fowid.de/meldung/saekularisierung-nationen">vielen
Ursachen</a> ist, als Grund zu
betrachten. Intuitiv ist das verständlich: Für die erste Person einer
Gemeinschaft kann der Austritt ein ziemlich schwieriger Schritt sein. Sind aber
bereits einige ausgetreten, fällt diese soziale Hürde für andere weg. Damit
ließe sich die steigende Austrittsrate also auch erklären.</p>

<p>Welche Kennzahl wählen wir? Da in Österreich lange Zeit die katholische Kirche
die dominante Religion war und sie heute auch ca. fünfmal so viele Mitglieder
hat wie alle anderen christlichen Religionsgesellschaften zusammen, können wir
versuchen, den Grad der Säkularisierung einfach mit dem nicht-katholischen
Bevölkerungsanteil zu errechnen. Wir haben ja für den gesamten Zeitraum die
Bevölkerung und die Anzahl der Katholiken, das ist also leicht. Nur dass wir
fürs aktuelle Jahr natürlich den Bevölkerungsanteil, der am Ende des Jahres
erreicht wird, nicht kennen – die Bevölkerung Österreichs am Ende des Jahres
auch nicht. Wir bauen das Modell für die Austritte jeden Jahres also mit den
Zahlen des Jahres davor.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_austrittsrate_saekul.png" alt="Diagramm: Vorhersage der Austritte mit dem Grad der Säkularisierung
(angenähert durch den nicht-katholischen
Bevölkerungsanteil)" /></p>

<p>Inhaltlich schaut die Kurve unauffällig aus. Sie beginnt etwas niedrig, weil
eben vor den 1990er-Jahren ein so großer Anteil der Bevölkerung noch katholisch
war. Und nach stärkeren Austrittsjahren steigt sie auch steiler an als z. B. die
Kurve auf Basis des Medianeinkommens. Die Spitzen bildet diese Kurve jedoch auch
nicht ab, und der R²-Wert liegt nur bei 0,689, also etwas niedriger als bei den
bisherigen Modellen. Statistisch ist das kein gutes Modell, obwohl wir eine so
plausible Erklärung hatten.</p>

<p>Nehmen wir also die Austritte des Jahres davor dazu. Das ist ja auch irgendwie
logisch, die „frischen“ Austritte im Umfeld können zusätzliche Menschen
dazu verleiten, den Austritt als akzeptablen Schritt anzusehen. Gleichzeitig
hilft uns das, das höhere Niveau ab 2010 abzubilden.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_austrittsrate_saekul_austr.png" alt="Diagramm: Vorhersage der Austrittsrate mit dem Grad der Säkularisierung
und die Austritte des Jahres davor)" /></p>

<p>Es wird besser. Der niedrigere Grad vor 2010 und der höhere ab 2010 werden
endlich abgebildet, die jährlichen Schwankungen und Spitzen sind halt um ein
Jahr verschoben. Das Bestimmtheitsmaß steigt auf 0,715, und wir haben immer noch
plausible Erklärungen für die Nutzung der beiden Variablen. Natürlich können wir
mit diesem Modell nur das laufende Jahr vorhersagen, und auch erst, nachdem die
Austrittszahlen fürs Vorjahr bekannt geworden sind. Langfristige Prognosen sind
mit diesem Modell nicht möglich. Aber es erklärt zunehmend besser das allgemeine
Niveau der Austrittsrate.</p>

<h2 id="skandale-als-austrittsgründe">Skandale als Austrittsgründe</h2>

<p>Vielfach werden auch katholische Skandale und andere Ereignisse mit öffentlicher
Diskussion sowie langjährige Missstände wie die Diskriminierung von Frauen als
Austrittsgründe genannt. Wie könnten wir diese abbilden?</p>

<p>Ein Ansatz ist, dafür eine Spalte namens Skandal in die Daten einzuführen. Den
Wert dieser Spalte legen wir zwischen 0 und 1 fest, auf Basis einer historischen
Betrachtung (bzw. fürs aktuelle Jahr, wenn wir es vorhersagen wollen, mit
Beobachtung der öffentlichen Diskussion während des Jahres). Natürlich ist die
Festlegung der Werte subjektiv und sollte mit Bedacht und guten Erklärungen
durchgeführt werden, und auch ohne Betrachtung der tatsächlichen Austrittskurve,
nur auf Basis der Einschätzung der öffentlichen Diskussion. Die absolute Größe
(also ob wir 1 oder z. B. 100 als Obergrenze wählen) ist auch egal, solange man
die Skandale des Jahres sinnvoll in Verhältnis mit anderen setzt.</p>

<p>Bis 2009 wähle ich für die Skandal-Variable den Wert 0, außer für 1995. Damals
wurde die Groer-Affäre publik – aber die römisch-katholische Kirche hatte noch
genug Macht und war unantastbar genug, damit es bei einer Behauptung, der nicht
einmal vernünftig nachgegangen wurde, blieb. Dies beschreibe ich mit dem Wert
0,3.</p>

<p>2010 war dann das Jahr des Kindesmissbrauchsskandals schlechthin. Die
katholische Kirche stand international und in Österreich plötzlich als
kriminelle Organisation da, es waren nicht mehr bedauerliche Einzelfälle,
sondern das System als Ganzes in der Diskussion. Dieses Jahr bekommt den
höchsten Wert, nämlich 1 zugeordnet.</p>

<p>Seither, also ab 2011 setze ich 0,3 als Basisniveau für die Skandalisierung an.
Das Thema Kindesmissbrauch bekommt die Kirche nicht weg, und das Tabu, die
Kirche, ihre Lehren und ihre Praxis sowie den Papst öffentlich zu kritisieren,
ist gefallen.</p>

<p>2020 war das Corona-Jahr, Behörden waren für eine Weile geschlossen, und viele
Menschen hatten andere Sorgen als sich um einen Kirchenaustritt zu kümmern.
Gleichzeitig behaupteten die Kirchen, ihre Stärken in der Pandemie ausspielen zu
können, nämlich den Menschen Halt zu geben. Aus diesen Gründen setze ich für
dieses Jahr 0,2 statt 0,3 an. Ja, das ist ein bisschen ad-hoc, aber die
Begründung klingt plausibel.</p>

<p>2021 und 2022 waren die öffentlichen Diskussionen wieder stärker. Die Kirche
nannte als Austrittsgrund in vielen Fällen das Eintreten für Impfungen. Kardinal
Schönborn mit der Aussage „Herr, lass Hirn regnen!“ kam für viele auch
nicht ideal rüber. Anfang 2022 erschien zudem die
München-Freising-Missbrauchsstudie, die auch den Ex-Papst Ratzinger belastete.
Dazu kamen weithin diskutierte Themen wie die Inkompetenz von Kardinal Woelki,
der „Synodale Weg“ und die Rückmeldungen dazu, dass es eh egal ist, was die
nationalen Versammlungen beschließen, und so weiter. Für 2021 wähle ich daher
0,5 und für 2022 0,75 als Skandal-Wert.</p>

<p>Das neue Modell wurde mit dem Grad der Säkularisierung (nicht-katholischer
Bevölkerungsanteil im Vorjahr) und der Skandal-Bewertung erstellt. Auf die
Austritte im Jahr davor habe ich verzichtet, um ein einfacheres Modell zu
erhalten, und weil das Modell mit den Austritten nicht besser wurde.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_austrittsrate_saekul_skandale.png" alt="Diagramm: Vorhersage der Austrittsrate mit dem Grad der Säkularisierung und
den Skandal-Indikatoren" /></p>

<p>Dieses Modell gibt den Verlauf endlich etwas besser wieder: Den langsamen
Anstieg vor 2010, die Spitzen in Skandal-Jahren, das höhere Niveau seit 2011 und
den steilen Anstieg der letzten Jahre. Das Bestimmtheitsmaß ist 0,908, also
deutlich höher als wir bisher gesehen haben. Dies ist ein gutes Modell.</p>

<p>Natürlich kann man über die genaue Festlegung der Skandal-Verhältnisse
diskutieren. Und wir müssen der Versuchung widerstehen, die Werte ab 2010 auf
Basis des Diagramms feiner einzustellen, um die Kurve besser zu treffen: Die
Maßzahl der Skandalisierung sollte unabhängig vom Modell und vom Diagramm
bestimmt werden, nicht willkürlich, nur damit das Diagramm für alte Daten besser
aussieht.</p>

<p>Selbst wenn man auf die „willkürliche“ Festlegung der Skandal-Werte seit
2010 verzichtet und einfach 0,3 für alle Jahre seither setzt, ist das Modell
noch deutlich besser als die früheren und hat einen sinnvoll erscheinenden
Verlauf, nur dass es die höheren Austritte der letzten beiden Jahre nicht
vorhersagt.</p>

<p>Ich bleibe also beim dargestellten Modell. Es ist auf Basis von plausiblen
Überlegungen entstanden und erklärt das Phänomen gut. Und damit ist auch eine
Vorhersage für 2023 schon während des Jahres möglich.</p>

<p>Für 2023 würde ich 0,4 als „Skandal-Faktor“ ansetzen. Es gab einiges an
Kritik an der Kirche, seltsame Äußerungen des Papstes und so weiter, aber keine
krassen Fälle oder Diskussionen. Es ist die Frage, ob die Rekord-Austritte im
Vorjahr besonders ins Gewicht fallen, und viele andere zum Austritt verleiten.
Dann wäre ein höherer Faktor angemessen.</p>

<p>Mit 0,4 ergibt das Modell 65.995 Austritte. Mit 0,7 wären es 77.502. Mal sehen,
was dem echten Ergebnis nahe kommt. Sollten die Austritte weiter deutlich
steigen, haben wir ein Phänomen, das wir noch genauer untersuchen müssen – etwa
einen exponentiellen Faktor bei der Beschleunigung der Säkularisierung.</p>

<h2 id="fazit">Fazit</h2>

<p>Es hat sich gezeigt, dass die Austritte aus der römisch-katholischen Kirche sich
nicht mit einer einzigen Begründung erklären lassen. Erst die Kombination von
zwei gut überlegten und plausiblen historischen Kennzahlen hat zu einem
annehmbaren Modell geführt, das allerdings nur fürs laufende Jahr verwendbar ist
und einiges an subjektiven Einschätzungen erfordert.</p>

<p>Längerfristig können wir nur sagen, dass die Austrittsrate ziemlich
kontinuierlich steigt, was für eine Weile noch zu Rekordzahlen bei den
Austritten führen wird. Wann diese Entwicklung aufhört oder die Richtung ändert,
lässt sich derzeit mit statistischen Methoden nicht vorhersagen.</p>

<p>Die historische Begründung der Austritte durch die Bischofskonferenz hat sich
nicht wirklich bestätigen lassen: Sie ist angesichts der internationalen
Entwicklungen und auch durch die fehlende Abbildung von Austritts-Spitzenjahren
weder plausibel noch ausreichend. Das bedeutet aber auch, dass die Kirche ohne
genaue Kenntnis der Austrittsgründe arbeitet oder diese nicht offen
kommuniziert.</p>

<p><a href="/assets/analyse-daten-Rskript.zip">Daten und Analyseskript zum Herunterladen</a></p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Austritte" /><category term="Katholisch" /><category term="Statistik" /><summary type="html"><![CDATA[Was verursacht Kirchenaustritte? Es gibt dazu verschiedene Ansichten. In diesem Artikel soll mit statistischen Methoden, aber allgemein verständlich versucht werden, mögliche Ursachen zu prüfen und den Verlauf der Austritte aus der römisch-katholischen Kirche Österreichs besser zu verstehen.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Rezension: Rob J. Hyndman, Unbelievable</title><link href="https://athikan.at/rezension/buch/dekonversion/atheismus/wissenschaft/2023/07/08/rob-hyndman-unbelievable.html" rel="alternate" type="text/html" title="Rezension: Rob J. Hyndman, Unbelievable" /><published>2023-07-08T00:00:00+02:00</published><updated>2023-07-08T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/rezension/buch/dekonversion/atheismus/wissenschaft/2023/07/08/rob-hyndman-unbelievable</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/rezension/buch/dekonversion/atheismus/wissenschaft/2023/07/08/rob-hyndman-unbelievable.html"><![CDATA[<p>Der Statistikprofessor Rob J. Hyndman war nach eigenen Angaben dreißig Jahre
lang in einer christlichen Gemeinschaft engagiert. Sein Wunsch, einem
<a href="https://www.ex-christadelphians.com/">ausgetretenen früheren Mitglied</a> zu
erklären, warum er als Wissenschaftler eine Basis für seinen Glauben hat,
führte in kurzer Zeit dazu, dass <em>er</em> selbst seinen Glauben verlor.</p>

<p>Darüber hat er ein Buch geschrieben, das im Internet <a href="https://robjhyndman.com/unbelievable/">frei
zugänglich</a> und auch als Taschenbuch
erhältlich ist.</p>

<!--more-->

<p>Rob J. Hyndman ist ein fleißig publizierender Professor für Statistik in
Australien. Einer seiner Schwerpunkte ist die Vorhersage von <em>Zeitreihen</em>,
also z. B. jährlichen oder monatlichen Daten. Aus diesem Zusammenhang kannte ich
ihn und seine Bücher über eben dieses Thema schon länger.</p>

<p>Vor kurzem stieß ich auf sein <a href="https://robjhyndman.com/unbelievable/">Buch Unbelievable</a>, 
das nichts mit Statistik zu tun hat. Als Professor kann er gut und verständlich,
präzise und überzeugend schreiben; das Buch ist nicht allzu lang, die
Web-Version kann man in wenigen Stunden durchlesen.</p>

<p>Prof. Hyndman war dreißig Jahre lang Mitglied einer Gruppe namens
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Christadelphian">Christadelphian</a>. Der Name ist
eine Zusammensetzung von <q>Christus</q> und <q>adelphoi</q> (Brüder), die
Ansichten sind stark bibelgläubig, baptistisch (sie taufen also nur Erwachsene,
die das wollen) und adventistisch (sie erwarten und hoffen auf eine Auferstehung
und die Wiederkunft Christi). Der Ursprung der Gemeinde liegt in den USA der
Mitte des 19. Jahrhunderts. Wie viele andere Abspaltungen von Abspaltungen, die
wir heute noch kennen, fand auch der Gründer endlich den einzig richtigen Weg,
die Bibel zu interpretieren. Vielleicht der größte Unterschied zwischen den
Christadelphian und den meisten bekannten christlichen Bekenntnissen ist die
Ablehnung der Dreifaltigkeit Gottes. Aber von außen gesehen sind sie eine
relativ strenge christlich-evangelikale Gruppe mit den üblichen Ansichten 
– Kreationismus inklusive.</p>

<p>Die Christadelphian haben keine hauptamtlichen Geistlichen. Sie bilden kleine
basisdemokratische Gemeinden, in denen die aktiven <em>männlichen</em> Mitglieder
Vorträge halten und den Gottesdienst leiten. Rob Hyndman war ein solches aktives
Mitglied. Er hielt Vorträge, hatte einen aktiven, seither eingestellten
<a href="https://robjhyndman.com/musings/">Blog</a> mit seinen Glaubensansichten, und
schrieb sogar Bücher wie <a href="https://acssu.org.au/lessons-k-10/senior-notes/the-way-of-life/">The way of
life</a> und
<a href="http://www.god-so-loved-the-world.org/english/hyndman_christadelphians.htm">andere einführende Texte</a>.</p>

<p><a href="https://robjhyndman.com/unbelievable/ch1.html">Im Kontakt mit einem Aussteiger</a>
(Kapitel 1) bekam er von seinem Gegenüber die Aussage:</p>

<blockquote>
  <p>So my question is — it seems like for every point you’ve addressed, the hypothesis that</p>

  <blockquote>
    <p>“Like all other religions, Christianity is a man-made invention”</p>
  </blockquote>

  <p>has as much or more explanatory power than the alternatives.</p>
</blockquote>

<p>Dies ist für einen Wissenschaftler eine klare und verständliche Aussage: Es gibt
verschiedene Hypothesen, die bestimmte Ergebnisse besser oder schlechter
erklären. Hyndman setzte sich also hin, um auf dieser Ebene zu diskutieren. Er
wollte seine Standard-Liste von Gründen für den Glauben (Prophezeiung,
Auferstehung, Schöpfung, Archäologie, Konsistenz der biblischen Überlieferung
und die Reinheits-Gesetze im alten Testament) durcharbeiten, musste aber
feststellen, dass er in dieser Diskussion mit ihnen nicht weit kommt. Er strich
nach und nach die Punkte von seiner Liste, weil er schon für sich selbst nicht
in der Lage war, diese ohne Widersprüche und logische Fehler zu formulieren. Als
er bei den letzten beiden Punkten, Prophezeiungen und der Auferstehung ankam,
merkte er, dass er nichts Stichhaltiges mehr schreiben kann und eigentlich nur
mehr sich selbst zu überzeugen versucht. Kurze Zeit später verlor er den
Glauben.</p>

<p>Professor Hyndman suchte die Diskussion selbst. Letztendlich bekam er eine
Herausforderung, die mehr seiner wissenschaftlichen Arbeit als der Echokammer in
seiner Gemeinde ähnelte: Er war damit konfrontiert, nicht nur richtig
<em>erscheinende</em>, unwidersprochene Erklärungen äußern zu müssen, sondern auch
selbst ihre Richtigkeit zu prüfen. Er wurde herausgefordert, nicht nur Argumente
für eine feststehende Meinung zu finden, sondern auch alternative Erklärungen zu
prüfen. Einmal wirklich intellektuell redlich über die Grundlagen seines
Glaubens nachzudenken und sie mit den Augen eines Außenstehenden zu sehen. Und
das führte bei ihm in kurzer Zeit dazu, dass er den Glauben verlor.</p>

<p><a href="https://robjhyndman.com/unbelievable/ch2.html">Kapitel 2</a> gibt den Blog-Post wieder, mit dem er sich 2013 aus der Gemeinde
verabschiedete. Der Autor erklärt, dass ein Großteil seines Freundeskreises 
in der Christadelphian-Gemeinde war, er viel Positives in dieser Gemeinschaft
erlebt hat und sie vermissen wird. Interessant ist seine Erklärung, warum er
sich nicht als <q>Atheist</q> bezeichnen will.</p>

<p>In den Kapiteln <a href="https://robjhyndman.com/unbelievable/ch3.html">3</a> und <a href="https://robjhyndman.com/unbelievable/ch4.html">4</a> 
beschäftigt er sich mit seiner Sicht von <q>faith</q> (ungefähr: Glauben) und
erklärt den auch in der Statistik sehr bekannten <em>Bestätigungsfehler</em>, der
Menschen dazu bringt, nur Evidenz zu suchen, die ihre bestehenden Ansichten
bestätigt.</p>

<p>Die Kapitel 5 bis 15, der Schwerpunkt des Buches, setzen sich mit einzelnen
Themen auseinander, die Prof. Hyndman selbst als christlicher Vortragender als
wichtige Punkte des christlichen Glaubens und als Gründe für ihn, diesen Glauben
zu haben, ansah. Dabei zitiert er Studien und seine Erklärungen, die die
einzelnen Punkte widerlegen.</p>

<p>Besonders interessant ist <a href="https://robjhyndman.com/unbelievable/ch8.html">Kapitel
8</a>, in dem der Experte für
Vorhersagen die <q>Vorhersagen</q> der Bibel analysiert. Diese werden von
Christen häufig als Bestätigung für die göttliche <q>Inspiration</q> der Bibel
genannt, Prof. Hyndman tat das in seinem früheren christlichen Leben auch. Er
zeigt, warum sie nicht ausreichend präzise sind, um sie auf spätere Ereignisse
anzuwenden, und was diese Prophezeiungen von echten Vorhersagen unterscheidet.</p>

<p>Weitere Themen sind die unterschiedlichen Erzählungen über die Auferstehung und
ihre nicht auflösbaren Widersprüche, Kreationismus und Evolution sowie biblische
Archäologie. Hier beschreibt der Autor wieder, wie er früher nur Ergebnisse
akzeptiert hat, die die Erzählung bestätigten – aber die Hypothese der
fehlerfreien Bibel wird durch Erkenntnisse, die ihr widersprechen, widerlegt,
egal wie viele – erwartbare – Übereinstimmungen man findet.</p>

<p>Diese bibelbezogenen Teile sind nicht zu lang, gehen nicht sehr ins Detail,
und es gibt Regalmeter an Literatur zu den einzelnen Themen, aber wenn man die
nicht lesen will, findet man hier einen guten Überblick.</p>

<p><a href="https://robjhyndman.com/unbelievable/ch15.html">Kapitel 15</a> mit dem Titel <q>I
am not an axe-murderer</q> beschäftigt sich schließlich mit dem Mythos, dass nur
die richtige Variante der christlichen Religion richtige Handlungsanweisungen
für ein ethisches Leben gäbe. Hyndman erklärt, dass seine Vorstellungen über
Moral sich seit dem Ausstieg nur in wenigen Punkten geändert hätten: Bei der
Beurteilung von Homosexualität und von vor- oder außerehelichen sexuellen
Beziehungen, die er jetzt allesamt nicht mehr ablehnt.
Er weist auf die schon vor den Jesus-Mythen z. B. in der griechischen
Philosophie entwickelten Grundsätze hin und stellt sie ungeheuerlichen, heute
nirgends befolgten moralischen Regeln aus der Bibel entgegen.</p>

<p>Den Abschluss des Buches bilden Kapitel mit Botschaften von Menschen, die
Professor Hyndman nach seinem Ausstieg aus der Christadelphian-Gruppe
erreichten. Von den üblichen Höllendrohungen über Traurigkeit und Ankündigung
von Gebeten bis hin zur Standard-Annahme, dass nicht die rationale Analyse der
Argumente, sondern ein trauriges Ereignis zum Ausstieg geführt haben muss, ist
alles dabei. Der Autor nimmt zu vielen Punkten Stellung – auch zu solchen, in
denen ihm arrogant <q>erklärt</q> wird, was er alles machen soll, um wieder zum
richtigen Glauben zurückzufinden.</p>

<p>Aber auch andere AussteigerInnen melden sich zu Wort und bieten Prof. Hyndman
ihre Unterstützung an. Mit diesen positiven Botschaften endet das Buch.</p>

<p>Professor Rob J. Hyndmans <em>Unbelievable</em> ist eine wertvolle Ressource mit direkt
verlinkbaren Kapiteln für Diskussionen über einzelne Punkte des christlichen
Glaubens. Sie ist nicht dafür gedacht, existierende Christen vom Glauben
abzubringen, dokumentiert aber die Gründe, warum dieser Wissenschaftler den
Glauben nicht mehr mit seinem Wissen vereinbaren konnte, wie sein Vorhaben, die
Grundlagen zu <q>beweisen</q>, ihn von diesen wegbrachte. Das Buch kann also
helfen, Menschen, die mit Zweifeln an ihrem Glauben kämpfen, zu zeigen, wie sie
ihre Glaubensinhalte überprüfen und die falschen von den richtigen
unterscheiden.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Rezension" /><category term="Buch" /><category term="Dekonversion" /><category term="Atheismus" /><category term="Wissenschaft" /><summary type="html"><![CDATA[Der Statistikprofessor Rob J. Hyndman war nach eigenen Angaben dreißig Jahre lang in einer christlichen Gemeinschaft engagiert. Sein Wunsch, einem ausgetretenen früheren Mitglied zu erklären, warum er als Wissenschaftler eine Basis für seinen Glauben hat, führte in kurzer Zeit dazu, dass er selbst seinen Glauben verlor. Darüber hat er ein Buch geschrieben, das im Internet frei zugänglich und auch als Taschenbuch erhältlich ist.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Spass-Religion, Edition Juni 2023</title><link href="https://athikan.at/satire/parodie/katholizismus/wunder/messwein/2023/06/23/spassreligion.html" rel="alternate" type="text/html" title="Spass-Religion, Edition Juni 2023" /><published>2023-06-23T00:00:00+02:00</published><updated>2023-06-23T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/satire/parodie/katholizismus/wunder/messwein/2023/06/23/spassreligion</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/satire/parodie/katholizismus/wunder/messwein/2023/06/23/spassreligion.html"><![CDATA[<p>Die Noch-Mehrheitsreligion in Österreich, ehemalige (mit Gewalt durchgesetzte) Staatsreligion, wirft anderen gerne einmal
vor, keine richtige, ernst gemeinte Religion zu sein. Das hat sogar Folgen für die <a href="https://podcast.athikan.at/2022/12/27/folge-002.html">Religionsfreiheit der Betroffenen</a>.
Aber es ist in Wirklichkeit die römisch-katholische Kirche, die ihre eigenen über Jahrhunderte gewachsenen Regeln
verwendet, um den Katholizismus lächerlich zu machen und klarzustellen, dass er nicht ernst gemeint sein kann.</p>

<!--more-->

<p>Zwei <q>Lebensmittel</q> im weitesten Sinn sind im Ablauf der römisch-katholischen Gottesdienste sehr wichtig: Die
Hostie und der Wein.</p>

<p>Die Auseinandersetzungen über die exakte Beschaffenheit der Hostie (laut Bibel eigentlich: Brot) haben zu ganzen
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hostie">Kirchenspaltungen</a> geführt, das ist also eine <em>sehr wichtige</em> Frage. In der
katholischen Messe werden simple geschmacklose Oblaten <q>real</q> zum Leib Jesu Christi, zumindest nach der offiziellen
Lehre der Kirche. (Das ist schon ein gutes Setup für Satire.)</p>

<p>Der Wein muss ausschließlich aus Trauben hergestellt sein; Zusätze, die in der modernen Weinkultur üblich sind,
sind nicht erlaubt. Für Priester mit Alkoholproblemen und für Jugendliche im Gottesdienst ist aber auch <em>kein Wein</em>,
sondern reiner Traubensaft zulässig. Aus dem Wein (oder Traubensaft) wird das Blut Christi. Die katholische Theologie
hat sich noch nicht ausführlich dazu geäußert, ob der unterschiedliche Ausgangsstoff auch einen anderen Promille-Level
im <q>Blut</q> bewirkt. (Der Absurditätslevel steigt und steigt, aber da diese Dinge bekannt sind, braucht es einen
unerwarteten Auslöser, damit das Lachen explosionsartig ausbrechen kann.)</p>

<p>Diese Dinge sind <em>wichtig</em>. Deswegen bedurfte es eines offiziellen <a href="https://friendlyatheist.substack.com/p/the-catholic-church-in-kansas-city">Briefes des Erzbischofs von
Kansas</a>, um die Kleriker in seiner Diözese zu
informieren, dass sie das bitte beachten mögen. Nicht alle Weine, die für Gottesdienste verwendet wurden, erfüllen die
strengen Kriterien dafür. Selbst wenn sie als <q>sacramental</q> ausgewiesen waren: Sorry, das ist nur eine unregulierte
Selbstbezeichnung des Herstellers, reines Marketing.</p>

<p>OK, in einem normalen Umfeld würde man die Bestände überprüfen und es zukünftig richtig machen, bis etwa drei bis fünf
Jahre später alles vergessen ist und der Schlendrian und die Zwei-zum-Preis-von-einem-Angebote im Supermarkt wieder
stärker sind. Aber nicht in der römisch-katholischen Kirche. Zauberbluttrinken hat dort <em>ernsthaft</em> Zauberwirkung. Der
Erzbischof in seinem Brief:</p>

<blockquote>
  <p>The result of this long-term practice in these parishes is that for any number of years all Masses celebrated were
invalid and therefore the intentions for which those Masses were offered were not satisfied</p>

  <p>Das Ergebnis dieser langjährigen Praxis in diesen Pfarren ist, dass über Jahre alle zelebrierten Messen ungültig waren
und deswegen die Zwecke, für die sie zelebriert wurden, nicht erfüllt wurden</p>
</blockquote>

<p>Dschisös. Erntedank-Messen, bei denen man sich nach einer harten und arbeitsreichen Landwirtschafts-Saison beim
imaginären Freund für die Ergebnisse bedankt: Ungültig. Die Messe für den Opa, bei dem man hofft, ihn trotz seines
Lebenswandels zumindest für fünf Jahre aus dem Höllenfeuer rauszuhalten: Nichtig. Eine kirchlich geschlossene Ehe: Ist
sie wirklich eine Ehe? Oder hat man die ganzen Jahre mit dem standesamtlich, aber nicht kirchlich geheirateten
Ehepartner ehegebrochen? Das sind die großen Fragen des 21. Jahrhunderts in der katholischen Kirche.</p>

<blockquote>
  <p>This is a gravely serious situation for which we must now petition the Holy See for guidance on restorative measures.</p>

  <p>Dies ist eine schwerwiegend ernste Situation, in der wir den Heiligen Stuhl für die Anleitung zu Korrekturmaßnahmen
bitten müssen.</p>
</blockquote>

<p>(Für die deutschen LeserInnen bleibt die feine Ironie, dass <em>Stuhl</em> in Österreich seltener für den Sitzmöbel als für
feste Exkremente steht, verborgen. <em>Holy Shit.</em>)</p>

<p>Falsche Entscheidungen im Supermarkt, ein paar gesparte Dollar: Über Jahre wurden Leben von Gläubigen ruiniert.
Glücklicherweise nicht <em>real</em>, nur in ihrer Vorstellung. Eine Kirche, die ihre Angehörigen schädigt, und ihre eigene
Reputation mit dazu. An erfundene Dinge zu glauben ist schädlich: Hier in erster Linie für jene, die das tun; die
Auswirkungen auf die Gesellschaft sind in diesem Fall glücklicherweise geringer. (Lachen ist sogar gesund, aber die
Leute, die an so etwas glauben, haben tatsächlich das Wahlrecht.)</p>

<p>Wie schaut’s mit Hostien aus? Viel besser. Da gibt es keine Diskussionen über die Echtheit: Das fade Zeug würde niemand
freiwillig außerhalb des Gottesdienstes essen. Es ist kein Genussmittel wie Wein. In Thomaston, Connecticut (USA) ist
jedenfalls ein <a href="https://friendlyatheist.substack.com/p/a-catholic-priest-forgot-how-to-count">echtes Wunder geschehen</a>.
Die Diözese lässt untersuchen. Die heiligen Kekse – ungezählt – wurden in einer Schüssel herumgereicht und die
Anwesenden hatten den Eindruck, dass sie beim Herausnehmen nicht weniger wurden. Es könnte natürlich sein (in der
atheistischen Propaganda des Teufels), dass der Priester zwischendurch eine weitere Packung reingeleert hat oder einfach
nicht zählen kann, oder dass die Gemeinde an diesem Tag keine große Lust auf essbare Pappe hatte. Aber die weitaus
wahrscheinlichste Erklärung ist klar, dass der Allmächtige zwischen dem Parkplatz-Organisieren, bei Prüfungen
unterstützen, Dank der Torschützen beider gegnerischer Fussballmanschaften entgegennehmen usw. kurz die Zeit fand, in
diese Schüssel mehr und mehr von seinem eigenen Körper hineinzulegen, selbst wenn er dann nicht gegessen wurde. Dies –
in Thomaston, Connecticut natürlich – ist die klare Priorität fürs Jahr 2023, nicht etwa Krieg, Dürre und anderswo
Überschwemmungen, Klimakatastrophe und soziale Ungerechtigkeit. Hauptsache, die Zauberkekse sollen an diesem Tag nicht
weniger geworden sein. Gottes Wege sind unergiebig.</p>

<p>Wer die Lachmuskeln weiter trainieren möchte, kann sich noch den <a href="https://athikan.at/katholiken/taufe/ritual/zauberspruch/2022/02/03/d%C3%BCmmster-anzunehmender-unfall.html">Dümmsten Anzunehmenden
Glaubensunfall</a>
des Vorjahres zu Gemüte führen. Gute Komiker kommen regelmäßig mit neuem Programm raus. Im Vorjahr waren es ungültige
Taufen, die beim ungültig getauften Pfarrer <em>natürlich</em> zu multiplizierten negativen Konsequenzen in den magischen
Auswirkungen der magischen Rituale führten. Heuer die wichtigsten Lebensmittel in der wichtigsten Zeremonie der
Religion.</p>

<p>Ist das alles ernst gemeint? Von außen ist das nicht festzustellen. Die absurd komischen Züge überwiegen so stark, dass
die Hypothese, es handle sich um einen fast zweitausend Jahre alten Scherz, der sich verselbständigt hat und auf hohem
Niveau weitergeführt wird, immer plausibler wirkt. Wogegen eh nichts einzuwenden ist, nur sollten die Vertreter
aufhören, <em>andere</em> als Religionssatire oder Spaß-Religion zu bezeichnen. Oder? Vielleicht sind <em>sie</em> ja die wahren
Experten für Religionssatire?</p>

<p>Die Scherz-Hypothese ist tatsächlich die freundlichere. Die Alternative wäre nämlich, dass die zweifellos vorhandene
Komik aus der Richtung <q>so blöd können sie nicht wirklich sein</q> kommt.</p>

<p>Es ist ähnlich wie in der österreichischen Politik. Die KabarettistInnen müssen regelmäßig feststellen, dass ihre
Fantasie keine Chance gegen die Realität hat. Religionssatire tut sich in ähnlicher Weise schwer, solange die größte
Religionsgemeinschaft der Welt ihre <em>realen</em> Probleme so löst.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Satire" /><category term="Parodie" /><category term="Katholizismus" /><category term="Wunder" /><category term="Messwein" /><summary type="html"><![CDATA[Die Noch-Mehrheitsreligion in Österreich, ehemalige (mit Gewalt durchgesetzte) Staatsreligion, wirft anderen gerne einmal vor, keine richtige, ernst gemeinte Religion zu sein. Das hat sogar Folgen für die Religionsfreiheit der Betroffenen. Aber es ist in Wirklichkeit die römisch-katholische Kirche, die ihre eigenen über Jahrhunderte gewachsenen Regeln verwendet, um den Katholizismus lächerlich zu machen und klarzustellen, dass er nicht ernst gemeint sein kann.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Podcast-Nachlese: Trans-Hetze, schlechtes Design</title><link href="https://athikan.at/podcast/drag-queen-story-hour/design/kreationismus/2023/05/04/podcast-nachlese-13.html" rel="alternate" type="text/html" title="Podcast-Nachlese: Trans-Hetze, schlechtes Design" /><published>2023-05-04T00:00:00+02:00</published><updated>2023-05-04T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/podcast/drag-queen-story-hour/design/kreationismus/2023/05/04/podcast-nachlese-13</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/podcast/drag-queen-story-hour/design/kreationismus/2023/05/04/podcast-nachlese-13.html"><![CDATA[<p>In der <a href="https://podcast.athikan.at/2023/04/30/folge-013.html">jüngsten Folge</a>
des Radio-Athikan-Podcasts haben wir unter anderem über die transfeindliche
Hetze der FPÖ und der rechten Christen sowie über eine Diskussion zwischen
Kardinal Schönborn und einem Biologen gesprochen, in der ersterer <q>Design</q>
in der Biologie erkannt haben will. Zwischen Aufnahme und Veröffentlichung
vergeht immer etwas Zeit, in der manchmal interessante neue
Dinge in den behandelten Themenkreisen passieren.</p>

<!--more-->

<h2 id="drag-queen-story-hour-unter-polizeischutz-demo-und-gegendemo">Drag-Queen-Story-Hour unter Polizeischutz, Demo und Gegendemo</h2>

<p>Gerade bei den Drag-Queen-Märchenstunden, die von rechten und christlichen
Kreisen immer wieder ohne Faktengrundlage mit Homosexualität oder
Transsexualität vermengt und deswegen wütend bekämpft werden, kochte die
Stimmung ziemlich hoch.</p>

<p>Am 16. April fand eine Lesung in der <q>Türkis Rosa Lila Villa</q>, einem
Beratungs- und Veranstaltungszentrum der LGBTQI+-Community statt. Prompt wurde
eine Demonstration dagegen angekündigt und durchgeführt, etwa 200 Rechte und
Fundichristen kamen vorbei. Ähnlich viele PolizistInnen schützten die
Veranstaltung und schirmten die Demo und die wesentlich größere Gegendemo
voneinander ab.</p>

<p>Die kleine Gruppe der Demonstrierenden bestand aus bekannten Neonazis und
Identitären wie Martin Sellner. Zwei Anzeigen wurden wegen des verbotenen
Hitlergrußes ausgesprochen. Also alles wie immer?</p>

<p>Nein, nicht ganz. Im
<a href="https://www.derstandard.at/story/2000145548364/rechtsextremer-aufmarsch-vor-villa-mit-drag-queen-lesung">Standard-Bericht</a>
ist ein Mann in bunter Jacke in der Nähe des Identitären-Führers Martin Sellner
zu sehen, der ein etwas komisches Blasinstrument aus einem Widderhorn bläst. Im
Alltag in Österreich ist dieses Instrument, das
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schofar">Schofarhorn</a> nicht so bekannt, aber es
hat eine starke symbolische Bedeutung. Im alten Testament spielen diese Hörner
bei der mythischen Eroberung der Stadt Jericho eine Rolle, als die Eroberer nach
anderen rituellen Handlungen siebenmal den Schofar blasen mussten, wodurch die
Mauern einstürzten.</p>

<p>Dieses Märchen dient heutigen Evangelikalen, am häufigsten in den USA, aber 
mittlerweile auch in Österreich, als Anlass, den Schofar als Instrument mit
Zauberwirkung anzusehen. Einerseits in ihrem <q>spirituellen Kampf</q> wie auch
bei dieser Demonstration, oder vor der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/January_6_United_States_Capitol_attack">Erstürmung des Kapitols am 6. Jänner
2021</a> in
Verbindung mit sogenannten Jericho-Märschen, also in Verbindung mit
vorgestellter und manchmal eben in die Tat umgesetzter Gewalt.</p>

<p>Andererseits gibt es alle möglichen Wundergeschichten von Fernsehpredigern und
anderen Lügnern, was sie alles mit dem Blasen des Schofars erreicht hätten:
Zum Beispiel ein <a href="https://twitter.com/hemantmehta/status/1582138101283315712">Tornado
kontrolliert</a> oder
einen <a href="https://onlysky.media/hemant-mehta/christian-conspiracist-i-blew-my-shofar-and-it-fixed-a-broken-bus/">kaputten Bus wieder
flottbekommen</a>.</p>

<p>Wenn man also Christen sieht, die einen Schofar blasen, kann neben der
Möglichkeit von rein rituell-spirituellen Zwecken immer auch Schlimmeres die
Ursache sein: Die Person hat starke Vorstellungen über magische Dinge, hofft auf
Wunder, die ihr allmächtiger und allwissender Gott nur bewirken kann, wenn man 
ein Widderhorn geblasen hat, oder phantasiert einen spirituellen Kampf zwischen
bösen Dämonen und guten GöttInnen herbei, der – wie wir aus den USA wissen –
auch in reale Gewalt umschlagen kann, wenn die Christen sich stark und zahlreich
genug fühlen: Etwas, wovor wir Österreich derzeit keine Angst haben müssen. Die
Evangelikalen, die Derartiges glauben, sind aktuell eine verschwindend kleine
Gruppe.</p>

<h2 id="design-in-der-natur-und-kreationistische-lügen">Design in der Natur und kreationistische Lügen</h2>

<p>Im Podcast haben wir einen Aspekt der von Kardinal Schönborn aufgeworfenen
Hypothese, in der Natur seien Ergebnisse eines Designprozesses beobachtbar,
nicht behandelt: Nämlich die Tatsache, dass das <q>Design</q> in vielen Fällen
stümperhaft ist.</p>

<p>Die christliche Wunschvorstellung von einem perfekten Schöpfer würde
implizieren, dass eine gute und elegante Lösung für ein Problem (eben Design)
überall angewendet wird, wo dieses Problem auftritt. Wenn ein perfektes Auge,
ein perfektes Knie, ein vollkommenes Reproduktionssystem <q>designt</q> wurde,
wird dieses überall eingebaut.</p>

<p>Doch weit gefehlt. Unsere menschlichen Organe sind zwar sehr komplex und ganz
gut an ihre Zwecke angepasst, aber im direkten Vergleich losen wir gegen
Oktopus, Ratte und viele andere Tiere, bei denen die selben Organe sich
wesentlich nützlicher ausgebildet haben, ab. Unser Auge hat den dümmstmöglichen
Aufbau (so als würde man in eine Kamera noch Kabel vor die Linse bauen), und
unser Reproduktionsprozess ist lebensgefährlich und funktioniert in einem
erschreckend hohen Anteil der Fälle gar nicht. Der Blinddarm hat keine Funktion,
kann uns aber umbringen, wenn wir nicht schnell genug moderne Medizin anwenden.</p>

<p><q>The Thinking Atheist</q> Seth Andrews hat gerade eine sehr gute
<a href="https://www.thethinkingatheist.com/podcast-1/episode/78ba838c/if-i-was-the-intelligent-designer-part-two-with-dr-abby-hafer">Podcast-Folge</a>
mit einer Biologin zu diesem Thema, mit unzähligen Beispielen, warum die
Annahme, ein Gott hätte Tiere und den Menschen <q>designt</q>, ebendiesen in ein
ziemlich schlechtes Licht rückt. Betreibt jemand, der seinem Gott vorwirft,
diese falschen Designs in seine Lieblingsspezies eingebaut zu haben, obwohl viel
bessere zur Verfügung gestanden wären, damit etwa Blasphemie? Wer Herrn
Schönborn in nächster Zeit sieht, könnte ihn fragen, was er dazu meint.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Podcast" /><category term="Drag-queen-story-hour" /><category term="Design" /><category term="Kreationismus" /><summary type="html"><![CDATA[In der jüngsten Folge des Radio-Athikan-Podcasts haben wir unter anderem über die transfeindliche Hetze der FPÖ und der rechten Christen sowie über eine Diskussion zwischen Kardinal Schönborn und einem Biologen gesprochen, in der ersterer Design in der Biologie erkannt haben will. Zwischen Aufnahme und Veröffentlichung vergeht immer etwas Zeit, in der manchmal interessante neue Dinge in den behandelten Themenkreisen passieren.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">You: 5 schlechte Argumente für den Glauben</title><link href="https://athikan.at/katholisch/apologetik/mission/2023/03/09/you-schlechte-gr%C3%BCnde.html" rel="alternate" type="text/html" title="You: 5 schlechte Argumente für den Glauben" /><published>2023-03-09T00:00:00+01:00</published><updated>2023-03-09T00:00:00+01:00</updated><id>https://athikan.at/katholisch/apologetik/mission/2023/03/09/you-schlechte-gr%C3%BCnde</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/katholisch/apologetik/mission/2023/03/09/you-schlechte-gr%C3%BCnde.html"><![CDATA[<p>Das katholische Jugendmagazin <q>YOU</q> hat einen kurzen Artikel mit <q>5
Argumenten für den Glauben</q> publiziert. Wer ist YOU überhaupt, und sind es
brauchbare Argumente?</p>

<p>Das Magazin ist mit der Themenauswahl und der Aufmachung offensichtlich 
an Jugendliche gerichtet. Es gibt eine Print-Version und den Online-Auftritt, wo
das Printmedium abonniert oder online gelesen werden kann, zusätzlich gibt
blog-artige Artikel auf der Homepage.</p>

<p>Herausgeber ist ein YOU! Verein: <q>Jugendverein für christlich/katholische
Werte</q>. An der Adresse ist sonst die Katholische Hochschulgemeinde zu finden.
Das Magazin versucht, das Römisch-Katholische eher im Hintergrund zu halten, und
allgemein <q>christlich</q> zu wirken – die MacherInnen werden schon wissen,
warum. So gibt es zum Beispiel ein Interview mit einer Influencerin, die sich
mit 16 <q>bewusst</q> taufen hat lassen. Für so etwas hat die katholische Kirche
vor einigen hundert Jahren noch Morde verübt – das thematisiert die
Interviewerin aber überhaupt nicht.</p>

<p>Also, was sind die <q><a href="https://www.youmagazin.com/5-argumente-fuer-den-glauben/">5 Argumente für den
Glauben</a></q>?</p>

<blockquote>
  <p>Wir wollen dir hier 5 Argumente geben, die du selber reflektieren oder in
einer Diskussion mit anderen zum Überlegen bringen kannst.</p>
</blockquote>

<p>… beginnt der Artikel. Ich schätze mal, dass jene, die darüber wirklich
reflektieren, sich davor hüten werden, diese Argumente in einer Diskussion zu
bringen.</p>

<blockquote>
  <p>1. Ist es wahr oder nicht?</p>

  <p>Der eigentliche Grund, an Gott zu glauben, ist nicht, weil es mir dann besser
geht oder weil ich dann „ein besserer Mensch“ bin. Letztlich geht’s einfach
darum, ob es wahr ist oder nicht. Wenn die Sache mit Gott nicht wahr ist, dann
bitte tu’s nicht. Wenn es aber wahr ist, dass Gott hinter allen Dingen steht,
dann ist es unvernünftig, so zu leben, als würde es Gott nicht geben.</p>
</blockquote>

<p>Sehr vernünftig. Hier würden wir jetzt auf einer christlichen Webseite erwarten,
Argumente für die Wahrheit der Erzählung über die GöttInnen der
römisch-katholischen Mythologie zu lesen. Aber das passiert nicht.</p>

<p>Wahr ist etwas, dessen Wahr-Sein gezeigt, erklärt, argumentiert, belegt werden
kann. Reine Behauptungen ohne diese Elemente können nicht einmal den Anspruch
auf Wahrheit erheben.</p>

<p>Das ist also nur für jene ein Argument, die keine Argumente mehr brauchen.</p>

<blockquote>
  <p>2. Ohne Gott gibt's keinen Sinn</p>

  <p>Es gibt nur 2 Alternativen: Entweder steht hinter unserem Sein ein Schöpfer,
der sich etwas dabei gedacht hat, oder es ist alles reiner Zufall. Aus Zufall
gibt es aber keinen Sinn, denn Sinn ist kommt genau daraus, dass es einen Plan
und ein Ziel von einer Sache gibt. Niemand kann aber leugnen, dass es so etwas
wie Sinn in unserer Welt gibt.</p>
</blockquote>

<p>Sehr unvernünftig. Das sind nicht die einzigen Alternativen. Die Entstehung
unseres Planeten und die Entwicklung von den Einzellern zum Homo Sapiens sind
sehr gut untersucht. Die aktuell offenen Fragen sind tatsächlich nur mehr, wie
es zur Singularität, aus dem unser Universum hervorgegangen ist, gekommen ist,
und welche von den verschiedenen gut untersuchten Vorgängen konkret zur
Entwicklung von organischen Molekülen, Ribonukleinsäuren und DNS, also den
Komponenten des Lebens, geführt haben.</p>

<p>Dem steht ein Schöpfungsmythos entgegen, dessen überprüfbare Aspekte allesamt
widerlegt sind. Dass der Rest der Erzählung aus jener Quelle, die permanent an 
der Beschreibung der Realität scheitert, richtig sein könnte, ist eine absurde
Annahme.</p>

<p>Wer die Entwicklung zum Menschen als <q>reiner Zufall</q> bezeichnet, hat Zufall
und Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht verstanden. Dass die Evolution langfristig
besser an ihre Umgebung angepasste Spezies hervorbringt, ist das genaue
Gegenteil von Zufall. Es ist wahrscheinlicher, dass besser angepasste Individuen
sich fortpflanzen können, somit tritt die Entwicklung in einer ausreichend großen
Population zwangsläufig auf.</p>

<p>Die falsche Dichotomie (die Lüge, dass es nur diese beiden Möglichkeiten gibt)
können wir also auflösen. Bei entsprechenden Bedingungen, auf einem Planeten
eines stabilen Sterns in einer halbwegs stabilen Umlaufbahn und mit den
geeigneten Voraussetzungen entwickelt sich irgendwann Leben. Dieses Leben hat
dann das Potenzial, eine intelligente Spezies (ohne das über alle Individuen der
Spezies Homo Sapiens behaupten zu wollen) hervorzubringen. Weder <q>Schöpfer</q>
noch <q>reiner Zufall</q> sind notwendig, beide Erklärungen sind falsch und es
ist dumm, sie als einzige Alternativen zu betrachten.</p>

<p>Damit ergibt der Wortsalat nach dieser falschen Prämisse auch keinen Sinn.</p>

<p>Wenn religiöse Menschen versuchen, mit dem <q>Sinn</q> zu argumentieren, hüten
sie sich davor, ihn zu definieren. Die Bedeutung, die sie versuchen anzudeuten,
nämlich ein übergreifender, von außen vorgegebener <q>Sinn</q> fürs ganze Leben
ist keine sinnvolle Vorstellung – und auch keine attraktive. Konkrete
Handlungen können Sinn ergeben, man kann – aber muss nicht – für eine
Lebensphase einen Sinn für sich suchen, oder sich auch für einen eigenen
Lebenssinn entscheiden. Aber es ist immer eine eigene Entscheidung, schließlich
gibt es keinen Gott, der wahrnehmbar mit Menschen kommunizieren würde.</p>

<p>Also Sinn gibt es, komplett unabhängig von GöttInnen. Sätze können schon Sinn
ergeben – aber nicht zwangsläufig, wie zum Beispiel dieses Argument von YOU.
Die Prämisse ist falsch, somit kann <q>Sinn</q> kein zwingendes Argument für
<q>Gott</q> sein.</p>

<blockquote>
  <p>3. Glauben ist eine Antwort</p>

  <p>Glauben ist nicht ein Lifestyle, etwas, das ich mir aussuche oder ich erfinde.
Glauben ist eine Antwort auf etwas, was ich vorfinde. Ich finde mich vor – als
Mensch auf dieser Welt – ich habe mir das Leben nicht selbst gegeben. Glauben
ist einfach die Antwort, wenn ich erfahre, dass ich existiere, weil ich von
diesem Gott geliebt bin.</p>
</blockquote>

<p>In Punkt 1 wurde richtigerweise vorgeschlagen, nur an Gott zu glauben, wenn es
ihn gibt. Die Argumentation können wir hier schrittweise durchgehen. Eine
vereinfachte Version von <em>cogito ergo sum</em> (ich denke, also bin ich), in
Ordnung. Wir existieren. Wir haben uns das Leben auch nicht selbst gegeben, das
haben unsere Eltern für uns übernommen. Der letzte Satz ist aber kein Argument,
sondern wieder eine Behauptung, und wie die anderen Behauptungen, in denen Gott
vorkommt, falsch. Insgesamt gesehen beschreibt dieser Absatz also, dass Glauben
die Folge einer Falschdarstellung ist – eloquent beschrieben, YOU-Magazin!</p>

<p>Wenn es so wäre, dass man existiert, weil man <q>von diesem Gott geliebt</q>
ist, dann wäre die Argumentation sinnvoll. Aber das ist ja genau nicht der Fall.
Wir existieren, weil unsere Eltern uns gezeugt und großgezogen haben. Dieses
<q>Argument</q> ist so hanebüchen, es verwundert wirklich, dass es den anonymen
AutorInnen nicht peinlich ist, so etwas hinzuschreiben. Wen wollen sie damit
überzeugen? Ist der römisch-katholische Glaube nur für dumme Menschen geeignet?</p>

<blockquote>
  <p>4. Glauben ist vertrauen</p>

  <p>Glauben heißt nicht deswegen glauben, weil man es nicht beweisen kann. Sondern
weil es ein „Ich glaube dir“ ist. Glauben ist eine Beziehung zu einer Person,
zu Gott, den ich immer mehr kennenlernen kann. Und je mehr ich ihn
kennenlerne, desto mehr lerne ich zu glauben, weil ich die Erfahrung mache,
dass ich ihm vertrauen kann.</p>
</blockquote>

<p>Doch, Glauben bezieht sich auf Dinge, die man (im Moment oder auch länger) nicht
beweisen kann. Auch im Kontext <q>Ich glaube dir</q>. Sonst heißt es <q>Ich
weiß</q>.</p>

<p><q>Gott, den ich immer mehr kennenlernen kann</q> – das wiederum kann man <em>nur</em>
glauben, nicht beweisen. Viele, viele gläubige Menschen haben ihren im
Kindesalter indoktrinierten Glauben genau deswegen verloren, weil sie gemerkt
haben, dass dieser erfundene Gott nicht antwortet und somit auch nicht dem
Kennenlernen zugänglich ist.</p>

<p>Kein religiöser Mensch, der der Lüge aufsitzt, dass man durch Gebet immer
bekommt, was man möchte (<a href="https://www.bibleserver.com/ELB.EU.NIV/Markus11%2C24">Mark
11:24</a>), kann dieses
<q>Vertrauen</q> ernsthaft aufbauen. Die Gottesvorstellung hilft im Alltagsleben
so wenig, dass ein empfundenes <q>Vertrauen</q> einer psychischen Störung
gleichkommt.</p>

<blockquote>
  <p>5. Man kann’s erfahren</p>

  <p>Man könnte auch von der Existenz Gottes überzeugt sein, ohne dass man sein
Leben nach ihm ausrichtet. Erst wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass Gott
mich in meinem Herzen wirklich erfüllt, werde ich das tun. Wer mit Gott zu
leben beginnt, macht aber die Erfahrung, dass Gott Ängste und Schuldgefühle
wegnimmt und dass er echte Freude und inneren Frieden schenkt.</p>
</blockquote>

<p>Hallo, habt ihr den Anfang gelesen? Man soll nur glauben, wenn es wahr ist. So
schnell vergesst ihr?</p>

<p>Um mit <q>Gott zu leben</q> zu beginnen, muss man schon sehr fest daran glauben.
Ähnlich fest, wie die AnhängerInnen anderer GöttInnen an die ihren glauben. Was
jeden Exklusivitätsanspruch, ein wesentliches Merkmal der christlichen
Götter-Erzählung, widerlegt.</p>

<p>Man muss sehr stark indoktriniert sein, um sich im <q>Herzen wirklich
erfüllt</q> zu fühlen, die <q>Erfahrung</q> zu machen, dass GöttInnen <q>echte
Freude</q> schenken. Die meisten Religionen sind ja nicht dafür förderlich,
Freude zu empfinden, im Gegenteil. Die Realität der römisch-katholischen
Religionsausübung sind fade Gottesdienste mit unmotivierten Priestern in leeren
Kirchen und Einschränkungen der persönlicher Freiheit. Wer mag, soll das gerne
machen, aber für die Mehrheit ist das nichts.</p>

<p>Argument 5 argumentiert schon gar nicht mehr für den Glauben. Es geht davon
aus, dass man diesen Glauben hat, und macht falsche Versprechungen für diese
Situation.</p>

<p>Insgesamt ein sehr schwacher Artikel. Die <q>Argumente</q> sind zwar nicht nur die,
die man immer wieder hört, dafür aber auch schlecht durchdacht und vorgebracht.
Es ist eine absurde Vorstellung der RedakteurInnen, damit Jugendliche erreichen
und zum Glauben bekehren zu können. Eine Minderheit der Jugendlichen ist noch
gläubig, die werden die Argumente aber auch großteils nicht nachvollziehen
können; die Mehrheit interessiert sich wiederum nicht für so abstrakte und
leicht widerlegte <q>Argumente</q> in einer Zeitschrift, die so offensichtlich
monothematisch und missionierend wirkt.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="katholisch" /><category term="Apologetik" /><category term="Mission" /><summary type="html"><![CDATA[Das katholische Jugendmagazin YOU hat einen kurzen Artikel mit 5 Argumenten für den Glauben publiziert. Wer ist YOU überhaupt, und sind es brauchbare Argumente?]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Kirchenaustritte: Gutes Produkt, schlechtes Marketing?</title><link href="https://athikan.at/austritt/katholisch/marketing/2023/01/17/kirchenaustritte-gutes-produkt.html" rel="alternate" type="text/html" title="Kirchenaustritte: Gutes Produkt, schlechtes Marketing?" /><published>2023-01-17T00:00:00+01:00</published><updated>2023-01-17T00:00:00+01:00</updated><id>https://athikan.at/austritt/katholisch/marketing/2023/01/17/kirchenaustritte-gutes-produkt</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/austritt/katholisch/marketing/2023/01/17/kirchenaustritte-gutes-produkt.html"><![CDATA[<p>Die Austritte aus der katholischen Kirche Österreichs, die am 11. 1. 2023
bekanntgegeben wurden, zogen viel Medieninteresse auf sich. Über 90.000
Austritte sind ein <a href="https://avoesterreich.at/religion/statistiken-der-katholischen-kirche-2021-2022/">neuer
Rekord</a>,
damit in Verbindung verlor die Kirche fast 95.000 Mitglieder im Jahr 2022. Tenor
der Bischöfe in ihren <q>ersten</q> Reaktionen (natürlich wissen sie es längst,
sie bekommen ja monatlich Zahlen) war, dass die Kirche wieder mehr auf Menschen
zugehen müsse, um ihnen mehr über Jesus zu erzählen. So, als hätten sie ein
attraktives Produkt, nur hätten sie vergessen, dieses auch richtig zu bewerben.</p>

<p>Diese Aussage hören wir regelmäßig. <q>Auf andere zuzugehen</q> ist als
Missionierungsauftrag biblisch. Wir verbinden aber typischerweise nicht mehr
die katholische Kirche damit, sondern eher noch unangenehmere Sekten wie die
Mormonen oder die Zeugen Jehovas. Nein, die Bischöfe werden sich nicht in die
Fußgängerzone stellen und Leute anreden, ob sie vielleicht etwas über ihren
unsichtbaren Freund hören wollen, und sie werden auch die verbliebenen
PfarrgemeinderätInnen nicht auf diese Weise verbrauchen. Sie werden eher für
die Bekehrung der Menschen beten (so wie <a href="https://avoesterreich.at/startseite/total_absurdes_theater/">für die Einheit der
Christen</a> oder
gegen Corona) und weiter ihre Rituale veranstalten. Ein Jahr später nach neuen
Rekordzahlen kommt dann wieder das öffentliche Wundern.</p>

<h2 id="produktmarketing">Produktmarketing</h2>

<p>Aber analysieren wir diese Aussage einmal systematisch. Sie beinhaltet die
Annahme, dass die Kirche eigentlich nichts falsch macht, sondern nur zu wenig
oder in ungenügender Weise darüber erzählt. In der Wirtschaft bezeichnet man
diesen Themenkreis als Marketing.</p>

<p>Marketing beinhaltet das Produkt selbst und die Kommunikation darüber. Ein
konkurrenzfähiges, attraktives Produkt anzubieten ist genauso wichtig wie eine
gute Werbung dafür, gute Public Relations fürs Unternehmen, und die Analyse
aller zur Verfügung stehenden Daten.</p>

<p>Wenn alles gut läuft, sind die KundInnen so vom Produkt überzeugt, dass sie
daran <em>glauben</em>. Sie wollen es haben. Sie brauchen keine Argumente mehr dafür,
und akzeptieren keine dagegen. Sie vergleichen nicht die technischen Daten mit
denen der Konkurrenzprodukte und verhandeln nicht über den Preis. Es muss für
sie dieses eine Produkt von dieser Marke sein, auch wenn es viel kostet. In
dieser Situation sahen sich lange Zeit diverse Kirchen, je nach historischer
Entwicklung der Region unterschiedliche. Monopolanbieter mit einem
verpflichtenden Produkt zu sein ist wirtschaftlich sehr-sehr nützlich.</p>

<h2 id="das-produkt-mitgliedschaft-in-der-katholischen-kirche">Das Produkt <q>Mitgliedschaft in der katholischen Kirche</q></h2>

<p>Da alle Nachrichten die Rekord-Anzahl der Austritte nannten und auch die
Aussagen der Bischöfe (O-Ton: Jeder Austritt schmerzt) sich darauf bezogen, ist
es relativ klar, dass die Anzahl der Mitglieder die wichtigste Kennzahl, das
Ziel der Bemühungen der Organisation ist. Es wurde nicht über die von diesen
<q>Mitgliedern</q> bezogenen Leistungen gesprochen, die meisten von ihnen nehmen
ja nichts davon in Anspruch. Sie zahlen aber jährlich mehr als ein Prozent ihres
Einkommens ein. Unbestreitbar hängen die finanziellen Ziele der Organisation an
diesem Produkt <q>Mitgliedschaft</q>.</p>

<p>Wie wird man Mitglied der katholischen Kirche, <q>erwirbt</q> also das Produkt?
Die meisten Mitglieder haben das nicht selbst entschieden. Sie wurden von ihren
Eltern als Säugling katholisch getauft und kamen dadurch in die
Mitgliederdatenbank. Zu ihrem 18. Geburtstag bekommen sie von der Kirche die
<em>gebührende</em> Anerkennung als BeitragszahlerIn, und zwar unabhängig davon, ob sie
die ihnen aufgedrängte Zeremonie <q>Firmung</q> (Konfirmation, Bestätigung)
durchgeführt haben, um damit ihren Zugehörigkeitswillen auszudrücken. Soweit
wohl bekannt.</p>

<p>Die Kündigung dieses gar nicht geschlossenen Vertrages erfordert Aufwand. Auch
wenn es heutzutage <a href="https://avoesterreich.at/kirchenaustritt/">ziemlich einfach</a>
ist und schnell geht, muss man doch etwas dafür tun. Die Kirchen erhalten die
Daten der Ausgetretenen aus dem staatlichen Meldewesen und hören auf,
Erlagscheine zu schicken oder den Kirchenbeitrag vom Konto einzuziehen.</p>

<p>Wir kennen also die Kosten des Produkts. Was sind die Vorteile davon? Man ist
als Mitglied berechtigt, gegen einen kleinen zusätzlichen Obulus kirchliche
Feiern wie Trauung oder Bestattung für sich oder andere zu organisieren, oder an
der gegen andere Menschen gerichteten Mitgliederwerbung als Tauf- oder FirmpatIn
teilzunehmen. Sonst: Nichts. Weder wird man vom Gottesdienst ausgeschlossen,
noch darf man nicht mehr an Jesus und die Lehren der Kirche glauben. Als
ehrenamtliche/r MitarbeiterIn ist man sowieso willkommen.</p>

<p>Solange man dabei ist, vermeidet man auch negative berufliche Konsequenzen, wenn
man in einem kirchlich dominierten Betrieb arbeitet. Und in manchen
gesellschaftlichen Milieus ist die Mitgliedschaft in der richtigen
Religionsgemeinschaft auch Voraussetzung fürs Dazugehören. Das sind jetzt nicht
unbedingt Vorteile, sondern eine Art Versicherung gegen unerwünschte Ereignisse,
die kausal mit der katholischen Kirche zusammenhängen.
(Achtung, Vergleiche mit weiter südlich in Italien beheimateten Organisationen
sind juristisch riskant.)</p>

<p>Ist das Produkt <em>gut</em>? Und wenn ja, was daran? Es ist schwer, dazu klare
Informationen zu erhalten. Die zentralen Glaubensinhalte, die Grundlage ihrer
eigenen Existenz kann die Kirche nach fast 2000 Jahren noch nicht einmal
belegen.</p>

<p>Dabei wäre, wenn es einen allmächtigen Schöpfer des Universums gäbe, der unser
Verhalten ständig beurteilt, das DIE zentrale Frage des menschlichen
Lebens. Religion wäre kein peinliches Thema, das die meisten Leute, selbst
Kirchenmitglieder, lieber vermeiden.</p>

<h2 id="versuchtes-marketing">Versuchtes Marketing</h2>

<p>Eine Webseite vom Medienreferat der Österreichischen Bischofskonferenz versucht
zu erklären, <q><a href="https://www.katholisch.at/waskirchebringt">Was Kirche bringt</a></q>.</p>

<blockquote>
  <p>Die Kirche ist eine starke Gemeinschaft mit einer langen, bis heute reichen
und starken Tradition. Mit 5,4 Millionen Mitgliedern und über 3.000 Pfarren
allein in Österreich bildet sie ein dichtes Netz der Solidarität - und sie ist
damit zugleich auch einer der größten Arbeitgeber im Land.</p>
</blockquote>

<p>OK, das ist für eine Einleitung nicht schlecht. Die 5,4 Millionen Mitglieder
sind zwar eine sehr veraltete Information, es sind 4,7 Millionen und jedes Jahr
weniger. Die Organisation schreibt gute Dinge über sich selbst.
Aber was bringt die <em>Mitgliedschaft</em> in der Kirche?</p>

<blockquote>
  <p>Diese Frage stellen heute viele Menschen in der Überzeugung, die katholische
Kirche in ihrem Leben nicht zu brauchen. Kirche ist tatsächlich heute für
viele Menschen eine Institution, weit weg von ihrer eigenen Lebenswelt.</p>
</blockquote>

<p>Ehrlich und nachvollziehbar.</p>

<blockquote>
  <p>Und doch: Diese Kirche mit ihrem Auftrag, die Botschaft vom Reich Gottes zu
verkünden, diese Kirche, die so viel sehr weltliches Engagement bei ihren
Mitgliedern weckt, diese Kirche hat viele positive Auswirkungen auf die ganze
Gesellschaft - auf Glaubende wie auf Nicht-Glaubende.</p>
</blockquote>

<p>Die Kirche hat also einen Auftrag. Das betrifft das Einzelmitglied nicht,
verursacht nur Aufwand. Die Kirche weckt <q>weltliches Engagement bei ihren
Mitgliedern</q>. Also Motivation zur unentgeltlichen Mitarbeit? Das geht auch
ohne Kirche.</p>

<p>Die behaupteten positiven Auswirkungen können die Nicht-Glaubenden nicht
nachvollziehen. Im Gegenteil. Sie sehen viel Schädliches im Wirken der Kirche.
An erfundene Sachen zu glauben schädigt die Betroffenen selbst und die
Gemeinschaft. Staatliche Zahlungen an Kirchen binden Mittel, die an anderer
Stelle besser eingesetzt wären. Konfessioneller Religionsunterricht trennt die
Kinder in Gruppen auf, in denen erzählt wird, sie hätten die richtigen und die
anderen die falschen Ansichten über unsichtbare Freunde. Ohne ihren
Fahnenträger hätten es alle, die in Österreich die Volksverblödung betreiben,
wesentlich schwerer.</p>

<p>Was sind eigentlich die Vorteile (?) der unentgeltlichen Mitarbeit? Die
erste Möglichkeit im Leben, für die Kirche zu arbeiten, ist als MinistrantIn.
Aus Ländern, die den katholischen Kindesmissbrauch aufgearbeitet haben
(Österreich gehört leider nicht dazu), wissen wir, dass etwa fünf Prozent der
Priester sexuelle Gewalt an Minderjährigen begangen haben. Es gibt also ganz
gute Chancen, <em>nicht</em> von einer Respektsperson vergewaltigt zu werden.</p>

<p>Später, als Jugendliche/r kann man die musikalischen Fähigkeiten ausleben,
bevorzugt am Sonntagmorgen nach einer kurzen Nacht nach dem samstäglichen 
Fortgehen. Man kann auch im Pfarrgemeinderat erste Erfahrungen in einem
Gremium sammeln, das die Bespaßung der Gemeinde organisieren und dem Pfarrer
Arbeit abnehmen kann, aber die relevanten Fragen nicht mit entscheiden darf.</p>

<blockquote>
  <p>Dies zeigt sich besonders dort, wo Staat und Kirche zum Wohl der Menschen
kooperieren - etwa in den Bereichen Bildung, Soziales, Kultur und
Gemeinschaft. Seien es die zahlreichen katholischen Schulen und
Kindertagesstätten, das dichte Netz sozialer und karitativer Dienste für
bedürftige Menschen,</p>
</blockquote>

<p>Ah, die Kooperation! Diese Kooperation kennen wir. Die Kirche organisiert etwas,
legt die Regeln dafür fest, und der Staat finanziert. In vielen Gebieten ist
die <q>beste</q> Schule, oder das einzige Gymnasium eine kirchliche
Privatschule. Sie kann dann schon einmal festlegen, dass die Abmeldung vom
katholischen Religionsunterricht gleichbedeutend mit der Abmeldung von der
Schule ist. Es ist sehr schwer, das anders als Zwang eines Monopolisten zu 
bezeichnen. Ebenso in Krankenhäusern. Schwangerschaftsabbruch? Künstliche
Befruchtung? Pränataldiagnostik? Nicht im katholischen Haus der
<q>Barmherzigkeit</q>, also nicht in diesem Bundesland.</p>

<p>Wenn jedes Jahr zwei Prozent der Mitglieder wegbrechen, ist abzusehen, dass das
nicht ganz dichte Netz Löcher bekommt. Soziales Engagement, und noch wichtiger,
garantierte staatliche Mittel für die Unterstützung der Schwachen in der
Gesellschaft sollten unabhängig von dieser frei erfundenen, mit sozialem
Halb-Zwang verbundenen Grundlage sein. <em>Das</em> wäre wirklich nützlich.</p>

<blockquote>
  <p>der große Schatz kultureller Güter und Angebote oder das hohe Maß
ehrenamtlichen Engagements: Kirche ist dort, wo Menschen leben und im
Interesse des Gemeinwohls handeln. Daher bringt Kirche immer auch jenen etwas,
die nicht “dabei sind”.</p>
</blockquote>

<p>Kulturelle Güter und Angebote? Als lebenslang säkularer Mensch habe ich im
kulturellen Bereich immer etwas für mich gefunden, was unabhängig von einer
Kirche war. Wenn ich aus Höflichkeit zu Weihnachtskonzerten in Kirchen gehe,
stelle ich jedes Mal fest, dass diese im Dezember keine für Menschen geeigneten
Orte sind. Die Kirche bringt denen, die nicht dabei sind, Argumente in erster
Linie <em>gegen</em> sie.</p>

<p>Die größten Schätze der Kirche, so etwas wie Jesus' Vorhaut Nummer 17 und
kleiner Zeh 33, interessieren mich und die meisten Menschen seit der Aufklärung
nicht so sehr.</p>

<p>Die Kirche ist immer weniger dort, <q>wo Menschen leben</q>. In Wien ist die
Hälfte der Bevölkerung konfessionsfrei, und die gläubigen Menschen verteilen
sich ebenda auf die meisten Bekenntnisse. Menschen im Interesse des Gemeinwohls
für sich zu reklamieren ist eine dreiste Lüge, die die Tätigkeit in jedem nicht
katholischen Verein negiert. Unterste Schublade und ein leicht entlarvter
Manipulationsversuch.</p>

<blockquote>
  <p>Die Kirche besteht aus Menschen und hat daher auch Schattenseiten, wie die
Missbrauchsfälle gezeigt haben. Trotzdem gibt die Kirche mit ihren
vielfältigen Leistungen ein Zeugnis der Gegenwart des liebenden Gottes.</p>
</blockquote>

<p>Das Problem mit dieser Behauptung ist, dass die katholische Kirche exakt
diejenige ist, die lehrt, dass die <q>Kirchenmänner</q> spezielle Kommunikation
von ihren Göttern empfangen und dadurch besonders tugendhaft seien. <em>Deswegen</em>
war der Schock so groß, als nach langer Duldung der Verbrechen und Unterdrückung
der Information darüber seitens der Kirche herauskam, dass diese
<q>geweihten</q>, über den normalen Gläubigen stehenden Männer die Kinder
missbraucht haben. Nicht die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Nicht die
Freiwilligen.</p>

<p>Die vielfältigen Leistungen entpuppen sich bei näherem Hinsehen als genauso frei
erfunden und herbeigeredet wie ein <q>Zeugnis der Gegenwart</q> des
unsichtbaren, nicht mit der Welt interagierenden, von Menschen erfundenen
Gottes.</p>

<h2 id="für-mitglieder-nur-nachteile">Für Mitglieder nur Nachteile</h2>

<p>Eine Information fehlt von der Kirchen-Seite <q>Was Kirche bringt</q>: Was die
Kirche ihren Mitgliedern bringt. Bisher haben wir nur Kosten und den Aufruf zur
unentgeltlichen Mitarbeit gesehen, natürlich so, dass die Lorbeeren dafür der
Kirche zugerechnet werden. Wohlgemerkt, dieses Engagement wird ohne
Mitgliedschaft auch gern angenommen. Ein gewisses Risiko von sexuellem
Missbrauch müssen die Mitglieder leider in Kauf nehmen, Gottes speziell geweihte
Männer sind auch nur ganz normale Menschen, bis auf ein überdurchschnittliches
Risiko für Sexualstraftaten an Minderjährigen. Und man darf sich weiter zu
einer Gemeinschaft bekennen, die dieses klitzekleine Wutziproblem noch nicht
aufgearbeitet hat, aber andere darüber <a href="https://www.kath.net/news/80402">belehren
will</a> (Achtung, der Link geht zu kath.net, das
selbst der katholischen Kirche zu extrem ist).</p>

<p>Es gibt auf katholisch.at weitere Seiten, die die wirtschaftliche Tätigkeit der
Kirche beschreiben, immer mit dem fremdfinanzierten, aber für sich reklamierten
<q>Vorteil</q> für die Gesellschaft im Vordergrund. Auch diese erklären nicht,
warum die Mitgliedschaft für den Einzelnen vorteilhaft wäre. Im Gegenteil: Der
Wert der Gratis-Arbeit der Mitglieder wird in eigenartiger Weise mit
<q><a href="https://www.katholisch.at/wirtschaftsfaktorkirche">zwischen 540 und 400 Millionen
Euro</a></q>
beziffert. Das sind dann die <q>Leistungen der Kirche fürs Gemeinwesen</q>.</p>

<p>Noch immer keine Information, die die Vorteile der Mitgliedschaft beschriebe.
Und all diese Dinge gibt es auch anderswo. Wer dieselbe hochkomplexe und
unbelegte <a href="/argumentation/bekehrung/logik/g%C3%B6tter/2021/09/07/wie-du-uns-bekehren-kannst.html">Sammlung von Behauptungen</a>, aber mit verheirateten PriesterInnen
und ohne Unfehlbarkeit des alten Mannes im weißen Kleid glauben möchte, kann die
altkatholische Kirche wählen. Es gibt aber auch eine große Bandbreite bei den
Varianten der Sammlung von Behauptungen. Weniger Marienverehrung, mehr
Kein-Sex-vor-der-Ehe? Nichts leichter als das. In den meisten Fällen ohne
Pflichtbeiträge, aber je <q>freier</q> sich die Gemeinde bezeichnet, desto mehr
Kontrolle übers Leben der Mitglieder will sie ausüben, und um so mehr nähern
sich die <q>freiwilligen</q> Gaben dem <q>Zehnten</q> an.</p>

<p>Es zeichnet sich nicht ab, dass Menschen die katholische Kirche wegen kleiner
Details der Glaubenssätze verlassen. Die 90.000 im Jahr 2022 Ausgetretenen und
jene, die ihnen täglich folgen, wollen nicht die selbe katholische Kirche, nur
bitte mit Priesterinnen. Nein, die wollen weg vom Christentum. Sie wechseln
weder zu den Altkatholiken, noch tragen sie ihren Protest zu den Protestanten,
und frei-christlich machen sie sich auch nicht. Das Produkt bringt ihnen nichts,
und die vagen Versprechen auf die Möglichkeit von Reformen, die aus der Zentrale
zuerst organisiert und dann gleich abgedreht werden, geben ihnen auch keinen
positiven Ausblick.</p>

<h2 id="auf-dem-falschen-dampfer">Auf dem falschen Dampfer</h2>

<p>Das Produkt ist schlecht. Ein Unternehmen, das sich selbst gegenüber ehrlich
ist, findet so etwas früher oder später heraus. Die katholische Kirche hat aber
eingebaute Mechanismen, um nie zu diesem Ergebnis gelangen zu müssen. Sie hat ja
die Wahrheit. Lehre und Praxis sind unveränderbar, die Welt muss sich anpassen.</p>

<p>Die Besatzung der <em>Kathitanic</em> gibt noch im Rettungsboot <q>Zeugnis</q>,
dass das Schiff unsinkbar und <q>relativ stabil</q> sei und sogar jene, die
gar nicht eingestiegen sind, sicher über den Ozean bringe. Es ist wahrlich eine
<q>göttliche</q> Komödie.</p>

<h2 id="v-erklärungen">V-erklärungen</h2>

<p>Anfang 2022 war das <q>Eintreten der Kirche für die Corona-Impfung</q>, mit
Impfstrasse im Stephansdom, die dominierende Erklärung für die bis dahin
zweithöchsten Austrittszahlen. Eine rationale Entscheidung kann und darf der
Austritt ja nicht sein. Die Distanz zur Kirche, die in der Corona-Zeit
entstanden sein soll, kam heuer als Erklärungsversuch vor. Dabei haben die
TheologInnen am Anfang der Pandemie, ganz ohne Daten, wiederholt davon
gesprochen, dass solche Krisen zu einer wachsenden Religiosität und Sinnsuche
führten, die die Kirche am besten befriedigen könne. Davon hören wir nach drei
aufeinanderfolgenden Jahren mit dem höchsten prozentualen Mitgliederverlust der
katholischen Kirche nichts mehr.</p>

<p>Näher dran sind (<a href="/theologie/katholisch/wissenschaft/2021/05/20/die-zukunft-der-theologie.html">fallweise</a>) 
TheologInnen wie Prof. Paul Zulehner, die – dann aber schon ohne
Medienaufmerksamkeit – erklären, dass die Zeit des
<q>Gewohnheitschristentums</q> vorbei und die Zugehörigkeit nicht mehr
<q>Schicksal</q>, sondern Entscheidung sei. Ein Konzept, das die katholische
Kirche über einen großen Teil ihrer Geschichte mit blutiger Gewalt bekämpft hat.
Sie wird lang brauchen, um sich auf diese neue Situation einzustellen.</p>

<h2 id="und-tschüss">Und tschüss</h2>

<p>Die Abwendung von organisierter Religion ist ein Phänomen in allen
demokratischen Ländern mit guter Bildung. Das Kernproblem der Religionen ist,
dass Bildung und freier Meinungsaustausch implausible Behauptungen in den
Hintergrund und die sichtbaren negativen Auswirkungen in den Vordergrund
schieben. Unterm Strich folgt der Austritt, wo der überhaupt notwendig ist, und
das Fernbleiben von allem, was religiös ist. Und sobald die Familien die Kinder
nicht mehr selbst indoktrinieren oder zur den Indoktrinierern schicken, ist es
aus. Nicht getaufte Kinder gehen nicht automatisch in den Religionsunterricht
und werden nicht zu BeitragszahlerInnen wider Willen. Religion wird zum Hobby
alter Menschen, die sich darüber wundern, dass es sinnvolles Leben, Engagement
und eine glückliche Gesellschaft doch auch ohne Religion gibt.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Austritt" /><category term="katholisch" /><category term="Marketing" /><summary type="html"><![CDATA[Die Austritte aus der katholischen Kirche Österreichs, die am 11. 1. 2023 bekanntgegeben wurden, zogen viel Medieninteresse auf sich. Über 90.000 Austritte sind ein neuer Rekord, damit in Verbindung verlor die Kirche fast 95.000 Mitglieder im Jahr 2022. Tenor der Bischöfe in ihren ersten Reaktionen (natürlich wissen sie es längst, sie bekommen ja monatlich Zahlen) war, dass die Kirche wieder mehr auf Menschen zugehen müsse, um ihnen mehr über Jesus zu erzählen. So, als hätten sie ein attraktives Produkt, nur hätten sie vergessen, dieses auch richtig zu bewerben.]]></summary></entry></feed>