<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><feed xmlns="http://www.w3.org/2005/Atom" xml:lang="de"><generator uri="https://jekyllrb.com/" version="4.3.4">Jekyll</generator><link href="https://athikan.at/feed.xml" rel="self" type="application/atom+xml" /><link href="https://athikan.at/" rel="alternate" type="text/html" hreflang="de" /><updated>2026-08-18T22:30:17+02:00</updated><id>https://athikan.at/feed.xml</id><title type="html">Der Athikan</title><subtitle>Atheistische Kritik an christlichem und theologischem Unsinn</subtitle><entry xml:lang="de"><title type="html">Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen 4: Was kostet das?</title><link href="https://athikan.at/absetzung/religionsgesellschaft/steuer/kosten/2026/08/17/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-4.html" rel="alternate" type="text/html" title="Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen 4: Was kostet das?" /><published>2026-08-17T00:00:00+02:00</published><updated>2026-08-17T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/absetzung/religionsgesellschaft/steuer/kosten/2026/08/17/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-4</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/absetzung/religionsgesellschaft/steuer/kosten/2026/08/17/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-4.html"><![CDATA[<p>Der überwiegende Teil der an Religionsgesellschaften in Österreich gezahlten
Beiträge ist tatsächlich ein Pflichtbeitrag. Es lässt sich ungefähr berechnen,
welcher Anteil der von der Steuer abgesetzten Spenden einen zweifelhaften Status
hat, und wie groß der Schaden dadurch ist.</p>

<!--more-->

<h2 id="ergebnis-der-steuerabsetzung-von-religionsbeiträgen">Ergebnis der Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen</h2>

<p>Um die tatsächlichen Auswirkungen der Steuerabsetzung von Beträgen zu ermitteln,
muss jede Steuererklärung einzeln betrachtet werden. Das Ergebnis mit Absetzung
ist bekannt, es wurde ja bereits einmal berechnet. Im Szenario ohne
Steuerabsetzung wird der zugrundeliegende Betrag, also das Einkommen abzüglich
der anderen absetzbaren Posten, in die korrekte Steuerklasse eingeordnet (sie
könnte sich ja in seltenen Fällen ändern) und damit neu berechnet. Das hört sich
aufwändig an, aber das Finanzministerium macht so etwas wohl öfter und hat die
Ergebnisse geliefert.</p>

<p>Früher konnte diese Information durch parlamentarischen Anfragen gewonnen
werden. Der Nachteil einer solchen ist, dass sie von einer Parlamentspartei
eingebracht werden muss. Das geht nicht sehr häufig. Heutzutage haben wir aber
das Informationsfreiheitsgesetz, und das Finanzministerium kann direkt gefragt
werden.</p>

<p>Hier sind die Ergebnisse aus der Anfragebeantwortung:</p>

<ul>
  <li>Für das Jahr 2020: 164.889.389,15 Euro</li>
  <li>Für das Jahr 2021: 173.151.947,83 Euro</li>
  <li>Für das Jahr 2022: 171.385.221,90 Euro</li>
  <li>Für das Jahr 2023: 164.202.208,06 Euro</li>
  <li>Für das Jahr 2024: 161.049.168,20 Euro</li>
</ul>

<p>Es fällt gleich auf, dass der Betrag bis 2021 gestiegen ist, danach aber
kontinuierlich sinkt. Einkommensabhängige Religionsbeiträge hängen von der
Konjunktur und von der Inflation ab. Da die Kirchen in Österreich aber keinen
staatlichen Zugang zu den Einkommensdaten ihrer Mitglieder haben, können sie die
Beiträge nur schätzen und jährlich erhöhen. Man kann natürlich nachweisen, dass
man ein niedrigeres oder höheres Einkommen hat und so den Beitrag anpassen – es
wird niemanden überraschen, dass die Korrektur in die eine Richtung wesentlich
häufiger ist als in die andere.</p>

<p>Im Jahr 2024 wurde die Obergrenze der Absetzbarkeit der Religionsbeiträge von
400 auf 600 € erhöht. Da aber weitaus die meisten Kirchenbeitragszahler:innen
bei den evangelischen und den katholischen Kirchen sind und die meisten Beiträge
nicht einmal 200 € erreichen, war die Änderung nur für eine kleine Gruppe von
sehr gut verdienenden Menschen relevant – und für die noch kleinere Gruppe der
Anhänger:innen von christlichen Hochkontroll-Gemeinschaften mit dem
<q>biblischen</q> <q>Zehnten</q>. (Die Bibel enthält nur Naturalabgaben, nie
<q>10 Prozent des Einkommens</q>.)</p>

<p>Betrachten wir die evangelischen und die römisch-katholische Kirche zusammen.
Sie konnten in Teil 2 dieser Serie eindeutig identifiziert werden, und ihre
Statistiken sind öffentlich zugänglich.</p>

<p>Sie haben eine ähnliche Beitragshöhe und zu ihnen gehören noch knapp über die
Hälfte der Bevölkerung Österreichs. Und sie verlieren pro Jahr fast zwei Prozent
ihrer Mitglieder (fast ein Prozent der Gesamtbevölkerung). Zwischen Ende 2023
und Ende 2024 (neuere Daten hat die römisch-katholische Kirche noch nicht herausgegeben)
haben sie fast 89.000 Mitglieder verloren, das entspricht einem Verlust von
1,82 % in einem Jahr. Von 2021 auf 2022 waren es über 101.000 Menschen mit einer
Verlustrate von 1,99 %.</p>

<p>Der Rückgang der gemeldeten Beiträge schwankt stärker. Von 2020 auf 2021 sind
die Beiträge trotz Mitgliederrückgangs sogar gestiegen, hauptsächlich getrieben
von Beitragserhöhungen der römisch-katholischen Kirche. Seither gehen die 
Einnahmen zurück. Von 2023 auf 2024 um 3,15 Mio. €, 1,92 %.</p>

<p>Diese Religionsgesellschaften haben echte Pflichtbeiträge. Mehr als 60 % ihrer
ausgewiesenen Mitglieder haben Beiträge gemeldet. Die zweitgrößte
Religionsgesellschaft, der Islam, hat nur eine Art Gebühren-Modell als
Pflichtbeitrag getarnt, und nur ein sehr kleiner Teil der Mitglieder zahlt. Die
nächstgrößere Gruppe, die orthodoxen Kirchen verlangen nach eigenen Angaben
keinen Pflichtbeitrag. So überrascht es nicht, dass 99,4 bis 99,5 %
derjenigen, für die ans Finanzamt ein Religionsbeitrag gemeldet wurde,
römisch-katholisch oder evangelisch sind.</p>

<p>Dem entsprechen allerdings <q>nur</q> 98,2 bis 98,6 % der gemeldeten
Beiträge. Wir wissen auch schon, warum: Die <q>Zehnter-christlichen</q> Gruppen
melden wesentlich höhere <q>Beiträge</q> (Spenden). Sie nehmen von einigen
tausend Leuten pro Kopf deutlich mehr ein, Median und Mittelwert der Beträge
sind deutlich höher als in den größeren Kirchen mit Pflichtbeitrag.</p>

<p>Die Aufgabe ist jetzt, die steuerliche Auswirkung auf die Beiträge umzurechnen.
Hierfür kämen die Bevölkerungsanteile oder die Beitragsanteile in Frage. Da die
Beitragsanteile besser die tatsächlich gezahlte Höhe abdecken, sind sie eine
bessere Wahl. Das heißt, dass die steuerliche Auswirkung (z. B. die 161
Millionen aus 2024) mit dem Beitragsanteil der entsprechenden Gruppe (z. B.
0,92 % <q>Christlich mit Zehntem</q>) multipliziert wird. Und das ergibt
für die Gruppen <q>Christlich mit Zehntem</q> und <q>nicht identifiziert</q>,
also jene, die ziemlich sicher keinen Pflichtbeitrag kennen, 2 bis 2,5 Millionen
Euro steuerliche Auswirkung der abgesetzten Beiträge. Genauer kann es nur das
Finanzamt berechnen.</p>

<p>In den fünf Steuerjahren 2020 bis 2024 sind das insgesamt 11,4 Mio. €, die auf
mindestens zweifelhafte Weise von den Einkommenssteuern der Mitglieder abgesetzt
wurden. Verglichen mit der Summe (161 bis 173 Millionen Euro pro Jahr) mag das
als Peanuts erscheinen, aber angesichts des minimalen Prüfaufwandes, der hier
bereits ehrenamtlich fürs Finanzministerium begonnen wurde, wären über zwei
Millionen Euro pro Jahr ein schöner Ertrag.</p>

<p>Die Konfessionsfreien haben natürlich seit Jahrzehnten nicht nur diesen irregulären
Teil im Blick, sondern den Gesamtbetrag. Die steuerliche Absetzung von
Pflichtbeiträgen in Religionsgesellschaften ist eine staatliche Subventionierung
der Mitgliedschaft in einer Art von Organisation, die nur den Anhänger:innen
bestimmter Religionen offensteht. Religionsgesellschaften, die die Anerkennung
nicht haben und andere nichtreligiöse weltanschauliche Gruppen haben die
Möglichkeit schlicht nicht. (Spenden an gemeinnützige Organisationen können
natürlich alle Menschen absetzen, um diese geht es hier aber nicht.)</p>

<p>Die Hoffnung ist, dass der Nachweis von Manipulationen bei der Meldung der
Religionsbeiträge eine öffentliche Diskussion anstößt, in der die Gesellschaft
tatsächlich einmal pro und contra der staatlichen Subventionierung der
Religionsmitgliedschaft und die diskriminierenden Aspekte der aktuellen Regelung
kennenlernen kann.</p>

<p>Mit 160 bis 170 Millionen Euro, auch wenn der Betrag mit den vielen
Religionsaustritten stetig kleiner wird, kann die Republik in einer angespannten
Budgetlage wahrlich sinnvollere Dinge anfangen als den Anhänger:innen einzelner
Minderheiten-Religionsgesellschaften (das sind alle) die Mitgliedschaft etwas
günstiger zu machen. Insbesondere in der heutigen Form, von der nur
Gutverdienende wirklich profitieren. Das ist weder sozial noch demokratisch.</p>

<h3 id="alle-teile-dieser-serie">Alle Teile dieser Serie:</h3>

<ol>
  <li>
    <p><a href="/steuer/absetzung/ifg/informationsfreiheit/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-1.html">Informationsfreiheit und Steuerrecht</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-2.html">Beantwortung der Anfrage, Zuordnung der Religionsgesellschaften</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/freikirche/buddhistisch/2026/08/16/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-3.html">Dürfen die das?</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/steuer/kosten/2026/08/17/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-4.html">Was kostet das?</a></p>
  </li>
</ol>

<p><a href="/assets/steuerabsetzung-2026-daten.zip">Daten der Anfragebeantwortung und der Analyse</a> –
<a href="https://fragdenstaat.at/anfrage/einkommenssteuer-absetzung-nach-ss-18-1/">Anfragebeantwortung bei fragdenstaat.at</a></p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Absetzung" /><category term="Religionsgesellschaft" /><category term="Steuer" /><category term="Kosten" /><summary type="html"><![CDATA[Der überwiegende Teil der an Religionsgesellschaften in Österreich gezahlten Beiträge ist tatsächlich ein Pflichtbeitrag. Es lässt sich ungefähr berechnen, welcher Anteil der von der Steuer abgesetzten Spenden einen zweifelhaften Status hat, und wie groß der Schaden dadurch ist.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen 3: Dürfen die das?</title><link href="https://athikan.at/absetzung/religionsgesellschaft/freikirche/buddhistisch/2026/08/16/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-3.html" rel="alternate" type="text/html" title="Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen 3: Dürfen die das?" /><published>2026-08-16T00:00:00+02:00</published><updated>2026-08-16T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/absetzung/religionsgesellschaft/freikirche/buddhistisch/2026/08/16/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-3</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/absetzung/religionsgesellschaft/freikirche/buddhistisch/2026/08/16/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-3.html"><![CDATA[<p>Nur wenige Religionsgesellschaften in Österreich kennen verpflichtende Beiträge.
Die Mehrzahl wirbt aktiv damit, sich nur aus Spenden zu finanzieren. Manchmal
geben sie den Inhalt des Gesetzes falsch wieder, oder beklagen, dass sie die
Spenden nicht absetzen können, was sie dann wahrscheinlich doch tun.</p>

<!--more-->

<h2 id="was-ist-überhaupt-ein-pflichtbeitrag">Was ist überhaupt ein Pflichtbeitrag?</h2>

<p>Der relevante Gesetzestext beginnt mit der Formulierung <q>Verpflichtende
Beiträge</q>. Dort ist jedoch nicht beschrieben, wie das definiert ist,
oder welche Regeln anzuwenden sind, um zu entscheiden, ob eine konkrete Zahlung
einen verpflichtenden Beitrag darstellt oder nicht.</p>

<p>Es gibt jedoch einen Hinweis in der <a href="https://findok.bmf.gv.at/findok/volltext(suche:Standardsuche)?segmentId=05ae1ff9-2b42-4124-b7f5-85d026c49a2e">aktuellen
Fassung</a>
der <q>Lohnsteuerrichtlinien 2002</q>:</p>

<blockquote>
  <p>Absetzbar sind nur Zahlungen, die auf Grund der Beitragspflicht nach der
jeweiligen Kirchenbeitragsordnung geleistet werden. Andere Zahlungen (zB
Spenden) sind nicht begünstigt.</p>
</blockquote>

<p>Das Finanzministerium erwartet also eine <q>jeweilige
Kirchenbeitragsordnung</q>.</p>

<p>Eine solche Beitragsordnung sollte wohl mindestens enthalten, dass eine an alle
Mitglieder kommunizierte Regel existiert, die eine Beitragshöhe oder einen
Berechnungsmechanismus enthält und auch durchgesetzt wird, also im Fall der
Nichtbefolgung Konsequenzen hat. Ausnahmen, solange sie beschrieben sind und
durchgehend angewendet werden, z. B. <q>beitragspflichtig sind nur Personen mit
eigenem Einkommen</q>, sind dabei in Ordnung. Die römisch-katholische Kirche
verlangt zum Beispiel keinen Kirchenbeitrag von Menschen unter 18 Jahren. (Wenn
man sich die <a href="https://statkb.at/superset/dashboard/demogneuekf/?standalone=1">Austritte nach
Altersgruppe</a>
anschaut, drängt sich der Verdacht auf, dass der Beginn der
Kirchenbeitragspflicht mit 18 Jahren ein starker Auslöser des Austritts ist.)</p>

<p>Sicherlich spielen neben dem Verhalten, das nach innen an die Mitglieder
gerichtet ist, öffentliche Äußerungen der jeweiligen Religionsgesellschaft
eine Rolle. Bei der katholischen Kirche gibt es eine Webseite, die den
Kirchenbeitrag erklärt und darauf hinweist, dass es sich um einen
verpflichtenden Beitrag handelt. Wenn die Alevitische Glaubensgemeinschaft
beschreibt, dass sie <q><a href="https://www.aleviten.at/spenden/">ausschließlich durch die Großzügigkeit von
Mitgliedern</a></q> finanziert wird, könnte sie
danach schwer argumentieren, dass es eigentlich eine interne Beitragsordnung mit
verpflichtenden Beiträgen gäbe.</p>

<p>Beispielhaft erscheint, wenn der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz
einmal <a href="https://www.katholisch.at/aktuelles/131818/kirchenbeitrag-orthodoxe-hoffen-auf-baldige-steuerabsetzbarkeit">2020</a> 
und einmal <a href="https://www.katholisch.at/aktuelles/151683/metropolit-arsenios-orthodoxe-kirche-ist-in-sterreich-im-wachsen">2025</a>
darauf hinweist, dass die orthodoxen Kirchen wissen, dass ihre Beiträge
freiwillig sind und deswegen nicht abgesetzt werden können. <q>Da es bei uns
keine verpflichtenden, sondern nur freiwillige Kirchenbeiträge gibt, sind sie im
Unterschied zu jenen der katholischen und der evangelischen Kirche nicht
steuerlich absetzbar. Das ist für uns nicht zufriedenstellend.</q></p>

<p>Österreich dürfte mit der Regelung, dass nur Pflichtbeiträge absetzbar sind,
weltweit die Ausnahme sein. Dieses System und die Nichtabsetzbarkeit von Spenden
stört auch das Gerechtigkeitsempfinden. Aber die staatliche Verwaltung darf
nicht eigenmächtig gegen als ungerecht empfundene Gesetze handeln. Solange das
Gesetz und die Rechtsprechung so sind, wie sie sind, können Spenden offiziell
nicht von der Steuer abgesetzt werden.</p>

<h2 id="religionsgesellschaften-über-ihre-finanzierung">Religionsgesellschaften über ihre Finanzierung</h2>

<p>Hier folgen einige Zitate von den Homepages anerkannter Religionsgesellschaften
in Österreich, die ihre Finanzierungsweise selbst beschreiben.</p>

<h3 id="alevitische-glaubensgesellschaft">Alevitische Glaubensgesellschaft</h3>

<p>Wie vorhin zitiert: <strong><a href="https://www.aleviten.at/spenden/">Spenden</a></strong> 
(<a href="https://web.archive.org/web/20231207011645/https://www.aleviten.at/spenden/">Archiv-Link</a>)</p>

<blockquote>
  <p>Die Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (ALEVI) wird ausschließlich
durch die Großzügigkeit von Mitgliedern und am Alevitentum interessierten
Menschen finanziert. Wenn Sie daran interessiert sind, die Arbeit der
Alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich finanziell zu unterstützen
oder eine Spende zu tätigen, können Sie auf verschiedene Weisen vorgehen</p>
</blockquote>

<p>Darunter die einzelnen Spendemöglichkeiten, kein Hinweis auf verpflichtende
Beiträge. Die Alevitische Glaubensgemeinschaft ist mit der Nummer KR-14542 als
Religionsgesellschaft mit verpflichtendem Beitrag beim Finanzministerium
registriert.</p>

<h3 id="buddhistische-religionsgesellschaft">Buddhistische Religionsgesellschaft</h3>

<p>Registriert für die Absetzung verpflichtender Religionsbeiträge mit der Nummer
KR-11941.</p>

<p><strong><a href="https://buddhismus-austria.at/spenden/">Spenden</a></strong>
(<a href="https://web.archive.org/web/20260419152324/https://buddhismus-austria.at/spenden/">Archiv-Link</a>)</p>

<blockquote>
  <p>Spenden hat im Buddhismus eine besondere Bedeutung.</p>

  <p>Das Geben als Übung wird im Buddhismus “Dana” genannt. Als eine Übung des Loslassens und auch des Ausgleichens ist dies ein ganz wichtiger Aspekt in der buddhistischen Praxis.</p>

  <p>Die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft wird ausschließlich durch die Großzügigkeit von Mitgliedern und am Buddhismus interessierten Menschen finanziert.</p>
</blockquote>

<p>Das ist deutlich. Wie wäre es mit einer falschen Information über die
gesetzliche Situation?</p>

<blockquote>
  <p>Wenn Sie in der ÖBR Mitglied sind, sind Ihre Spenden steuerlich absetzbar.
Wenn Sie das wünschen, wird ihre Spende beim Finanzamt gemeldet und dadurch
bei Ihrer Steuererklärung berücksichtigt.</p>
</blockquote>

<p>Ja, das ist die Verbindung des Wortes <q>Spenden</q> mit der steuerlichen
Absetzbarkeit und mit der Erklärung, dass das Spenden (nicht etwa ein
verpflichtender Beitrag) einen religiösen Inhalt hat.</p>

<h3 id="freikirchen-österreichs">Freikirchen Österreichs</h3>

<p>Diese christlichen Kleingemeinschaften haben 2013 als Zusammenschluss von fünf
<q>Bünden</q> die staatliche Anerkennung erlangt. Einzeln hätten sie dafür zu wenige
Mitglieder gehabt. Diese Form der Sammel-Anerkennung verschiedener
Religionsgemeinschaften in einem künstlichen Gebilde traf damals auf Kritik aus
der säkularen Szene, z. B. von <a href="https://religion.orf.at/v3/stories/2600148/">Eytan
Reif</a> (Initiative Religion ist
Privatsache) und <a href="https://religion.orf.at/v3/stories/2600687/">Gerhard
Engelmayer</a> (damals
Freidenkerbund).</p>

<p>Eines der verbindenden Elemente der Freikirchen ist, dass sie nach außen
ausschließlich die Spendenfinanzierung kommunizieren. Alle fünf Bünde äußern
sich als Einheit oder bei Mitgliederkirchen in ähnlicher Weise.</p>

<p>Gleichzeitig sind sie unter separaten Nummern in der Liste des
Finanzministeriums erfasst.</p>

<h4 id="bund-der-baptistengemeinden">Bund der Baptistengemeinden</h4>

<p><strong><a href="https://www.projekt-gemeinde.at/spenden/">projekt:gemeinde</a></strong>
(<a href="https://web.archive.org/web/20260310001904/https://www.projekt-gemeinde.at/spenden/">Archiv-Link</a>)</p>

<blockquote>
  <p>Wir finanzieren uns als Freikirche ausschließlich aus freiwilligen Spenden (Kollekten, Daueraufträgen, Einzelspenden) von Gemeindemitgliedern und Freunden, sowie Unterstützung aus In- und Ausland</p>

  <p>Wir erheben keine Kirchensteuer und haben keinen fixen Mitgliedsbeitrag, wir
erhalten keine staatlichen Subventionen und wir bezahlen unsere Pastor*innen selbst.</p>
</blockquote>

<blockquote>
  <p>Spenden und Beiträge auf das Gemeindekonto sind für ordentliche und
außerordentliche Mitglieder bis zu einer Gesamtsumme von 600 Euro pro Jahr
<strong>steuerlich absetzbar</strong>.</p>
</blockquote>

<p>Auch hier: Falsche Angaben über die gesetzliche Basis.</p>

<h4 id="freie-christengemeinde---pfingstgemeinde">Freie Christengemeinde - Pfingstgemeinde</h4>

<p><strong><a href="https://www.lifechurch.at/wien#wien-geben">Life Church Wien</a></strong>
(<a href="https://web.archive.org/web/20250217033332/https://www.lifechurch.at/wien#wien-geben">Archiv-Link</a>)</p>

<blockquote>
  <p>LIFE Church finanziert sich zu 100% aus freiwilligen Spenden. DANKE für dein Mittragen!</p>
</blockquote>

<h4 id="bund-evangelikaler-gemeinden">Bund evangelikaler Gemeinden</h4>

<p><strong><a href="https://www.beg.or.at/ueber-uns/">Über uns</a></strong>
(<a href="https://web.archive.org/web/20260517050216/https://www.beg.or.at/ueber-uns/">Archiv-Link</a>)</p>

<p>(In den FAQs unter <q>Worin unterscheiden sich Freikirchen …</q>)</p>

<blockquote>
  <p>Es gibt keine Kirchensteuer, sondern freiwillige Spenden.</p>
</blockquote>

<h4 id="elaia-christengemeinden">Elaia Christengemeinden</h4>

<p><strong><a href="https://www.calvarywien.com/de/faq/">Calvary Wien</a></strong>
(<a href="https://web.archive.org/web/20240222083202/http://www.calvarywien.com/de/faq/">Archiv-Link</a>)</p>

<blockquote>
  <p>Wir sind uabhängig (sic!) von staatlicher Unterstützung und jeglicher Art von
fixem Kirchenbeitrag. All unsere Ausgaben werden durch freiwillige Spenden
finanziert.</p>
</blockquote>

<h4 id="mennoniten">Mennoniten</h4>

<p><strong><a href="https://mennoniten.wien/ueberuns/faq">Mennonitische Freikirche Wien</a></strong></p>

<blockquote>
  <p>Wir finanzieren uns selbst aus den regelmäßigen Beiträgen der
Gemeindemitglieder sowie durch freiwillige Spenden von Besucher*innen. Der
finanzielle Beitrag für die Ausgaben der Kirche ist in der Ordnung der
Freikirche festgelegt, aber jede und jeder gibt wie sie und er es sich im
Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang.</p>
</blockquote>

<h3 id="neuapostolische-kirche">Neuapostolische Kirche</h3>

<p><strong><a href="https://nak.at/finanzen">Finanzen</a></strong> 
(<a href="https://web.archive.org/web/20240224064042/https://nak.at/finanzen">Archiv-Link</a>)</p>

<blockquote>
  <p>Die Neuapostolische Kirche finanziert sich ausschließlich durch die Spendenbeiträge ihrer Mitglieder.</p>
</blockquote>

<h2 id="fazit">Fazit</h2>

<p>Verpflichtende Beiträge kennen in Österreich nur einige Religionsgesellschaften.
Alle bis auf die <q>Zeugen Jehovas</q> sind für die Absetzung der
verpflichtenden Beiträge registriert. Die Anzahl der registrierten Meldestellen
ist identisch mit der Anzahl jener Stellen, die tatsächlich Beiträge für die
Steuerabsetzung gemeldet haben. Auch wenn in den Daten des Finanzministeriums
die Zuordnung fehlt, wissen wir, dass diese Gruppen in den Daten enthalten sind.
Es gibt also keinen Zweifel: Die Registrierung ist keine formale Angelegenheit,
sie wird genutzt, um – nach eigenen Aussagen – freiwillige Spenden als
Pflichtbeiträge zu melden.</p>

<p>Besonders krass ist das Missverhältnis zwischen Äußern und Tun bei den
orthodoxen Kirchen, deren Vorsitzender öffentlich darauf hinweist, dass sie die
Spenden nicht absetzen können – und es dann doch tun.</p>

<p>Der <a href="https://konfessionsfrei.at/">Zentralrat der Konfessionsfreien</a> hat deswegen
am 30. 7. 2026 eine Sachverhaltsdarstellung bei der Wirtschafts- und
Korruptionsstaatsanwaltschaft eingebracht.</p>

<p>Als zweite Schiene wurde eine ähnliche Sachverhaltsdarstellung an den
Rechnungshof geschickt. Der kann zwar nicht strafrechtlich ermitteln, aber die
rechtswidrige Verschwendung von Steuermitteln kritisieren.</p>

<h3 id="alle-teile-dieser-serie">Alle Teile dieser Serie:</h3>

<ol>
  <li>
    <p><a href="/steuer/absetzung/ifg/informationsfreiheit/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-1.html">Informationsfreiheit und Steuerrecht</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-2.html">Beantwortung der Anfrage, Zuordnung der Religionsgesellschaften</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/freikirche/buddhistisch/2026/08/16/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-3.html">Dürfen die das?</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/steuer/kosten/2026/08/17/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-4.html">Was kostet das?</a></p>
  </li>
</ol>

<p><a href="/assets/steuerabsetzung-2026-daten.zip">Daten der Anfragebeantwortung und der Analyse</a> –
<a href="https://fragdenstaat.at/anfrage/einkommenssteuer-absetzung-nach-ss-18-1/">Anfragebeantwortung bei fragdenstaat.at</a></p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Absetzung" /><category term="Religionsgesellschaft" /><category term="Freikirche" /><category term="buddhistisch" /><summary type="html"><![CDATA[Nur wenige Religionsgesellschaften in Österreich kennen verpflichtende Beiträge. Die Mehrzahl wirbt aktiv damit, sich nur aus Spenden zu finanzieren. Manchmal geben sie den Inhalt des Gesetzes falsch wieder, oder beklagen, dass sie die Spenden nicht absetzen können, was sie dann wahrscheinlich doch tun.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen 1: IFG-Anfrage und Steuerrecht</title><link href="https://athikan.at/steuer/absetzung/ifg/informationsfreiheit/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-1.html" rel="alternate" type="text/html" title="Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen 1: IFG-Anfrage und Steuerrecht" /><published>2026-08-15T00:00:00+02:00</published><updated>2026-08-15T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/steuer/absetzung/ifg/informationsfreiheit/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-1</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/steuer/absetzung/ifg/informationsfreiheit/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-1.html"><![CDATA[<p>Eine Anfrage ans Finanzministerium nach dem Informationsfreiheitsgesetz hat sehr
interessante Daten geliefert. Aus ihnen lässt sich vieles herauslesen, unter
anderem die vom Gesetz nicht vorgesehene steuerliche Absetzung von Spenden an
Religionsgesellschaften, die als <q>verpflichtender Beitrag</q> gemeldet werden.</p>

<!--more-->

<h2 id="information-in-freiheit">Information in Freiheit</h2>

<p>Als eines der letzten europäischen Länder hat Österreich im September 2025 ein
Informationsfreiheitsgesetz bekommen, das Interessierten erlaubt, nach Daten der
öffentlichen Verwaltung (Gemeinen, Bundesländer, die Republik) und staatsnahen
Betrieben und diese zu bekommen.</p>

<p>Das <a href="https://www.informationsfreiheit.at/">Forum Informationsfreiheit</a> hat
lang um dieses Gesetz gekämpft und bietet auf seiner Homepage Informationen an,
mit denen man gute Chancen hat, die gewünschten Daten zu bekommen. Das Forum
betreibt auch <a href="https://fragdenstaat.at/">fragdenstaat.at</a>, wo die eigenen
Anfragen und die Antworten darauf öffentlich zugänglich und durchsuchbar sind.</p>

<p>So ist auch die <a href="https://fragdenstaat.at/anfrage/einkommenssteuer-absetzung-nach-ss-18-1/">Anfrage nach den Steuerabsetzungen bei
fragdenstaat</a>
verfügbar. Aber alles der Reihe nach.</p>

<h2 id="absetzung-von-religionsbeiträgen-aus-der-einkommenssteuer">Absetzung von Religionsbeiträgen aus der Einkommenssteuer</h2>

<p>Das österreichische Einkommenssteuergesetz beschreibt in § 18 jene Posten
(Sonderausgaben), die man von dieser Steuer absetzen kann. Unter anderem in § 18 (1) 5:</p>

<blockquote>
  <p>Verpflichtende Beiträge an Kirchen und Religionsgesellschaften, die in
Österreich gesetzlich anerkannt sind, höchstens jedoch 600 Euro jährlich. In
Österreich gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften stehen
Körperschaften mit Sitz in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union oder des
Europäischen Wirtschaftsraumes gleich, die einer in Österreich gesetzlich
anerkannten Kirche oder Religionsgesellschaft entsprechen.</p>
</blockquote>

<p>Man darf also den katholischen oder evangelischen Kirchenbeitrag, der
Mitgliedern dieser Kirchen regelmäßig vorgeschrieben wird, nach der Bezahlung
von der zu versteuernden Summe abziehen. (Genauer gesagt, das passiert nach der
Meldung durch die Religionsgesellschaft automatisch.) Dieser Abzug wirkt sich
abhängig vom <em>Grenzsteuersatz</em> aus. Je nachdem, in welche Steuerklasse das
Einkommen der Höhe nach fällt, kann dieser Steuersatz z. B. 11 % oder auch 48 %
sein. Um so viel weniger Steuer zahlt man am Ende. Das geht natürlich auf Kosten
der Allgemeinheit: Der Staat subventioniert die Kirchenmitgliedschaft, die ja die
verpflichtenden Beiträge auslöst, solange man nicht austritt. Und der Staat, das
sind wir alle.</p>

<p>Das Wort <q>verpflichtende</q> ist unscheinbar, aber wichtig. Mehrere
Entscheidungen der Finanzgerichte haben klargestellt, dass wirklich nur
verpflichtende Beiträge absetzbar sind: Z. B.</p>
<ul>
  <li><a href="https://findok.bmf.gv.at/findok/volltext(suche:BFG-Suche)?dokumentId=fcdf4fd5-ee9d-4b14-8031-e6dcf829d589">Kein Sonderausgabenabzug für Spenden an <q>Zeugen Jehovas</q></a></li>
  <li><a href="https://findok.bmf.gv.at/findok/volltext(suche:BFG-Suche)?dokumentId=dac4f022-a2dc-4cd2-a1b6-d369b2346ac0">Kein Abzug von Spenden an islamischen Moscheeverein</a></li>
</ul>

<p>Ein häufiger Einwand ist: <q>Aber Spenden an gemeinnützige Vereine sind doch
absetzbar?</q> Die Antwort ist natürlich: Ja. Aber das ist eine andere Ziffer,
nämlich § 18 (1) 7. Die dort genannten Organisationen beinhalten keine Kirchen
und Religionsgesellschaften. Für diese ist nämlich Ziffer 5 und die Rechtsform
<q>Körperschaft öffentlichen Rechts</q> maßgeblich. (Die
gemeinnützigen/wohltätigen Unterorganisationen der Religionsgesellschaften wie
die Caritas oder die Diakonie sind übrigens genau solche Vereine, die
Spenden an sie sind absetzbar.) Es geht hier nur um die Religionsgesellschaften.</p>

<p>Das Bundesministerium für Finanzen hat 2017 ein Meldesystem eingeführt, mit dem
die steuerlich begünstigten Zahlungen an entsprechende Organisationen von diesen
gemeldet werden können. Die Liste der Organisationen ist auf der 
<a href="https://service.bmf.gv.at/service/allg/spenden/_start.asp">Spenden-Seite des Finanzministeriums</a> ersichtlich: 
Dort wählt man in der Liste <q>Typ</q> die Eintragung <q>KR-Kirchen und
Religionsgesellschaften mit verpflichtenden Beiträgen (§ 18 Abs. 1 Z 5 EStG
1988)</q> und klickt <q>Suchen</q>. Die resultierende Seite listet aktuell 39
Eintragungen und liefert Erklärungen dazu. Das Wort <q>verpflichtend</q> kommt
zweimal, immer in Verbindung mit <q>Kirchen und Religionsgesellschaften</q> vor,
so wie schon in der Bezeichnung der Kategorie (<q>Religionsgesellschaften mit
verpflichtenden Beiträgen</q>). Klarer und eindeutiger geht es nicht. Wer
glaubt, Spenden an Religionsgesellschaften unter diesem Titel absetzen oder für
die Absetzung melden zu können, interpretiert das Gesetz und die Webseite des
Finanzministeriums sehr … eigenartig. Oder hat <q>Hintergrundinformation</q>,
die öffentlich nicht zugänglich ist.</p>

<p>39 <q>Kirchen und Religionsgesellschaften</q> sind für Österreich erst einmal
viel. Ein Blick auf die Liste erklärt aber, wie es dazu kommt: Neben
Religionsgesellschaften sind häufig Teile von Religionsgesellschaften als
Meldestellen registriert. Beispiele: Römisch-katholische Diözesen; die
freichristlichen <q>Bünde</q> wie Baptisten, Evangelikale und Pfingstgemeinden;
verschiedene orthodoxe Kirchen. Eine einzige anerkannte Religionsgesellschaft
fehlt von der Liste: Die <q>Zeugen Jehovas</q>. Sie halten nicht viel von
Kooperation mit der Republik und haben sich konsequenterweise auch nicht hier
registriert.</p>

<p>Aber das sind ja nur die Registrierungen. Das heißt noch nicht, dass
verpflichtende Beiträge tatsächlich gemeldet wurden. Ob das der Fall ist,
konnte erst die Beantwortung der IFG-Anfrage zeigen.</p>

<p>Die Antwort ist: Ja. Alle 39 Meldestellen haben in mindestens einem Jahr
Beiträge ans Finanzministerium gemeldet. In weiteren Teilen dieser Serie finden
wir heraus, welche das sind, und wer dazu gar nicht das Recht gehabt hätte.</p>

<h3 id="alle-teile-dieser-serie">Alle Teile dieser Serie:</h3>

<ol>
  <li>
    <p><a href="/steuer/absetzung/ifg/informationsfreiheit/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-1.html">Informationsfreiheit und Steuerrecht</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-2.html">Beantwortung der Anfrage, Zuordnung der Religionsgesellschaften</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/freikirche/buddhistisch/2026/08/16/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-3.html">Dürfen die das?</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/steuer/kosten/2026/08/17/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-4.html">Was kostet das?</a></p>
  </li>
</ol>

<p><a href="/assets/steuerabsetzung-2026-daten.zip">Daten der Anfragebeantwortung und der Analyse</a> –
<a href="https://fragdenstaat.at/anfrage/einkommenssteuer-absetzung-nach-ss-18-1/">Anfragebeantwortung bei fragdenstaat.at</a></p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Steuer" /><category term="Absetzung" /><category term="IFG" /><category term="Informationsfreiheit" /><summary type="html"><![CDATA[Eine Anfrage ans Finanzministerium nach dem Informationsfreiheitsgesetz hat sehr interessante Daten geliefert. Aus ihnen lässt sich vieles herauslesen, unter anderem die vom Gesetz nicht vorgesehene steuerliche Absetzung von Spenden an Religionsgesellschaften, die als verpflichtender Beitrag gemeldet werden.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen 2: Beantwortung der Anfrage, Zuordnung</title><link href="https://athikan.at/absetzung/religionsgesellschaft/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-2.html" rel="alternate" type="text/html" title="Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen 2: Beantwortung der Anfrage, Zuordnung" /><published>2026-08-15T00:00:00+02:00</published><updated>2026-08-15T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/absetzung/religionsgesellschaft/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-2</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/absetzung/religionsgesellschaft/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-2.html"><![CDATA[<p>Das Finanzministerium hat die angeforderten Daten zwar geliefert, aber ohne
Zuordnung zu den Religionsgesellschaften. Es war trotzdem möglich, viele von
ihnen zu identifizieren oder zumindest Gruppen zuzuordnen.</p>

<!--more-->

<p>Die Anfrage bestand aus mehreren Teilen. Neben den jährlichen Daten pro
Religionsgesellschaft wurde auch gefragt, ob und wie das Finanzministerium
Spenden von Pflichtbeiträgen unterscheidet, und welche Summe die Steuerabsetzungen 
insgesamt ergeben.</p>

<p>Folgende Daten wurden für die Jahre 2020 bis 2024 angefragt: Jahr,
Religionsgesellschaft, Anzahl der gemeldeten Personen, Summe der gemeldeten
Beiträge, Minimum, Maximum und Median der Beiträge. (Das Steuerjahr 2025 ist
aktuell noch nicht vollständig verarbeitet, die Steuerzahler:innen haben noch
Zeit, die Steuererklärung abzugeben.)</p>

<p>Der Median ist der <em>mittlere Wert</em> einer sortierten Zahlenreihe. Er ist für
verschiedene Analysen sehr nützlich, zum Beispiel gibt es den Fall, dass der
Median und das Maximum identisch sind. Da die Zahlenreihe sortiert ist, wissen
wir daraus automatisch, dass mindestens die Hälfte der Beiträge diesen Wert
haben. Der Mittelwert lässt sich leicht aus der Beitragssumme und der Anzahl der
Zahlenden ermitteln.</p>

<h2 id="daten-der-steuerabsetzungen">Daten der Steuerabsetzungen</h2>

<p>Die Antwort des Ministeriums ließ zu wünschen übrig. Die jährlichen Daten wurden
geliefert, aber ohne Namen der Religionsgesellschaften.</p>

<p>Die Begründung dafür ist etwas schwach: Es ginge um personenbezogene
Daten. <em>Körperschaften öffentlichen Rechts</em> (die Rechtsform der anerkannten
Religionsgesellschaften) seien <q>juristische Personen</q> und hätten wie
natürliche Personen einen Anspruch auf Datenschutz.</p>

<p>Das Problem mit dieser Argumentation ist, dass die Namen der
Religionsgesellschaften (bzw. Meldestellen) bereits öffentlich sind, unter
anderem in der Liste des Finanzministeriums. Und es geht gar nicht um ihre
Daten, sondern um die (gruppierten, damit anonymen) Daten ihrer Mitglieder in
einem staatlichen System.</p>

<p>Aber gut, dann erst einmal anonyme Eintragungen in der Liste. Als erstes habe
ich Namen wie <q>Rg 01</q> bis <q>Rg 39</q> vergeben. Die Zeilen waren in den
verschiedenen Jahren in einer ähnlichen bis identischen Reihenfolge, dies ließ
sich durch die verschiedenen Kennzahlen leicht überprüfen.</p>

<p>Im Jahr 2020 gab es nur 34 Religionsgesellschaften, 35 bis 39 kamen später dazu.
Eine Registrierung ist laut Finanzamt-Liste Ende 2024 ausgelaufen, ab 2025
sollte es also nur mehr maximal 38 Eintragungen geben, wenn Daten für eine
zukünftige IFG-Anfrage geliefert werden.</p>

<p>Von anonym zu pseudonym ist schon ein Fortschritt. Damit lässt sich z. B.
bereits feststellen, wie viele Religionsgesellschaften einen Rückgang der
zahlenden Mitglieder haben und wie sich die Einnahmen aus den Beiträgen entwickeln.</p>

<h2 id="identifizierung-der-religionsgesellschaften">Identifizierung der Religionsgesellschaften</h2>

<p>Wer in Österreich die Finanzen von Religionsgesellschaften kennen möchte, kennt
die <a href="https://kirchenfinanzierung.katholisch.at/kirchenfinanzen">katholische
Statistik-Seite</a>
sowie die <a href="https://www.kirchenrecht.at/list/kirchliches_amtsblatt">Amtsblätter der evangelischen
Kirchen</a> mit den
Jahresabschlüssen.</p>

<p>Dass die römisch-katholische Kirche in Diözesen aufgeteilt meldet und die
evangelischen Kirchen A.B./H.B. (Augsburger und Helvetisches Bekenntis)
zusammen, steht in der Liste des Finanzministeriums. Es gibt also Zeilen in der
Anfragebeantwortung, die mit den jährlichen Beträgen, die von den Kirchen selbst
gemeldet werden, korrelieren. Millionenbeträge, die eindeutig sind. 
Außerdem dominiert unter den Religionsgesellschaften in Österreich immer noch
die katholische Kirche. Die Anzahl der Personen in der
Finanzministeriums-Tabelle ist in den identifizierten Zeilen ungefähr 60 bis 61 % 
der Mitgliederzahl, die von den Religionsgesellschaften gemeldet wird. Das ist für 
Pflichtbeiträge plausibel: Menschen ohne Einkommen zahlen auch keinen Beitrag,
und man kann der Übermittlung auch widersprechen und auf die Steuerabsetzung
verzichten. Aber deutlich über die Hälfte hat die Pflicht und kommt dieser auch
nach.</p>

<p>Mehr als 99 % der Zahlenden und mehr als 98 % der gemeldeten Summe waren auf
diese Weise eindeutig und ohne jeden Zweifel den beiden Religionsgesellschaften
zugeordnet. Aber das sind nur zwei von sechszehn Religionsgesellschaften in
Österreich.</p>

<h2 id="islam">Islam</h2>

<p>Die nach Mitgliedern zweitgrößte Religionsgesellschaft in Österreich ist die
Islamische Glaubensgemeinschaft IGGÖ. Sie kommuniziert keine Mitgliederzahlen,
kennt sie womöglich auch nicht, dürfte aber aus mehr als 800.000 Menschen, die
sich zum Islam bekennen, bestehen.</p>

<p>Sie kennt eine <q><a href="https://www.derislam.at/mitgliedschaft">aufrechte und vollumfängliche Mitgliedschaft</a></q>, die
an die Bezahlung des Beitrags geknüpft ist. Der Beitrag beträgt € 120/Jahr und
kann auf 60 €/Jahr reduziert werden. Gesucht war also eine Religionsgesellschaft
mit einer großen Anzahl von exakt 120 € hohen Beiträgen. Eine der
Religionsgesellschaften hatte in jedem Jahr einen Median von 120 €, allerdings
abweichende Minima und Maxima. Dies ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die IGGÖ.
Allerdings können alle Zahlungen, die von 120 € und 60 € abweichen, nach ihren
eigenen Regeln keine Pflichtbeiträge sein. Es besteht der Verdacht, dass hier
Spenden (teilweise sehr hohe) als Pflichtbeiträge gemeldet werden, die keine
Pflichtbeiträge sind.</p>

<p>Bemerkenswert ist die geringe Anzahl der Zahlenden in diesen Zeilen: Sie ist in
jedem Jahr unter 900 (also kaum mehr als ein Prozent der Mitglieder) und
schwankt stark (2023: 861, 2024: 515). Das deutet darauf hin, dass die
Zahlungsbereitschaft für die <q>vollumfängliche Mitgliedschaft</q> nicht sehr
groß ist. Wahrscheinlich zahlen die Mitglieder nur in jenen Jahren, in denen sie
zum Beispiel Bestätigungen ihrer Zugehörigkeit brauchen. Ist das wirklich ein
<q>verpflichtender Beitrag</q> im Sinne des Gesetzes? Oder doch nur eine Gebühr,
die mit der entsprechenden Deklaration teilweise von den Steuerzahler:innen
übernommen wird?</p>

<h2 id="der-zehnte">Der <q>Zehnte</q></h2>

<p>Eine Gruppe von Religionsgesellschaften mit wenigen Mitgliedern, aber auffällig
hohen Beiträgen hat sich schnell herauskristallisiert. Kleine,
<q>bibeltreue</q> christliche Gemeinschaften wie Freikirchen, Mormonen
usw. weisen regelmäßig auf den biblischen <q>Zehnten</q> hin. Wie sie und ihre
Mitglieder das genau interpretieren (Vom Bruttoeinkommen? Abzüglich
Sozialversicherungsbeitrag? Vom Netto?), wissen wir nicht. Sie machen aber sehr
deutlich, dass sie zumindest in ihrer öffentlichen Kommunikation keine
Pflichtbeiträge nennen. Sie grenzen sich auch in diesem Punkt von den größeren
Kirchen ab und erklären, dass sie von freiwilligen Spenden leben.</p>

<p>Auf der anderen Seite melden sie Median-Werte von 400 € und teilweise deutlich
mehr. Das bedeutet: Mindestens die Hälfte der Mitglieder haben mindestens 400 €
<q>Pflichtbeitrag</q> pro Jahr bezahlt. Das ist hoch, bei der römisch-katholischen
Kirche ist der höchste Median (Feldkirch 2024) 202,51 €. In anderen Diözesen und
Jahren sind aber auch Werte um 130 € üblich. Die Gruppen mit dem <q>Zehnten</q>
langen also ganz schön zu, sie wollen verglichen mit anderen 
Religionsgesellschaften, ob christlich oder nicht, den zwei- bis dreifachen
<q>verpflichtenden</q> Beitrag.</p>

<p>Dabei verfolgen sie unterschiedliche Strategien. Bis 2023 waren bis zu 400 €
Religionsbeitrag absetzbar, dies ist 2024 auf 600 € gestiegen. Während einige
auch immer höhere Beträge gemeldet haben, beschränkten sich andere auf 400 € bis
2023 und exakt 600 € fürs Jahr 2024. Sie haben sich also schon mit dem Gesetz
beschäftigt, nur den Teil mit <q>verpflichtend</q> überlesen.</p>

<h2 id="unterscheidung-von-spenden-und-pflichtbeiträgen">Unterscheidung von Spenden und Pflichtbeiträgen</h2>

<p>Die Frage nach Unterlagen über die Prüfung der Art der geleisteten Beiträge
(verpflichtend oder freiwillig) wurde negativ beantwortet: Das Bundesministerium
für Finanzen habe keine solchen Unterlagen.</p>

<p>Das Ministerium schreibt auch: <q>Gleiches gilt für Informationen darüber, welche
Religionsgemeinschaften möglicherweise verpflichtende Beiträge gemäß § 18 Abs. 1
Z 5 EStG deklarieren, obwohl sie vermeintlich um freiwillige Spenden werben.</q></p>

<p>Eine Prüfung findet also, trotz eindeutiger Gesetzeslage und Judikatur, im
Ministerium nicht statt.</p>

<h2 id="gesamtkosten-der-steuerabsetzung-von-religionsbeiträgen">Gesamtkosten der Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen</h2>

<p>Einer der wichtigsten Punkte in der Anfrage war, wie viel diese Form der
Subventionierung der Mitgliedschaft in Religionsgesellschaften die Allgemeinheit
kostet. Dies ist beantwortet worden:</p>

<ul>
  <li>Für das Jahr 2020: 164.889.389,15 Euro</li>
  <li>Für das Jahr 2021: 173.151.947,83 Euro</li>
  <li>Für das Jahr 2022: 171.385.221,90 Euro</li>
  <li>Für das Jahr 2023: 164.202.208,06 Euro</li>
  <li>Für das Jahr 2024: 161.049.168,20 Euro</li>
</ul>

<p>Aus den Daten geht hervor, dass in jedem dieser Jahre etwa ein Drittel der
Bevölkerung (anfangs knapp über 3 Mio. Menschen, 2024 nur mehr 2,9 Millionen)
die Steuerabsetzung in Anspruch nahm. Der immer größere Rest der Gesellschaft,
mittlerweile zwei Drittel, trägt mit ihren Steuern oder niedrigeren
Sozialleistungen die Kosten dafür, dass ein schrumpfendes Nicht-mehr-Drittel
billiger Mitglied einer Religionsgesellschaft sein darf. Ein bestimmter
Prozentsatz (jene ohne Pflichtbeiträge) nicht einmal auf eine gesetzliche Weise.</p>

<p>Immerhin geht der absolute Wert mit den vielen Religionsaustritten auch zurück.
Die Erhöhung der Absetzbarkeit von 400 auf 600 € im Jahr 2024 ist nur wenigen
Menschen mit sehr hohem Einkommen zugute gekommen – das sind die, die
typischerweise in so hohen Steuerklassen sind, dass sie z. B. fast die Hälfte
des Beitrags mit der Steuerabsetzung zurückbekommen. Sozial ist das nicht.</p>

<p>Die Rohdaten der Anfragebeantwortung und eine weiterbearbeitete Datei mit den
Zuordnungen der Religionsgesellschaften sind unter diesem Beitrag für eigene
Analysen zum Herunterladen verfügbar.</p>

<h3 id="alle-teile-dieser-serie">Alle Teile dieser Serie:</h3>

<ol>
  <li>
    <p><a href="/steuer/absetzung/ifg/informationsfreiheit/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-1.html">Informationsfreiheit und Steuerrecht</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/2026/08/15/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-2.html">Beantwortung der Anfrage, Zuordnung der Religionsgesellschaften</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/freikirche/buddhistisch/2026/08/16/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-3.html">Dürfen die das?</a></p>
  </li>
  <li>
    <p><a href="/absetzung/religionsgesellschaft/steuer/kosten/2026/08/17/steuerabsetzung-religionsbeitr%C3%A4ge-4.html">Was kostet das?</a></p>
  </li>
</ol>

<p><a href="/assets/steuerabsetzung-2026-daten.zip">Daten der Anfragebeantwortung und der Analyse</a> –
<a href="https://fragdenstaat.at/anfrage/einkommenssteuer-absetzung-nach-ss-18-1/">Anfragebeantwortung bei fragdenstaat.at</a></p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Absetzung" /><category term="Religionsgesellschaft" /><summary type="html"><![CDATA[Das Finanzministerium hat die angeforderten Daten zwar geliefert, aber ohne Zuordnung zu den Religionsgesellschaften. Es war trotzdem möglich, viele von ihnen zu identifizieren oder zumindest Gruppen zuzuordnen.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Gibt es eine Rückkehr des Christentums?</title><link href="https://athikan.at/statistik/christentum/erwachsenentaufe/gottesdienstbesuch/frankreich/s%C3%A4kularisierung/2026/03/30/rueckkehr-christentums.html" rel="alternate" type="text/html" title="Gibt es eine Rückkehr des Christentums?" /><published>2026-03-30T00:00:00+02:00</published><updated>2026-03-30T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/statistik/christentum/erwachsenentaufe/gottesdienstbesuch/frankreich/s%C3%A4kularisierung/2026/03/30/rueckkehr-christentums</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/statistik/christentum/erwachsenentaufe/gottesdienstbesuch/frankreich/s%C3%A4kularisierung/2026/03/30/rueckkehr-christentums.html"><![CDATA[<p>Informationen und Belege zum Vortrag <q>Gibt es eine Rückkehr des
Christentums?</q> am 30. 3. 2026 in Wien.</p>

<!--more-->

<div class="embed-container">
  <iframe src="https://www.youtube.com/embed/6a6ycTo221o" width="800" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="true">
  </iframe>
</div>

<h2 id="erwachsenentaufen">Erwachsenentaufen</h2>

<p><a href="https://eglise.catholique.fr/approfondir-sa-foi/la-celebration-de-la-foi/les-sacrements/le-bapteme/baptemes-adultes/#adultes">Katholische Erwachsenentaufen in Frankreich</a></p>

<p><a href="https://eglise.catholique.fr/guide-eglise-catholique-france/statistiques-de-leglise-catholique-france-monde/statistiques-de-leglise-catholique-france/les-sacrements-en-france/">Katholische Taufen in Frankreich insgesamt</a></p>

<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Demografie_Frankreichs">Demografische Daten für Frankreich</a></p>

<p><a href="https://religion.orf.at/stories/3232323/">Polak: Junge suchen verstärkt Halt in Religion</a></p>

<p><a href="https://www.katholisch.at/kircheinzahlen">Statistiken der katholischen Kirche Österreichs</a></p>

<p><a href="https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/bevoelkerung/geburten/demographische-merkmale-von-geborenen">Statistik Austria: Geburten</a></p>

<h2 id="gottesdienstbesuch">Gottesdienstbesuch</h2>

<p><a href="https://www.biblesociety.org.uk/the-quiet-revival/statement-from-paul-williams"><q>The Quiet Revival</q> retraction</a></p>

<p><a href="https://www.churchofengland.org/about/data-services/key-areas-research">Church of England: Statistics</a></p>

<p><a href="https://www.cbcew.org.uk/statistics/">Catholic Church in England and Wales: Statistics</a></p>

<p><a href="https://www.kingdomwrestling.org/wrestlingchurch">Kingdom Wrestling Church</a> – 
<a href="https://www.vice.com/en/article/wrestling-for-jesus-inside-englands-wildest-new-church-movement/">Wrestling for Jesus</a> – 
<a href="https://apnews.com/article/wrestling-church-shipley-england-gareth-thompson-987bdb744b34aab059349a97fa783184">England’s Wrestling Church seeks converts with baptisms and body slams</a></p>

<p><a href="https://steiermark.orf.at/stories/3292005/">Harry-Potter-Gottesdienst: Kammer des Segens</a></p>

<p><a href="https://www.dbk.de/kirche-in-zahlen/kirchliche-statistik">Kirchliche Statistik</a>
(Römisch-katholische Kirche in Deutschland), <a href="https://www.die-tagespost.de/kirche/aktuell/leichter-rueckgang-bei-austritten-hoeherer-anteil-von-gottesdienstbesuchern-art-273044">Leichter Rückgang bei Austritten,
höherer Anteil von
Gottesdienstbesuchern</a></p>

<h2 id="katholisches-wachstum-in-skandinavien">Katholisches Wachstum in Skandinavien</h2>

<p><a href="https://www.domradio.de/artikel/die-katholische-kirche-den-laendern-skandinaviens-waechst">Die katholische Kirche in den Ländern Skandinaviens wächst</a></p>

<p><a href="https://www.die-tagespost.de/kirche/aktuell/hier-waechst-die-kirche-gegen-den-trend-art-268530">Hier wächst die Kirche gegen den Trend</a></p>

<h2 id="usa">USA</h2>

<p><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Great_Awakening">Great Awakening</a></p>

<p><a href="https://www.pewresearch.org/religion/2025/02/26/decline-of-christianity-in-the-us-has-slowed-may-have-leveled-off/">Decline of Christianity in the U.S. Has Slowed, May Have Leveled
Off</a></p>

<p><a href="https://www.sbc.net/about/what-we-do/fast-facts/">Southern Baptist Convention Fast Facts</a></p>

<h2 id="katholische-statistiken">Katholische Statistiken</h2>

<p><a href="https://www.fides.org/de/stats">Agenzia Fides: Die Statistiken der katholischen Kirche
2025</a></p>

<p><a href="https://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P3T.HTM">Katechismus 1272</a></p>

<h2 id="selbstsäkularisierung">Selbstsäkularisierung</h2>

<p><a href="https://kmu.ekd.de/">6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung</a></p>

<p><a href="https://archive.skeptic.com/archive/reading_room/why-nations-are-becoming-more-secular/">Why nations are becoming more secular</a></p>

<p><a href="https://www.nature.com/articles/s41467-025-62452-z">The three stages of religious decline around the
world</a></p>

<p><a href="https://wasglaubtoe.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_wasglaubtoe/Was_glaubt_OEsterreich_Endbericht_Quantitativer_Teil.pdf"><q>Was glaubt Österreich?</q></a>-Studie</p>

<p><a href="https://statkb.at/">Konfessionsfreien- und Religionsstatistiken für Österreich</a></p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Statistik" /><category term="Christentum" /><category term="Erwachsenentaufe" /><category term="Gottesdienstbesuch" /><category term="Frankreich" /><category term="Säkularisierung" /><summary type="html"><![CDATA[Informationen und Belege zum Vortrag Gibt es eine Rückkehr des Christentums? am 30. 3. 2026 in Wien.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Schnapsideen und Riesenkreuze</title><link href="https://athikan.at/nationalismus/donaupark/kreuz/papstbesuch/presse/2026/01/20/papst-kreuz.html" rel="alternate" type="text/html" title="Schnapsideen und Riesenkreuze" /><published>2026-01-20T00:00:00+01:00</published><updated>2026-01-20T00:00:00+01:00</updated><id>https://athikan.at/nationalismus/donaupark/kreuz/papstbesuch/presse/2026/01/20/papst-kreuz</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/nationalismus/donaupark/kreuz/papstbesuch/presse/2026/01/20/papst-kreuz.html"><![CDATA[<p>Dietmar Neuwirth darf in der Rubrik <q>Glaubensfrage</q> in der Presse
(Eigentümerin: Die römisch-katholische Kirche in Österreich) unter der Überschrift
<strong><a href="https://www.diepresse.com/20481985/pinke-schnapsidee-mahnmal-zur-hexenverbrennung-beim-papstkreuz">Pinke Schnapsidee: Mahnmal zur <q>Hexenverbrennung</q> beim Papstkreuz</a></strong>
Kritik an einem Vorschlag im Bezirksparlament der Donaustadt üben.</p>

<p>Aus der Verbalinkontinenz geht nicht klar hervor, wem genau Alkoholmissbrauch zu unterstellen sei.</p>

<!--more-->

<p>Im Wiener Donaupark steht ein <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Papstkreuz_(Wien)">40 Meter hohes Kreuz</a> 
mit Gerüst und Spannseilen, das an den Besuch von <q>Johannes Paul II.</q> im Jahr
1983 erinnert, bei dem ca. 350.000 Menschen anwesend waren. 2010 sollte das Kreuz
schon wegen Sicherheitsmängeln abgerissen werden, nach einer Einigung zwischen
Stadt Wien und der Erzdiözese Wien im Jahr 2011 wurde es jedoch saniert – auf
Kosten der beiden.</p>

<p>Grundsätzlich trägt der Staat (sinngemäß Bundesland, Bundeshauptstadt)
Verantwortung für Bauten im öffentlichen Raum, insbesondere, wenn er sie
mitfinanziert oder mit gesetzlichen Privilegien (Denkmalschutz) ausgestattet hat.
Das gilt noch viel stärker, wenn es sich um ein Symbol einer Gruppe von Religionen
handelt. Dass ein Bezirksparlament sich damit beschäftigt, ist also nicht nur
<q>Idee</q>, sondern Pflicht.</p>

<p>Österreich ist ein Land ohne Staatskirche, der Staat (Bundesland, Stadt, Bezirk)
hat sich religiös neutral zu verhalten. Leider steht das – anders als in
vergleichbaren Demokratien – nicht so kompakt in einem einzelnen Gesetz, aber als
übergreifendes Prinzip gilt es unüberschaubar und wird selbst von konservativen
Politiker:innen vertreten, wenn es ihnen gerade in die Argumentation passt.</p>

<p>In einer Hauptstadt, deren Bevölkerung zur Hälfte konfessionsfrei ist und nur mehr
ca.  ein Drittel einem Sammelsurium christlicher Kirchen angehört, kann man ein 40
Meter hohes Kreuz im öffentlichen Raum, das aus Steuergeldern saniert und gewartet
wird, unnötig, problematisch und anstößig finden. Für die Anbringung von
Folterdeko gab und gibt es in Österreich wahrlich genug Möglichkeiten, die in den
letzten Jahrhunderten auch reichlich zur Markierung des öffentlichen Raums genutzt
wurden. Man könnte also die Sinnfrage insgesamt stellen. Ist ein mehr als zehn
Stockwerke hohes Altmetall-Gebilde doch auch ein Zeichen für christliche Dominanz,
die wir hinter uns lassen sollten? Könnte man den Ort auch ganz anders gestalten,
ohne an einen Ponzifex zu erinnern?</p>

<p>Natürlich gibt es Menschen, die sich diese Fragen nicht stellen. Einmal Kreuz,
immer Kreuz. Am besten von allen gemeinsam bezahlt. Ob die im Beitrag mehrfach
genannte psychoaktive Substanz bei dieser Ansicht eine Rolle spielt, kann nicht
abschließend geklärt werden. Eigentlich ist Platz in Printmedien begrenzt,
diese Nennungshäufigkeit scheint also schon eine Relevanz zu haben.
Andererseits kann man damit auch die Spalte vollschreiben, wenn man nicht genug
zu sagen hat.</p>

<p>Eine andere, häufigere Begründung für solche Ansichten nennen wir <q>religiösen
Nationalismus</q>, hier in der christlichen Ausfertigung. Journalist:innen sind
häufig recht gut darin, solche Strukturen <em>in anderen Ländern</em> zu erkennen. Im
eigenen Land merkt man den Balken in den eigenen Augen jedoch eher selten.
Religiöse Scheuklappen sind mächtig.</p>

<p>Was will christlicher Nationalismus unter der falschen Vorstellung, Österreich sei
ein <q>christliches Land</q>? Zum Beispiel: Öffentlicher Raum soll nicht neutral
sein, der Staat soll sich ruhig mit einer – der richtigen – Religion
identifizieren und ihre Ausübung, ihre Symbole auch finanziell fördern. Kritik
daran kann einfach in die Nähe von Drogenmissbrauch gerückt werden.</p>

<p>Das Kreuz, ursprünglich als Installation nur für die Dauer des Papstbesuchs
gedacht und entsprechend <q>langlebig</q> gebaut, ist stehen geblieben und wurde
baulich sowie juristisch mit dem Denkmalschutz einzementiert. Die aktuelle 
Gestaltungsfreiheit der Politik erstreckt sich daher auf die Kontextualisierung
der aus vielen Gründen problematischen Installation. Und genau das ist der
Vorschlag.</p>

<p>Über die vorgeschlagenen Gedenktafeln kann man sicherlich diskutieren. Das ist
genau die Aufgabe der Politik. Herrn Neuwirth stört eine Gedenktafel für die
letzte Frau, die in Mitteleuropa Opfer des christlichen Terrors gegen (meistens)
Frauen geworden ist, und möchte suggerieren, dass das nichts mit dem Papstbesuch
zu tun hätte, weil das in einem protestantischen Gebiet geschehen sei. Aber die
Beziehung zum Papst stellt dann doch er selbst her, während die Neos-Politikerin
das Kreuz insgesamt kontextualisieren will.</p>

<p>Es gäbe noch ein paar Ideen für Gedenktafeln. So wie seine mittlerweile drei
Nachfolger hat auch <q>Johannes Paul II.</q> mit konkretem Wissen über die Taten 
Missbrauchspriester über Regionen verschoben. Mindestens einen <a href="https://religion.orf.at/tv/stories/3219412/">nach
Österreich</a>. Er hat eine Mitschuld
daran, dass die römisch-katholische Kirche noch für Generationen im öffentlichen
Bewusstsein mit <a href="https://statkb.at/superset/dashboard/kath-kindesmissbrauch/?standalone=1">Kindervergewaltigung</a>
verbunden sein wird. Da wäre eine Tafel durchaus angemessen.</p>

<p>Beliebt sind auch Hinweise auf die Finanzierung von öffentlichen Bauwerken. Die
<a href="https://statkb.at/superset/dashboard/staatszahlungen/?standalone=1">4,7 Milliarden €</a>
nach heutigem Wert, die die Republik seit 1960 an Religionsgesellschaften
ausgezahlt hat, ein Vielfaches davon für weitere religiöse Zwecke und die
Subventionierung der Mitgliedschaft in einzelnen, aber nicht allen
Religionsgesellschaften, das wäre im Sinn von Transparenz und Kontrolle über die
Mittel von uns allen auch sehr attraktiv.</p>

<p>Der Begriff <q>Schnapsidee</q> ist wahrscheinlich nicht aus der Zeit gefallen. Aus
der Zeit gefallen sind 40 Meter hohe schrottige Dominanz-Dekoartikel im
öffentlichen Raum und die unkritische, herabwürdigende, aus dem vorletzten Jahrhundert
hervorgekramte, aber vor allem dümmlich-inkompetente <q>Verteidigung</q> selbiger.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Nationalismus" /><category term="Donaupark" /><category term="Kreuz" /><category term="Papstbesuch" /><category term="Presse" /><summary type="html"><![CDATA[Dietmar Neuwirth darf in der Rubrik Glaubensfrage in der Presse (Eigentümerin: Die römisch-katholische Kirche in Österreich) unter der Überschrift Pinke Schnapsidee: Mahnmal zur Hexenverbrennung beim Papstkreuz Kritik an einem Vorschlag im Bezirksparlament der Donaustadt üben. Aus der Verbalinkontinenz geht nicht klar hervor, wem genau Alkoholmissbrauch zu unterstellen sei.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Die Nonnen und die Sekte</title><link href="https://athikan.at/nonnen/goldenstein/augustiner/sekte/katholisch/2025/09/28/nonnen-sekte.html" rel="alternate" type="text/html" title="Die Nonnen und die Sekte" /><published>2025-09-28T00:00:00+02:00</published><updated>2025-09-28T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/nonnen/goldenstein/augustiner/sekte/katholisch/2025/09/28/nonnen-sekte</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/nonnen/goldenstein/augustiner/sekte/katholisch/2025/09/28/nonnen-sekte.html"><![CDATA[<p>Drei Nonnen beschäftigen seit einigen Wochen die Öffentlichkeit, auch über die
Grenzen Österreichs hinaus. Sie sagen, dass sie gegen ihren Willen in ein
Altersheim gebracht wurden. Nach zwei Jahren sind sie ihr altes Kloster wieder
zurückgekehrt und leben jetzt dort. Ihr übergeordneter katholischer Orden und
andere Organe der Kirche behaupten, die Nonnen seien widerrechtlich am Gelände
und drohen mit Konsequenzen. Wie üblich können wir von außen nicht sagen, wer
Recht hat; im Fall der katholischen Kirche ist die Grundannahme, dass alle
zumindest teilweise falsch liegen, gut belegt. Mit ihren Äußerungen
demonstrieren beide Seiten, dass sie in einer eigenen Vorstellungswelt leben,
die nicht viel mit der Realität zu tun hat. Darum, wer Recht hat, soll es hier
aber nicht gehen.</p>

<p>Interessanter ist die Frage, ob dieses ganze Ordenswesen der katholischen Kirche
nicht vielleicht so etwas wie eine <q>Sekte</q>, eine für die Betroffenen und
die Gesellschaft schädliche religiöse Organisationsform ist. Wenn ja, sollte
eine Demokratie dagegen vorgehen.</p>

<!--more-->

<h2 id="was-ist-eigentlich-eine-sekte">Was ist eigentlich eine Sekte?</h2>

<p>Die <q>Bundesstelle für Sektenfragen</q> 
<a href="https://bundesstelle-sektenfragen.at/profil/begriff-sekte/">vermeidet, eine Definition zu geben</a>
und verwendet nach eigenen Angaben den Begriff (für den er vom Staat
eingerichtet wurde) nicht. Wikipedia
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sekte">erklärt</a>, dass <q>Sekte</q> ursprünglich
eine Abspaltung von einer Religionsgesellschaft bedeutet hat, heute aber aus
einem neutralen zu einem abwertenden Begriff geworden ist. Im deutschen
Sprachraum sage man heute lieber <q>religiöse Sondergemeinschaft</q> oder
<q>neu(e )religiöse Bewegung</q>.</p>

<p>Der Ausdruck <q>neureligiös</q>, den z. B. der
<a href="https://secta.fm/">Secta-Podcast</a> verwendet, lenkt berechtigte Kritik von <em>alten</em>
religiösen Organisationen geschickt ab. Wir brauchen also etwas Präziseres.</p>

<p>Der englische Begriff <a href="Cult">https://en.wikipedia.org/wiki/Cult</a> hat ähnlich wie
<q>Sekte</q> keine genaue Definition und auch dort den abwertenden Beigeschmack.</p>

<p>Nützlicher sind Ausdrücke wie <q>high control religion</q> oder <em>Hochkontrollgruppe</em>.</p>

<p>Namen und Definitionen sind eine Sache. Interessanter ist, welche Merkmale
dieser Gruppen kritisiert werden.</p>

<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sekte">Wikipedia</a> nennt unter anderem:</p>

<ul>
  <li>Einschränkungen der Meinungsfreiheit von Gruppenmitgliedern</li>
  <li>Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Gruppenmitgliedern</li>
  <li>wirtschaftliche Ausbeutung der Mitglieder durch lange Arbeitszeiten und minimales Gehalt</li>
  <li>sexuelle Ausbeutung oder Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Gruppenmitglieder</li>
  <li>Menschenrechtsverletzungen durch gruppeninterne, gerichtsähnliche Verfahren</li>
  <li>Personenkulte um die Anführer</li>
  <li>Familienkonflikte, insbesondere wenn ein Elternteil oder Kinder die Gruppe verlassen haben oder wollen</li>
  <li>das Behindern von Kindern beim Zugang zu Ausbildung, ärztlicher Versorgung und Familienangehörigen außerhalb der Gruppe</li>
</ul>

<p>Die Sektenberatungsstelle InfoSekta in der Schweiz kennt 
<a href="https://www.infosekta.ch/was-ist-eine-sekte/sektenmerkmale/">weitere Merkmale</a>:</p>

<ul>
  <li>Gruppe mit straff hierarchischer und doktrinärer Struktur</li>
  <li>Führergestalt mit prophetischen oder guruhafter Ansprüchen</li>
  <li>Isolation und starke Abgrenzung der Gruppe nach aussen</li>
  <li>Einteilung der Welt in Gut und Böse, Schwarz-Weiss-Denken</li>
  <li>Absolutheitsanspruch</li>
  <li>Erlösungs- oder Heilsversprechen</li>
  <li>Endzeiterwartung: Gruppe erwartet Endzeit, Weltuntergang</li>
  <li>Keine offene Informationspolitik, irreführende Propaganda</li>
  <li>Selektion von Information bis hin zu bewusster Desinformation innerhalb der Gruppe</li>
  <li>Umgang mit Kritik: Kritikverbot innerhalb der Gruppe; Bekämpfung von KritikerInnen ausserhalb</li>
  <li>Kontrolle und Überwachung aller Lebensbereiche</li>
  <li>Getarnte oder irreführende Anwerbung, Indoktrination, Einsatz von bewusstseinsverändernden Methoden</li>
  <li>Gedanken- und Gefühlskontrolle: durch Erzeugung eines schlechten Gewissens und von Angst wird das Mitglied manipuliert</li>
</ul>

<p>Diese Dinge werden natürlich nicht nur zur Definition von Wörtern, die man dann
nicht verwenden will, herangezogen. Vielmehr dienen solche Sammlungen dazu,
Gruppen unabhängig von der Bezeichnung als schädlich für die Mitglieder und/oder
die Gesellschaft einzuordnen. Wegen der sehr weiten Anwendung der
Religionsfreiheit führt dies selten dazu, dass die Gesellschaft eingreift. Wenn,
dann häufig viel zu spät. Diese Lücke in unserem stark von religiösen
Traditionen geprägten Rechtssystem führt dazu, dass Menschen in den genannten
Strukturen Schaden erleiden. Auch wenn wir noch nicht die Gruppen auflösen können,
wenn sie mehrere dieser Merkmale erfüllen, können wir vor ihnen warnen und jenen,
die in ihnen sind, bewusst machen, dass ihre Grundrechte verletzt werden.</p>

<p>Perspektivisch sollte die Gesellschaft natürlich spätestens dann, wenn
Grundrechte erwiesenermaßen verletzt sind, eingreifen. Die Religionsfreiheit ist
nicht absolut, sondern durch staatliche Gesetze begrenzt. In denen manchmal
religiöse Ausnahmen existieren, wie z. B. bei der männlichen
Genitalverstümmelung. Aber bestimmte Grundrechte sind unverhandelbar und auch
nicht auf diese Weise eingeschränkt. Wenn <q>wir haben es immer so gemacht</q>
das beste Argument fürs Fortbestehen von Ausnahmen oder das Ignorieren von
Grundrechten ist, sollte die Demokratie irgendwann aufwachen und gleiches Recht
für alle schaffen.</p>

<h2 id="die-funktionsweise-katholischer-orden">Die Funktionsweise katholischer Orden</h2>

<p>In der Diskussion um die Nonnen sind verschiedene Begriffe genannt worden, die
auf Strukturen hinweisen, bei denen eine Beschäftigung mit den Sektenmerkmalen
lohnend erscheint.</p>

<p><q>Grundsätzlich</q> treten junge (oder ältere) Frauen und Männer
<q>freiwillig</q> in einen katholischen Orden ein. Diese Freiwilligkeit war
historisch jedoch nicht immer gegeben. Ob aus Armutsgründen, oder weil die
Familie das so vorgegeben hat, viele Menschen traten den Orden nach Druck von
außen bei. Auch die religiösen Drohungen, Menschen seien grundsätzlich sündig
und nur durch bestimmte Handlungen zur Erlösung berechtigt, werden bei vielen
Menschen gewirkt haben. Schließlich wird der Orden als eine Gemeinschaft mit
gesicherter Existenz und einer sinnvollen Tätigkeit beworben, was in unsicheren
Zeiten (Krieg, Krisen) sehr attraktiv erscheinen kann.</p>

<p>Diese Freiwilligkeit ist also auch heute eher nur nominell, sie kann mit dem
Mangel an Alternativen oder religiösen Einflüssen, die scheinbar keine
Alternative bieten, erklärt werden.</p>

<p>Die drei Nonnen in Goldenstein sind in den 1940-er und 1950-er-Jahren religiös
sozialisiert worden. Das war eine Zeit des finstersten Katholizismus, mit
Höllendrohungen, Zwängen, strenger Erziehung und Indoktrination. Das war der
Hintergrund ihrer vermutlich freiwilligen, aber wahrscheinlich nicht
<em>informierten</em> Einwilligung, dem Orden beizutreten.</p>

<p>Ab da ist der Weg vorgegeben. In ihrem Orden wird ein <q>Armutsgelübde</q>
abgelegt. Das bedeutet nicht, dass sie in Armut leben müssen: Sie lebten ja in
einem Schloss mit viel Platz, gesicherter Lebensgrundlage und viel Zeit für
Dinge, die nicht dem Geldverdienen dienen. Dies sind nicht die Merkmale von
Armut <a href="https://www.armutskonferenz.at/armut-in-oesterreich/was-heisst-hier-arm.html">laut österreichischer
Armutskonferenz</a>.</p>

<p>Vielmehr heißt dieses Armutsgelübde, dass ihre finanziellen Mittel ab dem
Zeitpunkt des Gelübdes dem Orden gehören. Dies gilt für aktuelle und zukünftige
Einkünfte und Einnahmen. Die Mitglieder haben also keinen Privatbesitz, und das
erstreckt sich z. B. auch auf Erbschaften von Nichtmitgliedern, die auf die
Mitglieder entfallen. Die Kirche profitiert einseitig.</p>

<p>Ein weiteres Gelübde ist jenes mit <q>Gehorsam</q>. Gehorsam bedeutet in diesem
Kontext, der katholischen Hierarchie stets zu gehorchen. Dies war lange Zeit
kein Problem für die Nonnen, weil eine von ihnen die Oberin des Ordens war. Als
der Orden jedoch unter 6 Personen zusammenschrumpfte, musste er mit einem
anderen zusammengelegt werden. Dies ergab eine neue Hierarchie. Das
Gehorsams-Gelübde wird also so geleistet, dass man nicht weiß, wer in Zukunft
die Befehle gibt und welche das sein werden. In der Welt außerhalb der Kirche
würde niemand einen Vertrag unterschreiben, in dem man sich für immer
verpflichtet, Befehle von nicht genau eingegrenzten Personen und Hierarchien
auszuführen. Dies grenzt an Sklaverei.</p>

<p>Es wird vielfach behauptet, dass die Nonnen <q>einfach aus dem Orden
ausscheiden</q> könnten, wenn es ihnen nicht gefällt. In diesem Fall würde sie
das zu illegalen Hausbesetzerinnen machen, weil das Gebäude, in dem sie leben, 
dem Orden gehört. Die Vereinbarung mit dem aufnehmenden Orden besagt ihrer
Meinung nach, dass sie ein lebenslanges Wohnrecht dort haben. Was die gewieften
Juristen der katholischen Kirche natürlich mit einem Passus abgesichert haben,
der ihrem Oberen das Recht gibt, selbst darüber zu entscheiden, ob das noch
möglich ist.</p>

<p>Die verschiedenen Gelübde können zeitlich eingeschränkt gelten, werden aber bei
der <q>ewigen Profess</q> (Ablegung des Ordensgelübdes) auf Lebenszeit abgelegt.
Diese Profess ist also eine einseitige Erklärung, in der die ablegende Person ihre
Arbeitskraft, ihre Niederlassungsfreiheit, sämtliche zukünftigen Einkünfte und
viele anderen Rechte an den Orden abgibt. Diese hochproblematische Praxis wird
damit gerechtfertigt, dass ja zuerst nur zeitlich begrenzte Gelübde in einer Art
Probezeit abgelegt werden und das Upgrade zur <q>ewigen Profess</q> komplett
freiwillig erfolgt. Stockhom-Syndrom zuerst auf Zeit, dann <q>freiwillig</q> für
immer.</p>

<p>Wir kennen den Begriff des <em>sittenwidrigen Vertrags</em>, der vorliegt, wenn eine
Übereinkunft einseitige Nachteile vorsieht, in einem großen Machtgefälle
stattfindet oder zu einem solchen führt und nicht auflösbar ist. Genau diese
Punkte treffen auf solche ewigen Gelübde zu - sie sind aber rechtlich keine
Verträge, sondern einseitige Willenserklärungen der Person.</p>

<p>Selbst das Verlassen des Ordens (was eben hier praktisch keine Verbesserung
wäre) ist einseitig benachteiligend geregelt. Die Ordensmitglieder müssen einen
Antrag stellen, der schwerwiegende Gründe für die Entscheidung enthalten muss.
Darüber entscheiden Diözese oder der Vatikan. Sie können die Entscheidung
beliebig hinauszögern oder einfach die Austrittsfreigabe verweigern.</p>

<p>Der Orden hingegen kann einseitig erklären, jemanden aus dem Orden
zu entlassen. Diese Personen bekommen dann keine Altersversorgung, haben
wegen des Armutsgelübdes keine Mittel für ihren Lebensunterhalt und verlieren
ihr gesamtes soziales Umfeld. Dies kann der Orden z. B. bei wiederholten
Verstößen gegen das Gelübde oder bei Ungehorsam aussprechen, und die katholische
Hierarchie weiß ganz genau, dass sie dieses Mittel hat. Sie hat den Nonnen auch
schon mit Konsequenzen gedroht. Genau dieses Vorgehen ist vom Kirchenrecht bei
beharrlichem Ungehorsam eindeutig vorgeschrieben, aber die mediale
Aufmerksamkeit stellt vorerst sicher, dass man lieber gegen die eigenen Regeln
verstößt, als das Image der Organisation weiter zu beschädigen.</p>

<p>Wir sehen also: Das Verhältnis zwischen Mensch und Organisation ist hochgradig
problematisch gestaltet. Solche einseitigen Verpflichtungen kann in der
Demokratie niemand mehr eingehen, außer im Bereich der Religion. Und auch da
wären wir schnell hellhörig, wenn eine <q>neureligiöse</q> oder kleine Gruppe
ein solches System einführt.</p>

<p>Kein Arbeitsvertrag wird auf ewig ohne Kündigungsmöglichkeit abgeschlossen. Im
Normalfall zahlt man über die Sozialversicherung ins Altersversorgungssystem ein
und hat damit im Fall der Arbeitsunfähigkeit eine Absicherung. Das Überschreiben
zukünftiger Einkünfte jedweder Art an einen bestimmten Empfänger ist massiv
benachteiligend und sittenwidrig. Diese für uns in der Demokratie
selbstverständlichen Aussagen gelten nicht für Ordensangehörige.</p>

<h2 id="ausgewählte-sektenmerkmale-in-zusammenhang-mit-katholischen-orden">Ausgewählte Sektenmerkmale in Zusammenhang mit katholischen Orden</h2>

<p>Schauen wir uns also an, ob die Merkmale von unerwünschten
Hochkontrollgemeinschaften auf das Verhältnis zwischen Orden und
Ordensangehörigen zutreffen. Wenn ja, kann man den Begriff der Sekte bewusst
abwertend verwenden, um Menschen vor solchen Gruppen zu warnen. Ein staatliches
Vorgehen ist natürlich nicht zu erwarten: Die Bundesstelle für Sektenfragen darf
ausdrücklich nichts tun, wenn es um anerkannte Religionsgesellschaften geht.</p>

<h3 id="gruppe-mit-straff-hierarchischer-und-doktrinärer-struktur">Gruppe mit straff hierarchischer und doktrinärer Struktur</h3>

<p>Im Orden passiert, was die/der Obere sagt. Dies ist nicht vertraglich
oder organisatorisch, sondern mit dem Gehorsamsgelübde abgesichert. Ungehorsam
kann zu Sanktionen bis hin zur Vernichtung der Existenz durch die Entlassung aus
dem Orden führen. Die Hierarchie ist doktrinär (in Kirchenlehren und -gesetzen)
vorgegeben.</p>

<h3 id="führergestalt-mit-prophetischen-oder-guruhafter-ansprüchen">Führergestalt mit prophetischen oder guruhafter Ansprüchen</h3>

<h3 id="personenkulte-um-die-anführer">Personenkulte um die Anführer</h3>

<p>In der römisch-katholischen Kirche gibt es Priester. Durch sie (in der
offiziellen Hierarchie ausschließlich Männer) spricht angeblich der allmächtige
Gott des Universums. Einer von ihnen hat besondere Zauberkraft, er ist nämlich
in Glaubensdingen unfehlbar.</p>

<h3 id="isolation-und-starke-abgrenzung-der-gruppe-nach-aussen">Isolation und starke Abgrenzung der Gruppe nach aussen</h3>

<p>Die Orden verlangen von den Mitgliedern, dass sie an einem bestimmten Ort
wohnen, arbeiten, und auch das, was anderswo als Privatleben gälte, der Gruppe
widmen. Dies gilt sogar im Ruhestand.</p>

<p>Die VertreterInnen der Kirchen haben mehrfach versucht, den Nonnen ein
Redeverbot zu verpassen, indem sie die Tatsache, dass sie unerlaubt mit Medien
sprechen, als Gehorsamsverweigerung bezeichneten. Der Ordensobere weist auch
regelmäßig darauf hin, dass die Nonnen einen magischen Ort im Kloster haben, der
für Außenstehende nicht zugänglich ist sein dürfte, aber von
MedienvertreterInnen betreten wird.</p>

<h3 id="absolutheitsanspruch">Absolutheitsanspruch</h3>

<p>Die katholische Kirche (so wie jede andere christliche Abspaltung von
Abspaltungen) vertritt mit der Lehre <q><a href="https://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P2E.HTM">Außerhalb der Kirche kein
Heil</a></q> (Punkt 846)
einen Absolutsheitsanspruch.</p>

<h3 id="erlösungs--oder-heilsversprechen">Erlösungs- oder Heilsversprechen</h3>

<p>Die Notwendigkeit der Kirche fürs <q>Heil</q> wird im gleichen Punkt 846 des
Kathechismus als Fakt behauptet: <q>alles Heil durch die Kirche, die sein Leib ist, von
Christus dem Haupt herkommt</q></p>

<h3 id="endzeiterwartung-gruppe-erwartet-endzeit-weltuntergang">Endzeiterwartung: Gruppe erwartet Endzeit, Weltuntergang</h3>

<p>Der Katechismus als offizielle Lehre der römisch-katholischen Kirche ist voll
mit Endzeiterwartungen, hier z. B. <a href="https://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P2V.HTM">das letzte
Gericht</a>, direkt nach dem
Kapitel über die Hölle.</p>

<p>Dies mag den durchschnittlichen Gläubigen nicht mehr so eindringlich und real
erscheinen – die professionellen Leichtgläubigen, die an dieser
Auseinandersetzung beteiligt sind, kennen zumindest den Inhalt und glauben
höchstwahrscheinlich daran.</p>

<h3 id="keine-offene-informationspolitik-irreführende-propaganda">Keine offene Informationspolitik, irreführende Propaganda</h3>

<h3 id="selektion-von-information-bis-hin-zu-bewusster-desinformation-innerhalb-der-gruppe">Selektion von Information bis hin zu bewusster Desinformation innerhalb der Gruppe</h3>

<p>Im Beispiel der Auseinandersetzung über die Nonnen von Goldenstein z. B. die
Weigerung der anderen Seite, Belege für die eigene Position vorzulegen; generell
widersprüchliche Aussagen. Ein Vertrag, der – den Nonnen zufolge – ihnen das
lebenslange Recht, im Kloster zu wohnen, gibt, aber in versteckten, schwer
verständlichen Klauseln eben dies negiert.</p>

<h3 id="umgang-mit-kritik-kritikverbot-innerhalb-der-gruppe-bekämpfung-von-kritikerinnen-ausserhalb">Umgang mit Kritik: Kritikverbot innerhalb der Gruppe; Bekämpfung von KritikerInnen ausserhalb</h3>

<p>Die Nonnen wurden mehrmals darauf hingewiesen, dass ihre Befehlsverweigerung und
ihre Kommunikation Sanktionen nach sich ziehen werden. Kritische
Berichterstattung in den Medien wird auch angegriffen. Anfangs wurde dem
<a href="https://dunkelkammer.simplecast.com/">Dunkelkammer-Podcast</a>, der die Affäre ins
Rollen gebracht hat, mit gerichtlichem Vorgehen gedroht.</p>

<h3 id="kontrolle-und-überwachung-aller-lebensbereiche">Kontrolle und Überwachung aller Lebensbereiche</h3>

<p>Genau diesem Zweck dienen die verschiedenen Gelübde; die Verpflichtung, im
Kloster zu bleiben; die Redeverbote und schließlich die Umstände, wie die Nonnen
nach Krankenhausaufenthalten oder Reisen in einer koordinierten Geheimaktion
teilweise nur mit Nachthemd bekleidet ins Altersheim gebracht wurden.</p>

<p>Da die Gelübde <q>ewig</q> gelten und die Ausstiegsmöglichkeiten einseitig
beschränkt sind, erstreckt sich die Kontrolle unangemessen lang und stark, und
auch auf Dinge, die beim Leisten des Gelübdes noch nicht bekannt waren.</p>

<h3 id="getarnte-oder-irreführende-anwerbung-indoktrination">Getarnte oder irreführende Anwerbung, Indoktrination</h3>

<p>Die Nonnen sind als Kinder in einem extremen Katholizismus indoktriniert worden.
Vieles davon wird heute (z. B. nach dem zweiten vatikanischen Konzil und nach weiteren
<q>Entwicklungen</q>) selbst in der katholischen Kirche anders gesehen.</p>

<p>Die irreführende Anwerbung führt dazu, dass Menschen sich verpflichten, ihr
Leben lang unkritisch der Organisation zu dienen, egal, wohin sich diese
<q>entwickelt</q>, egal, was sie mit ihnen macht.</p>

<h3 id="gedanken--und-gefühlskontrolle-durch-erzeugung-eines-schlechten-gewissens-und-von-angst-wird-das-mitglied-manipuliert">Gedanken- und Gefühlskontrolle: durch Erzeugung eines schlechten Gewissens und von Angst wird das Mitglied manipuliert</h3>

<p>Die <a href="https://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P2U.HTM">Hölle ist weiterhin Teil</a>
der katholischen Lehre. Den Nonnen wurde bereits mit der Exkommunikation
gedroht. Dies führt in der katholischen Vorstellungswelt direkt dazu, dass man
nicht mehr als Teil der Kirche angesehen wird und das Heilsversprechen verliert.
Die Angst vor ewiger Folter ist in diesem Glaubenssystem eine notwendige
Konsequenz, das schlechte Gewissen eine im echten Leben beabsichtigte Folge.</p>

<p>Aber auch die Angst, vor dem Nichts zu stehen, ist im besprochenen Fall real.
Die Ersparnisse des ehemaligen Ordens der Nonnen sind an den größeren Orden
übergeben worden, das beinhaltet z. B. die Erbschaft und die Einkommen der
Frauen aus ihrer Arbeit als Lehrerinnen. Laut Medienberichten mehr als 400.000
Euro. Daraus ließe sich ein selbstbestimmter Lebensabend gestalten, wenn die
Nonnen nicht in diesem System gefangen wären. Die Alternative, das Ausscheiden
aus dem Orden, lässt sie ins Nichts fallen: Keine Wohnstätte, keine finanziellen
Mittel, nur die dürftige soziale Absicherung des Staates.</p>

<h3 id="einschränkungen-der-meinungsfreiheit-von-gruppenmitgliedern">Einschränkungen der Meinungsfreiheit von Gruppenmitgliedern</h3>

<p>Die Mitgliedschaft in einem katholischen Orden ist an den Glauben an die Lehre
der katholischen Kirche geknüpft. Dieser Glaube enthält etliche Denkverbote und
vorgeschriebene Glaubensinhalte.</p>

<h3 id="einschränkungen-der-bewegungsfreiheit-von-gruppenmitgliedern">Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Gruppenmitgliedern</h3>

<p>Die Ordensmitglieder können je nach Ordensregeln an den Standort gebunden sein.
Sie haben magische Bereiche, in die sie theoretisch keine Fremden reinlassen
dürfen.</p>

<h3 id="wirtschaftliche-ausbeutung-der-mitglieder-durch-lange-arbeitszeiten-und-minimales-gehalt">Wirtschaftliche Ausbeutung der Mitglieder durch lange Arbeitszeiten und minimales Gehalt</h3>

<p>Mit dem <q>Armutsgelübde</q> treten die Ordensmitglieder ihr gesamtes Einkommen
an den Orden ab. Nicht jede problematische Hochkontrollgruppe würde etwa eine
Erbschaft eines Mitglieds automatisch an sich reißen – der katholische Orden
tut es.</p>

<p>Da im Orden keine Trennung zwischen Arbeitszeit und Privatleben besteht, sind
die Mitglieder de facto die ganze Zeit für den Orden (=Arbeitgeber) tätig.</p>

<p>Es werden regelmäßig Fälle von
<a href="https://www.arbeitsinspektion.gv.at/Uebergreifendes/Arbeitsschutz_-_Allgemeines/Menschenhandel_und_Arbeitsausbeutung.html">Arbeitsausbeutung</a>
bekannt: Menschen werden mit falschen Versprechen nach Österreich gelockt (also
<q>freiwillig</q>), ihnen werden die Dokumente abgenommen und erklärt, dass sie
jetzt etwas anderes machen müssen, und zwar vorerst ohne Bezahlung, um die
Kosten ihrer Anreise zu finanzieren. Unterkunft (die sie nicht verlassen dürfen)
und Essen bekommen sie, aber ihre Arbeitkraft wird ausgebeutet. Wenn sie
flüchten, sind sie in einer prekären Situation mit nichts in der Hand. In
solchen Fällen werden die Verursacher, die von der Ausbeutung profitieren,
gerichtlich verfolgt. Diese Arbeitsausbeutung wird zu Recht als eine Form der 
modernen Sklaverei verfolgt.</p>

<p>Die Nonnen haben, als sie gegen ihren Willen ins Pflegeheim verschleppt wurden,
den Zugang zu ihren persönlichen Dokumenten verloren, da gleich die Schlösser
des Klosters ausgetauscht wurden. Sie mussten vorher an einem festgelegten Ort
wohnen und bis ins hohe Alter zumindest teilweise fremdbestimmt arbeiten. Der
Lohn wurde ihnen abgenommen (dem Orden zugewiesen), sie erhielten nur Kost
(selbst zubereitet, teilweise selbst angebaut) und Logie.</p>

<p>Es ist Aufgabe der Gerichte, darüber zu entscheiden, ob diese Strukturen etwas
miteinander zu tun haben.</p>

<h3 id="sexuelle-ausbeutung-oder-fälle-von-sexuellem-missbrauch-von-kindern-und-jugendlichen-durch-gruppenmitglieder">Sexuelle Ausbeutung oder Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Gruppenmitglieder</h3>

<p>Die katholische Kirche ist weltweit für Kindervergewaltigung berüchtigt und hat
diese dort, wo es ging, so lang wie es ging vertuscht.</p>

<p>Ein weiterer Bereich, der erst später bekannt wurde, ist <a href="https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/neue-missbrauchsstudie-nonnen-sind-sowohl-opfer-als-auch-taeterinnen">sexuelle Gewalt gegen
Ordensfrauen</a>.
Es ist klar, dass die Strukturen im Orden jede Form von Zwang und Gewalt
begünstigen und die Aufklärung sowie die Vermeidung zukünftiger Taten erschweren
bis verunmöglichen.</p>

<h3 id="menschenrechtsverletzungen-durch-gruppeninterne-gerichtsähnliche-verfahren">Menschenrechtsverletzungen durch gruppeninterne, gerichtsähnliche Verfahren</h3>

<p>Nicht alle Religionsgemeinschaften maßen sich an, ein eigenes <q>Recht</q> zu
besitzen. Der Mammut im Raum ist hier die katholische Kirche. Ihr
<q>gruppeninternes</q> Rechtssystem wird an staatlich finanzierten Universitäten
gelehrt, die Verfahren intern geführt. Die Verfahren sind schon allein durchs
Machtgefälle und die besonders unausgewogenen Rechte und Pflichten zwischen
Mitglied und Gemeinschaft unfair und verletzen grundlegende Rechte auf ein
faires Verfahren.</p>

<h3 id="familienkonflikte-insbesondere-wenn-ein-elternteil-oder-kinder-die-gruppe-verlassen-haben-oder-wollen">Familienkonflikte, insbesondere wenn ein Elternteil oder Kinder die Gruppe verlassen haben oder wollen</h3>

<p>Durchs Verbot der sexuellen Aktivität ist dieser Punkt oberflächlich gesehen
nicht relevant.</p>

<p>In dem Kontext, dass die Orden durch ihre geschlossene Struktur <a href="https://betroffen.at/als-minderjaehrige-von-pfarrer-geschwaengert-eine-frau-klagt-an/">sexuelle Gewalt
begünstigen</a>,
entstehen solche Konflikte durchaus. Schwanger gewordene Nonnen, auch nach einer
Vergewaltigung, wurden aus dem Orden ausgeschlossen oder zu <a href="https://www.dw.com/de/ex-nonne-ich-war-das-ideale-opfer/a-47406440">Schwangerschaftsabbrüchen
gezwungen</a>.</p>

<h2 id="fazit">Fazit</h2>

<p>Diese ausgewählten Punkte, jeder einzelne für sich problematisch, zeigen klar:
Die katholischen Orden haben mindestens 17 Sektenmerkmale unbestreitbar belegt.
Viele Gruppen, die traditionell als Sekte bezeichnet wurden, etwa einige
Freikirchen, erreichen diesen Highscore nicht einmal annähernd. Bemerkenswert.</p>

<p>Da wir nicht erwarten können, dass die Republik Österreich in naher Zukunft
durchgreifen und diese Praxis untersagen wird, können wir nur die zukünftigen
Opfer solcher Systeme warnen. Die Bundesstelle für Sektenfragen tut das
nicht, sie hat gar nicht die Möglichkeit dazu. Es geht ja um eine <em>anerkannte</em>
Religionsgesellschaft, die ganz offensichtlich problematischen Umgang mit ihren
Mitgliedern pflegt und das in Österreich uneingeschränkt tun darf.</p>

<p><img src="/bilder/2025/geluebde-katholisch-2003-2024.png" alt="Diagramm: Verlauf der Gelübde in der österreichischen römisch-katholischen
Kirche 2023-2024" /></p>

<p>Glücklicherweise fällt die Zahl der Menschen, die in Österreich in der
katholischen Kirche ein Gelübde leisten, stetig. Es gab bereits Jahre mit
einer einstelligen Zahl dieser Opfer eines menschenverachtenden Systems.
Natürlich ist jede/r einzelne Betroffene zu viel. Da sie wahrscheinlich nicht
selbst den Athikan lesen, ist es unsere gesellschaftliche Verantwortung, sie und
die Gesellschaft über diese Dinge aufzuklären.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Nonnen" /><category term="Goldenstein" /><category term="Augustiner" /><category term="Sekte" /><category term="katholisch" /><summary type="html"><![CDATA[Drei Nonnen beschäftigen seit einigen Wochen die Öffentlichkeit, auch über die Grenzen Österreichs hinaus. Sie sagen, dass sie gegen ihren Willen in ein Altersheim gebracht wurden. Nach zwei Jahren sind sie ihr altes Kloster wieder zurückgekehrt und leben jetzt dort. Ihr übergeordneter katholischer Orden und andere Organe der Kirche behaupten, die Nonnen seien widerrechtlich am Gelände und drohen mit Konsequenzen. Wie üblich können wir von außen nicht sagen, wer Recht hat; im Fall der katholischen Kirche ist die Grundannahme, dass alle zumindest teilweise falsch liegen, gut belegt. Mit ihren Äußerungen demonstrieren beide Seiten, dass sie in einer eigenen Vorstellungswelt leben, die nicht viel mit der Realität zu tun hat. Darum, wer Recht hat, soll es hier aber nicht gehen. Interessanter ist die Frage, ob dieses ganze Ordenswesen der katholischen Kirche nicht vielleicht so etwas wie eine Sekte, eine für die Betroffenen und die Gesellschaft schädliche religiöse Organisationsform ist. Wenn ja, sollte eine Demokratie dagegen vorgehen.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Filmkritik: Die Bologna-Entführung</title><link href="https://athikan.at/filmkritik/edgardo/mortara/kirchenstaat/katholisch/2024/10/08/bologna-entf%C3%BChrung.html" rel="alternate" type="text/html" title="Filmkritik: Die Bologna-Entführung" /><published>2024-10-08T00:00:00+02:00</published><updated>2024-10-08T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/filmkritik/edgardo/mortara/kirchenstaat/katholisch/2024/10/08/bologna-entf%C3%BChrung</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/filmkritik/edgardo/mortara/kirchenstaat/katholisch/2024/10/08/bologna-entf%C3%BChrung.html"><![CDATA[<p>Der Film “Die Bologna-Entführung” läuft aktuell im Kino, und ich habe ihn mit
zwei <a href="https://podcast.athikan.at/">Radio-Athikan-Podcast</a>-Hörern angeschaut.
Insgesamt ein empfehlenswerter, gut gemachter, aber auch anstrengender Film.</p>

<p>In dieser Filmkritik möchte ich aus säkularer Sicht auf einige Dinge eingehen,
die die klassische Filmkritik (wofür ich wiederum nicht ausgebildet bin)
wahrscheinlich nicht so beachtet.</p>

<!--more-->

<p>Die Geschichte ist seit 160 Jahren bekannt, ich hoffe, dass ich sie für niemanden
spoilere.</p>

<p>Um 1858 herum ist Bologna noch Teil des Kirchenstaates, dessen Oberhaupt der
Papst in Rom ist. Die jüdische Familie Mortara lebt in einem gewissen Wohlstand
halbwegs unbehelligt in der Stadt, bis der Inquisitor mit Polizisten, die ihm
unterstehen, erscheint, und den sechsjährigen Buben Edgardo mitbringt. Grund:
Der sei getauft, damit Christ, und nach Kirchenrecht dürfe er nicht in einer
jüdischen Familie aufwachsen. Die Eltern wissen nicht, wann der Bub getauft
worden sein soll, können die Staatsmacht aber nicht aufhalten.</p>

<p><em>Hintergrund: Im Kirchenstaat konnten sich JüdInnen nur unter strengen Auflagen
niederlassen und wirtschaftlich betätigen und mussten Sondersteuern zahlen. Sie
waren also stark benachteiligt, aber in relativer Sicherheit. Solche
Kindesentführungen gab es in den Jahrhunderten davor regelmäßig, im 19.
Jahrhundert waren sie schon seltener.</em></p>

<p>Nach der Wegnahme darf Edgardo noch einmal für einen Tag nach Hause.
Gleichzeitig lügt der Pfarrer, mit dem die Eltern verhandeln, über die Zukunft
des Kindes, und gibt an, dass Edgardo in Bologna bleiben wird. Dem ist nicht so;
der Bub wird nach Rom gebracht. Er kommt in ein Internat, das im Vatikan direkt
dem Papst unterstellt ist, und tatsächlich kümmert sich der Papst auch
persönlich ums Kind.</p>

<p>Es dauert nicht lang, bis die Weltpresse Wind vom Ereignis bekommt. Dies ist
eine der ersten in der langen Reihe von weltweiten Empörungen über die
Machenschaften der katholischen Kirche. Die Stimmung ist eindeutig gegen den
Papst, sogar Länder mit katholischer Mehrheit (Österreich, Frankreich usw.)
protestieren. Dies beschäftigt den Papst (<q><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pius_IX.">Pius
IX.</a></q>) zwar, aber er
lehnt als vermeintlicher Wahrheits-Besitzer jede <q>Einmischung</q> ab. Das war
übrigens der Papst mit der <q>Unfehlbarkeit</q>, und auch Massenpsychosen wie
der Beginn der Lourdes-Hysterie fallen in seine lange Amtszeit.</p>

<p>Das sechsjährige Kind, das mit der grauslichen katholischen <q>Ästhetik</q> bis
dahin keinen Kontakt hatte, wird in Rom diesbezüglich einer Schocktherapie
unterzogen. Einerseits schenken sie ihm eine Halskette mit Kreuz und reden ihm
ein, das sei ein Glücksbringer (kann man im weiteren Verlauf des Films so nicht 
bestätigen), andererseits wird er regelmäßig mit übergroßen Folterdarstellungen
in Form von Kruzifixen und Statuen konfrontiert. Weiteren geistlichen Missbrauch
zeigt der Film nicht. Im Gegenteil, das Kindermissbrauchsheim, in dem er
gefangen gehalten wird, bietet ihm oberflächlich gute Bedingungen, eine
niveauvolle Ausbildung (zusätzlich zum katholischen Schwachsinn), gleichaltrige
Kinder, Aufmerksamkeit des Papstes und materielle Dinge wie gutes Essen – aber
auch gnadenlose Indoktrination.</p>

<p>Währenddessen finden die Eltern heraus, dass das katholische Kindermädchen
Edgardo einmal in einem unbeobachteten Moment <q>notgetauft</q> hat. Hier eiert
der Film etwas ums historisch bekannte Geschehen herum: Die Eltern behaupten,
dass es keine schwere Krankheit gegeben hätte, während die <q>Nottaufe</q>
damals mit einer solchen gerechtfertigt wurde.</p>

<p>Das Kind, das nach einem angeblich im Geheimen ausgeführten, oberflächlichen
Ritual seiner Menschenwürde und seiner Identität beraubt wird, wird im Vatikan zur
Sicherheit (?) noch einer zweiten Taufe unterzogen. Das ist in Katholistan eigentlich 
verboten, aber wie immer gibt es im kanonischen <q>Recht</q> eine Hintertür, in
Form der <q>Konditionaltaufe</q>, die für den Fall gedacht ist, dass die
erste Taufe zweifelhaft war. Nachdem der eigentliche Grund der Entführung also in
Zweifel steht, werden unumkehrbare Tatsachen geschaffen. Ein zweiter
juristischer Ansatz, nach dem man Kinder unter sieben Jahren nicht entführen
dürfte, scheitert später vor Gericht. Insgesamt lässt der Film beim
Gerichtsprozess, der sowieso nur die Bestrafung des Inquisitors in Bologna, aber
nicht die Rückgabe Edgardos betrifft, Fragen offen.</p>

<p>Bologna wird zwei Jahre nach der Entführung aus dem Kirchenstaat befreit. Dies
ist ja die Zeit der Vereinigung Italiens. Bis auch Rom drankommt, dauert es
jedoch noch weitere zehn Jahre. Bis dahin ist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Edgardo_Mortara">Edgardo
Mortara</a>
schon <q>umerzogen</q>, er ist in der Ausbildung zum Priester.
Sein Bruder, der unter den Revolutionären kämpft, holt sich von ihm eine Abfuhr:
Edgardo kommt nicht nach Hause. Bei einem späteren Besuch weist er auch seine
Eltern zurück. Der Film endet damit, dass er seiner Mutter, die am Sterbebett
liegt, noch eine Taufe aufzwingen will. Dies ist, wie andere Darstellungen im
Film auch, nicht historisch.</p>

<p>Die Vorgänge, die dazu führen, dass aus einem sechsjährigen, in seiner Familie
glücklich lebenden Kind ein katholischer Priester wird, werden im Film nicht
gezeigt. Auch der übliche geistliche Missbrauch scheint nur in Ansätzen durch,
etwa in der Szene, in der die Kinder nach dem Tod eines kranken Mitschülers
diskutieren, dass sie wohl nicht genug gebetet haben. Aber keine einzige
Höllendrohung gegenüber den Kindern, kein Aufhetzen gegen eine <q>sündige</q>
Welt, gegen Frauen, gegen die Eltern. Wenn antijudaistische Gebete gesprochen
werden, sind sie <q>nur</q> akustische Untermalung, kein Teil der Ausbildung.
Insofern ist der Werdegang vom verschreckten Buben, der mit der Mama nach Hause
möchte und vorm Einschlafen noch sein jüdisches Gebet spricht, zum
Priesterseminaristen zehn Jahre später nicht gut nachgezeichnet.</p>

<p>Dass es eine schlechte Idee ist, der dogmengesteuerten und menschenverachtenden
katholischen Kirche Staatsgewalt zu geben, ist keine Schlussfolgerung, die man
sich schwer erarbeiten müsste. Schließlich hat der Fall schon damals zu
weltweiter Empörung geführt. Mit der danach ausbleibenden Unterstützung
Frankreichs für den Kirchenstaat hat die Kindesentführung sogar das Ende dieser
veralteten Theokratie beschleunigt. Dogmen und <q>Recht</q>, die zum eigenen
Untergang führen: Das ist ein Kennzeichen eines dysfunktionalen Systems.</p>

<p>Eines Systems, das trotz allem noch von Kräften wie <em>Opus Dei</em> herbeigesehnt
wird. Dass das keine Verschwörungserzählung ist, zeigen die Verbindungen
zwischen dem aktuellen US-amerikanischen Vizepräsidentschaftskandidaten JD
Vance, der Heritage Foundation mit ihrem <q><a href="https://www.factcheck.org/2024/09/a-guide-to-project-2025/">Project
2025</a></q>, und
katholischen Kreisen, die in die Zeit vor dem <q>zweiten Vatikanum</q>
zurückkehren wollen. In diesem <q>zweiten vatikanischen Konzil</q> wurde die
katholische Kirche in den 1960-er-Jahren minimal modernisiert, zum großen Ärger
von Kräften wie eben Opus Dei. Die rechtskonservative Ausrichtung der Kirche in
manchen Ländern, unter anderem in den USA, führt direkt zu einem politischen und
gesellschaftlichen Machtanspruch. Auch wenn Katholiken in den USA immer eine
Minderheit waren: Langjährige, gut finanzierte und organisierte Machenschaften
haben etwa das Supreme Court mit einer konservativ-katholischen Mehrheit
besetzt. Im Gegensatz zu den fragmentierten und leicht für jeden fromm
klingenden Blödsinn motivierbaren evangelikalen Freikirchen sind die Katholiken
ein homogener, hierarchisch organisierter Block mit lang angelegten und
konsequent ausgeführten Plänen und dem nie vergessenen Wunsch, möglichst der
ganzen Welt vorzuschreiben, wie sie zu sein hat. Wer die <em>Wahrheit</em> exklusiv
besitzt, braucht sich nicht um Demokratie zu kümmern. Die WählerInnen in den USA
<em>könnten</em> im Film sehen, was ihnen langfristig blüht, wenn sie sich für den
dümmlichen und leicht manipulierbaren Trump und JD Vance, den Kandidaten dieser
<em>trad-cath</em>-Kreise, entscheiden.</p>

<p>Der Film wiederholt ein Motiv mehrmals: Die katholischen Handelnden werden
gefragt, ob sie sich schämen. Aber das tun sie nicht. Zu tief sind sie in
ihrem Katholizismus gefangen, in dem die Ordnung, die Hierarchie und die
Einbildung, grundsätzlich die richtige Seite zu sein, über menschlichem
Empfinden stehen. Dieses Weltbild bringt Leute dazu, Dinge zu tun, für die sie
sich schämen sollten. Bis heute, wenn wir an die Vertuschung von
Kindesmissbrauch und weitere Verbrechen christlicher Kirchen denken.</p>

<p>Scham ist ein sozialpsychologischer Korrekturmechanismus. Wir empfinden Scham,
wenn wir etwas gesellschaftlich Inakzeptables getan haben oder tun. In einer
funktionierenden Gesellschaft würde Scham Verstöße gegen Normen von innen, aus
dem Menschen heraus sanktionieren oder vermeiden, mit zwei Ausnahmen: Einerseits
gibt es Sozio- oder PsychopatInnen, denen soziale Regeln egal sind;
andererseits so sehr indoktrinierte Menschen, dass bei ihnen diese menschliche
Regung nicht mehr stärker sein kann als ihre Mitarbeit an und Unterstützung für
Unrecht.</p>

<p>Eine starke Szene im Film ist wohl auch künstlerische Freiheit: Der Papst
betrachtet Zeitungen aus der ganzen Welt, die sich mit dem Fall beschäftigen.
Darunter auch eine Karikatur, die die erzwungene Beschneidung des Papstes
andeutet. Davon träumt der dann auch: Finstere Figuren umgeben ihn und
führen die Beschneidung durch.
Wenn das eine Art Motiv zur ausgleichenden Gerechtigkeit im Kontrast zur
Entführung gewesen sein sollte, ist dies, wenn man es zu Ende denkt, gründlich
schiefgegangen. Es waren ja die Eltern von Edgardo, die genau dies ihrem Sohn
und seinen Brüdern angetan haben. Der Penis des Chef-Volcels war zu keiner Zeit
in Gefahr.</p>

<p>Interessant fand ich, dass in den dargestellten Gottesdiensten häufig Kirchen zu
sehen sind, die bis auf die Handelnden ziemlich leer stehen. Ob das ein
Verweis auf die heute so leer bleibenden Kirchen ist? Jedenfalls sieht man selten
normale, nicht mit dem Vatikan in Verbindung stehende Menschen in den Kirchen.
Anwesend sind hauptsächlich der aufgeblähte Apparat der verkleideten
Berufschristen sowie ihre Opfer.</p>

<p>Von idiotischen Ritualen gibt es auch genug. Wer sehen möchte, wie ein Papst auf
allen Vieren eine <q>heilige Treppe</q> hinaufkriecht, während er Gebete aufsagt,
kann das im Film haben. Mehrmals sind aber auch entwürdigende, vom Papst
angeordnete Unterwerfungsrituale zu sehen – ein <q>geistlicher Anführer</q>,
der im Mittelalter steckengeblieben ist und seine Macht missbraucht.</p>

<p>Insgesamt ein sehenswerter Film, der auch durch die kleinen und größeren
Abweichungen von der wahren Geschichte spannend bleibt. Eine Dokumentation des
geistlichen und wahrscheinlich körperlichen Missbrauchs, der dazu geführt hat,
dass ein geraubtes Kind sich von seiner Familie abwendet und sich der
Entführerorganisation anschließt, ist darin allerdings nicht enthalten,
genausowenig wie eine Auseinandersetzung mit anderen Verbrechen des
Kirchenstaates.</p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Filmkritik" /><category term="Edgardo" /><category term="Mortara" /><category term="Kirchenstaat" /><category term="Katholisch" /><summary type="html"><![CDATA[Der Film “Die Bologna-Entführung” läuft aktuell im Kino, und ich habe ihn mit zwei Radio-Athikan-Podcast-Hörern angeschaut. Insgesamt ein empfehlenswerter, gut gemachter, aber auch anstrengender Film. In dieser Filmkritik möchte ich aus säkularer Sicht auf einige Dinge eingehen, die die klassische Filmkritik (wofür ich wiederum nicht ausgebildet bin) wahrscheinlich nicht so beachtet.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Ist die absolute römisch-katholische Bevölkerungsmehrheit zu Ende?</title><link href="https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/bev%C3%B6lkerungsmehrheit/2024/09/22/ende-katholische-mehrheit.html" rel="alternate" type="text/html" title="Ist die absolute römisch-katholische Bevölkerungsmehrheit zu Ende?" /><published>2024-09-22T00:00:00+02:00</published><updated>2024-09-22T00:00:00+02:00</updated><id>https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/bev%C3%B6lkerungsmehrheit/2024/09/22/ende-katholische-mehrheit</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/bev%C3%B6lkerungsmehrheit/2024/09/22/ende-katholische-mehrheit.html"><![CDATA[<p>Nach der Veröffentlichung der Daten der <a href="https://www.katholisch.at/site/kirche/sl/kircheinoesterreich/statistik">römisch-katholischen Kirche für
2023</a>
habe ich darauf hingewiesen, dass die bisherige absolute Bevölkerungsmehrheit (über 50 %
der Bevölkerung) <a href="https://hpd.de/artikel/oesterreich-hat-keine-katholische-mehrheit-mehr-22479">vorbei ist</a>.
Hier beschreibe ich, warum das eine statistisch gut abgesicherte Aussage ist und
wie Interessierte die Aussage mit öffentlich zugänglichen Daten und Methoden
überprüfen können.</p>

<!--more-->

<p>Für die quartalsweise Vorhersage der <a href="https://wiki.avoesterreich.at/index.php/Konfessionen_und_Konfessionsfreie_in_%C3%96sterreich">Verteilung der Konfessionen und
Konfessionsfreien in
Österreich</a>
muss ich für die römisch-katholische und die evangelischen Kirchen jeweils eine
Hochrechnung der aktuellen Zahl für die vergangenen Quartale machen. Hierfür
ziehe ich jeweils die letzten drei Jahre in den verfügbaren Daten heran. Die
katholische Kirche publiziert ihre Vorjahreszahlen ja erst im Herbst, deswegen
ist es notwendig, bis zu sieben Quartale so hochzurechnen – die Alternative
wäre, mit veralteten Daten zu arbeiten.</p>

<p>Die Zahlen aus den letzten Jahren gewichte ich so, dass jeweils das letzte Jahr
das höchste Gewicht hat, das Jahr davor weniger, und das drittletzte Jahr noch
weniger. Die Formel ist: (3 * Vorjahr + 2 * Vorvorjahr + Vorvorvorjahr) / 6.</p>

<p>Die Gewichtung ist bei solchen jährlichen Verläufen eine anerkannte Methode. Die
Alternative zu dieser <em>linearen</em> Gewichtung wäre die <em>exponentielle</em> Gewichtung,
bei der die früheren Jahre noch weniger Gewicht bekämen. Kann man auch machen,
vielleicht verbessert es sogar die Vorhersagen, aber es gäbe mehr Menschen, die
die Berechnung nicht mehr nachvollziehen können oder wollen.</p>

<p>Die Hochrechnung nach dem Einsetzen der 2023-Daten ergibt für 2024 einen
Rückgang der Mitglieder der r-k. Kirche um 89.835. (2022: 94.389, 2023: 91.421)</p>

<p>Das folgende Diagramm zeigt, warum es sinnvoll und legitim ist, mit den Daten der letzten
drei Jahre zu arbeiten und nicht etwa mit den letzten zwanzig.</p>

<p><img src="/bilder/2024/verlauf-verlust.png" alt="Diagramm: Jährlicher Rückgang der römisch-katholischen
Kirche" /></p>

<p>Die dicke schwarze Linie stellt den Rückgang der Mitglieder dar, die dünne
blaue Linie zeigt einen geglätteten Verlauf und das graue Band die statistische
Streuung. Wir sehen das atypische Jahr 2010 mit der einsamen Spitze, die aus dem
grauen Band ragt. Das war das Jahr, in dem die katholische Kirche ihre
jahrelange Vertuschung und die enorme Anzahl von Missbrauchsfällen nicht mehr
leugnen konnte. Nach diesem Skandal kam es zu einer Rekordzahl von Austritten,
die erst 2022 wieder übertroffen wurden. Nach 2010 war der Mitgliederverlust für
eine Weile auf einem höheren Niveau recht konstant, aber um 2018 herum begann er
stark zu wachsen. Was immer die Ursachen dafür sind (<a href="https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/2023/12/12/katholische-kirchenaustritte-analyse.html">es gibt gute
Vermutungen</a>),
der Trend besteht schon mehrere Jahre. Bei diesem Verlauf sind die Daten von vor
acht oder zwölf Jahren einfach nicht relevant für die Zukunft.</p>

<h2 id="ist-der-anteil-sicher-unter-50-prozent">Ist der Anteil sicher unter 50 Prozent?</h2>

<p>Das Problem mit der Hochrechnung ist, dass sie nur eine einzelne Zahl ergibt, die
ziemlich sicher nicht exakt korrekt ist. Sie ist in der Größenordnung natürlich
schon zutreffend, weicht aber von der tatsächlichen Zahl, die man leider erst in
der Zukunft erfährt, ab. In den letzten Jahren war diese Abweichung meistens in
der Größenordnung von einigen tausend, und zwar immer niedriger als der reale
Wert. Das ist bei einem so steilen Anstieg der Zahlen genauso zu erwarten – die
Prognose ist ja aus dem Mittelwert alter Daten gebaut.</p>

<p>Wir können also den Wert aus der Hochrechnung nehmen, mit dem
Bevölkerungsverlauf abgleichen und den Monat aussuchen, in dem laut
Hochrechnung die Mehrheit gefallen ist. Das ist der Juli 2024. Wir wissen nur
nicht, wie sicher wir uns dabei sein können. Der Trend könnte sich ja
abgeschwächt oder verstärkt haben, dann wäre es vielleicht schon im Juni oder
erst im August soweit gewesen. Außerdem posaunt die säkulare Szene Österreichs
gerade durch alle Kanäle hinaus, dass die katholische Bevölkerungsmehrheit
vorbei ist. Wie können wir uns sicher sein, dass das stimmt?</p>

<p>Dafür gibt es statistische Methoden. Wir können uns ein Modell bauen, das
die Wahrscheinlichkeit, dass der Anteil der Katholiken in einem bestimmten Monat
unter 50 % gefallen ist, berechnet. Damit können wir einerseits die Annahme
prüfen, dass es der Juli 2024 war, andererseits sagen, wie sicher wir uns gerade
(Ende September) sind.</p>

<p>Die Umsetzung in der Statistik-Umgebung <em>R</em> ist am Ende dieses Artikels
angehängt, wer möchte, kann jeden Schritt überprüfen und Varianten berechnen. 
Dieses Verfahren nutzt eine Log-Normalverteilung, sie hat sich als
zuverlässig für diese Art von Daten erwiesen.</p>

<p>Das Programm baut aus einer wählbaren Anzahl von Jahren eine Verteilung.
Mit Hilfe dieser Verteilung gibt es die Wahrscheinlichkeit für
jeden Monat, dass es bis zu diesem Monat mindestens so viele Abgänge gab,
wie für die Unterschreitung der Bevölkerungshälfte notwendig sind. Im Jänner ist
das zum Beispiel noch extrem unwahrscheinlich, dafür müsste es allein in diesem
Monat über 57.000 Abgänge geben – das entspräche fast 700.000 Abgängen im
ganzen Jahr. Es ist klar, dass das extrem unwahrscheinlich ist. Bis Dezember
müsste die Summe der Abgänge des ganzen Jahres wiederum nur mehr 38.524
betragen, das ist ein Wert, der zuletzt 2008 unterschritten wurde. Das ist auch
wieder klar: Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es bis dahin mehr Abgänge gibt,
ist sehr hoch.</p>

<p>Folgendes Diagramm zeigt eine Wahrscheinlichkeitsverteilung, wie sie aus den
Daten der katholischen Abgänge gebaut wurde:</p>

<p><img src="/bilder/2024/relative-wahrscheinlichkeit.png" alt="Diagramm: Wahrscheinlichkeitsverteilung für Abgänge aus der katholischen
Kirche im Jahr 2024" /></p>

<p>Es ist klar zu sehen, dass Werte unter 80.000 und über 100.000 zwar möglich,
aber unwahrscheinlich sind.</p>

<p>Wenn wir das Programm mit drei Jahren und der üblichen Gewichtung (3*, 2*,
1*) laufen lassen, gibt es diese Daten aus:</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 5, notwendiger Rückgang: 121778, Wahrscheinlichkeit: 0.0022 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 6, notwendiger Rückgang: 97992, Wahrscheinlichkeit: 12 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 91 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>
</blockquote>

<p>Wir sehen also, im Juli ist die Bevölkerungsmehrheit mit hoher
Wahrscheinlichkeit unterschritten worden, und seit August ist die Sicherheit,
dass es wirklich passiert ist, sehr hoch (auf 100 % gerundet).</p>

<p>Was ist, wenn wir die Gewichtung herausnehmen?</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 6, notwendiger Rückgang: 97992, Wahrscheinlichkeit: 10 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 77 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 99 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>
</blockquote>

<p>Hier zieht das drittletzte Jahr mit dem niedrigeren Wert die Prognose stärker
herunter.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bevölkerungsmehrheit im Juli gefallen ist, ist
gesunken, aber immer noch deutlich über 50 %. Im September ist auch hier die
große Sicherheit erreicht.</p>

<p>Fünf Jahre mit Gewichtung:</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 67 %</p>

  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 98 %</p>

  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>
</blockquote>

<p>Fünf Jahre ohne Gewichtung:</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 49 %</p>

  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 91 %</p>

  <p>Berücksichtige 5 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>
</blockquote>

<p>Es gibt wie erklärt gute Gründe, nicht mehr als drei oder fünf Jahre ins Modell
einzubringen. Aber es ist möglich.</p>

<p>Zehn Jahre mit Gewichtung:</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 10 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 32 %</p>

  <p>Berücksichtige 10 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 64 %</p>

  <p>Berücksichtige 10 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 87 %</p>
</blockquote>

<p>Mit den Daten der letzten zehn Jahre oder mit ungewichteten fünf Jahren
entstehen Szenarien, in denen die Mehrheit erst im August gefallen ist. Hier
wäre im September die Wahrscheinlichkeit mit 87 % bzw. 91 % auch schon recht
hoch, wir könnten uns also auch schon hinreichend sicher sein. Und das sind 
Zeiträume, die wir nicht mehr für eine seriöse Prognose heranziehen würden.</p>

<p>Selbst bei 10 und 15 Jahren ungewichtet ist noch die Wahrscheinlichkeit, dass es
im September soweit war, über 50 %. Wir müssen tatsächlich 20 Jahre zurückgehen,
damit die Verteilung aus den <em>ungewichteten</em> Zahlen den Übergang erst im Oktober
ergibt. Die Gewichtung zieht den Zeitpunkt auch hier wieder in den September
zurück. Das Programm ist also grundsätzlich in der Lage, spätere Zeitpunkte
vorherzusagen, wenn es auf älteren Daten läuft.</p>

<p>Gehen wir einmal in die andere Richtung und setzen nach Betrachtung der
Steigerungsrate im Diagramm für 2024 eine hohe Schätzung (95.000) ins
Drei-Jahres-Modell ein:</p>

<blockquote>
  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 6, notwendiger Rückgang: 97992, Wahrscheinlichkeit: 13 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 7, notwendiger Rückgang: 81000, Wahrscheinlichkeit: 93 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 8, notwendiger Rückgang: 68258, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>

  <p>Berücksichtige 3 Jahre, Monat: 9, notwendiger Rückgang: 58347, Wahrscheinlichkeit: 100 %</p>
</blockquote>

<p>Es lohnt sich immer, verschiedene Szenarien auszuprobieren, auch mehr oder weniger
optimistische. Es geht ja um die Zukunft und um die nahe Vergangenheit, aus der
wir auch noch keine Daten haben. Mit dieser Methode können wir leicht
verschiedene Szenarien ausprobieren, was uns die Sicherheit gibt, dass unsere
Position gut begründet ist. Wer widersprechen will, muss erklären, wie ein
Szenario aussehen müsste, in dem die Aussage nicht wahr ist.</p>

<h2 id="fazit">Fazit</h2>

<p>Die Aussage, dass die katholische (absolute) Bevölkerungsmehrheit in Österreich
nicht mehr besteht, wurde mit den verfügbaren Daten überprüft. Jede sinnvolle
Art, die Daten für die Hochrechnung heranzuziehen, ergibt, dass die Mehrheit mit
hoher Wahrscheinlichkeit im Juli gefallen ist und wir im September mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen können, dass die Aussage wahr ist.</p>

<p>Die aktuelle Hochrechnung für den römisch-katholischen Bevölkerungsanteil per
Ende September 2024 ist 49,8 %. Die Konfessionsfreien sind 32 % der Bevölkerung.</p>

<p><a href="/assets/ende-katholische-mehrheit-Rskript.zip">Analyseskript herunterladen</a></p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Austritte" /><category term="Katholisch" /><category term="Statistik" /><category term="Bevölkerungsmehrheit" /><summary type="html"><![CDATA[Nach der Veröffentlichung der Daten der römisch-katholischen Kirche für 2023 habe ich darauf hingewiesen, dass die bisherige absolute Bevölkerungsmehrheit (über 50 % der Bevölkerung) vorbei ist. Hier beschreibe ich, warum das eine statistisch gut abgesicherte Aussage ist und wie Interessierte die Aussage mit öffentlich zugänglichen Daten und Methoden überprüfen können.]]></summary></entry><entry xml:lang="de"><title type="html">Römisch-katholische Kirchenaustritte: Eine statistische Analyse</title><link href="https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/2023/12/12/katholische-kirchenaustritte-analyse.html" rel="alternate" type="text/html" title="Römisch-katholische Kirchenaustritte: Eine statistische Analyse" /><published>2023-12-12T00:00:00+01:00</published><updated>2023-12-12T00:00:00+01:00</updated><id>https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/2023/12/12/katholische-kirchenaustritte-analyse</id><content type="html" xml:base="https://athikan.at/austritte/katholisch/statistik/2023/12/12/katholische-kirchenaustritte-analyse.html"><![CDATA[<p>Was verursacht Kirchenaustritte? Es gibt dazu verschiedene Ansichten. In diesem
Artikel soll mit statistischen Methoden, aber allgemein verständlich versucht
werden, mögliche Ursachen zu prüfen und den Verlauf der Austritte aus der
römisch-katholischen Kirche Österreichs besser zu verstehen.</p>

<!--more-->

<h2 id="daten">Daten</h2>

<p>Jede Analyse beginnt mit Daten. Neben dem eigenen Archiv der von der
römisch-katholischen Kirche Österreichs <a href="https://www.katholisch.at/site/kirche/sl/kircheinoesterreich/statistik">publizierten
Daten</a>
sind für allgemeine Daten über die Bevölkerung die Statistik Austria und für
<a href="https://fowid.de/meldung/oesterreich-kirchenstatistik-katholische-kirche-1991-2018">ältere Zahlen über die Austritte und der
Katholiken</a>
die <em>Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland</em> herangezogen worden.
So konnte ich Daten über die Bevölkerung, die Anzahl der römisch-katholischen
Menschen und die Austritte aus der röm.-katholischen Kirche seit 1991
zusammenstellen. Der Bevölkerungsanteil (bis 1992 noch über 80 %, aktuell
ca. 51 %) lässt sich durch eine einfache Division errechnen. Weiters
gibt es seit 2010 Daten über die Summe der eingenommenen Kirchenbeiträge. Dazu
habe ich nirgends ältere Daten gefunden, die Kirche hat sie früher schlicht
nicht veröffentlicht. Wer sie hat, soll sie mir bitte schicken, bei Bedarf
könnte ich mit diesen Daten die Analyse wiederholen. Außerdem gibt es Daten
übers Medianeinkommen, über die evangelischen Kirchenaustritte und so weiter.</p>

<p>Alle verwendeten Daten und der Analyseprozess (im Statistiksystem <em>R</em>) sind am
Ende des Artikels verlinkt.</p>

<p>Die Anzahl der Austritte und jene der römisch-katholisch zugeordneten Menschen
sind sogenannte <em>Zeitreihen</em>. Für Zeitreihen existieren einfach nutzbare,
fertige Vorhersagemethoden. Sie haben den Vorteil, dass sie häufig automatisiert
und schnell brauchbare Vorhersagen liefern, und nichts anderes brauchen als die
Zahlen aus der Vergangenheit. Das ist aber gleichzeitig ihr Nachteil: Wir können
sie nicht verwenden, um Zusammenhänge mit anderen Daten herzustellen, um den
Verlauf durch andere Daten zu erklären.</p>

<p>Hier ist ein Beispiel für die Prognose des katholischen Bevölkerungsanteils. Mit
den Daten bis einschließlich 2022 ergibt der Algorithmus die Prognose, dass Ende
2024 der römisch-katholische Bevölkerungsanteil unter 50 % sinken wird – eine
Erwartung, die mit anderen Methoden auch bestätigt wird. Das Diagramm zeigt
neben dem wahrscheinlichsten Verlauf in den zwei immer breiter werdenden Bändern
die Unsicherheit der Vorhersage (Konfidenzintervall). Diese Unsicherheit nimmt
natürlich weiter in die Zukunft schauend zu, die Fläche der Unsicherheit wird
breiter.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_ets_anteil_katholiken.png" alt="Diagramm: Prognose des römisch-katholischen
Bevölkerungsanteils" /></p>

<p>Sobald wir die 2023-er-Daten haben, können wir sie in die Zeitreihe einfügen und
erhalten für die nächsten Jahre präzisere Vorhersagen.</p>

<p>Für die Austritte pro Jahr sind die automatischen Vorhersagen nicht so gut
brauchbar, weil die Zahlen sich von Jahr zu Jahr ziemlich stark ändern. Dass sie
mit der Zeit zunehmen, findet der Algorithmus problemlos heraus, nur sind die
eingefärbten Konfidenzintervalle so groß, dass die Vorhersage praktisch wertlos
ist.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_ets_austritte.png" alt="Diagramm: Prognose der Austritte aus der römisch-katholischen
Kirche" /></p>

<h2 id="fehlende-kausalität">Fehlende Kausalität</h2>

<p>All das beantwortet noch nicht die Eingangsfrage: Was verursacht Kirchenaustritte?</p>

<p>Die Statistik hilft uns, Korrelationen festzustellen, aber die meisten von uns
wissen: Korrelation heißt nicht Kausation. Wie in der Wissenschaft üblich können
wir mit statistischen Methoden die Ursachen nicht belegen – aber falsche
Annahmen widerlegen. Korrelation ist nicht automatisch Kausation, aber wenn eine
behauptete Ursache statistisch keine Auswirkungen hat (also die Korrelation
fehlt), ist die Annahme der Kausation <em>auch</em> widerlegt. Bei einer Ursache gehen
wir ja davon aus, dass das Ereignis A das Ereignis B oft genug nach sich zieht,
um eine Korrelation zu bemerken.</p>

<p>Weiters haben wir die Erwartung, dass ein behaupteter Zusammenhang plausibel
sein sollte. Bei <a href="https://tylervigen.com/spurious-correlations">Spurious
Correlations</a> gibt es viele
Kombinationen von Zeitreihen, die zwar korreliert sind, aber keinen plausiblen
Grund für die Annahme eines ursächlichen Zusammenhangs erkennen lassen.</p>

<p>Eine simple Methode, Annahmen über die Stärke des Zusammenhangs zwischen
verschiedenen Aspekten zu berechnen und gegebenenfalls zu widerlegen ist die
Analyse von <em>Regressionsmodellen</em>. Keine Angst, es wird nicht zu mathematisch.</p>

<h2 id="der-kirchenbeitrag-ist-es-">Der Kirchenbeitrag ist es! (?)</h2>

<p>Der katholische Kirchenhistoriker Professor emeritus Rudolf K. Höfer meint, die
Ursache zu kennen, und trägt <a href="https://www.youtube.com/watch?v=JKz7MtbcjT0">seine Ansichten darüber gerne
vor</a>. Seine wasserdichte Methode
zur Erkenntnis: „Die Bischofskonferenz hat es gesagt“.</p>

<p>Das verlinkte Video enthält gute historische Informationen, aber bei manchen
Schlussfolgerungen auch einen enormen Unterhaltungswert. Der ehemalige Professor
zitiert Austrittszahlen aus zwei österreichischen Bistümern und nennt ab 27:30
die viel niedrigeren Zahlen aus den angrenzenden Bistümern in Italien und
Slowenien. Dann erklärt er, dass das jene Leute sind, die in Österreich arbeiten
und wegen des <em>in Österreich</em> vorgeschriebenen Kirchenbeitrags im Land, in dem
sie leben, austreten (ab 29:10). Das ist nicht einmal mehr das Vergleichen von
Äpfeln und Birnen: Das ist Äpfel und Weihrauch.</p>

<p>Das System der Widmung eines Teils der Einkommenssteuer in Italien, Slowenien
und Ungarn findet Prof. em. Höfer gut zum Vermeiden von Austritten. Aber
Slowenien wieder schlecht, weil dort auch Vereine, nicht nur Kirchen begünstigt
werden können. Dass in Ungarn in 20 Jahren die Anzahl der bekennenden Katholiken
<a href="https://hpd.de/artikel/ungarn-religioese-deutlich-50-prozent-bevoelkerung-21617">fast um die Hälfte zurückging</a>, 
vergisst er, oder weiß es zu dem Zeitpunkt noch nicht.</p>

<p>Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie der jahrzehntelange Einfluss der
organisierten Leichtgläubigkeit und als Theologe die aktive Beförderung der
organisierten Leichtgläubigkeit die Fähigkeiten eines Menschen zu logischen
Schlussfolgerungen beeinträchtigen.</p>

<p>Überprüfen wir erst einmal intuitiv die Annahme. Der Vortrag schildert die
Geschichte des Kirchenbeitrags in Österreich. Wenn wir nur die Zeit der Republik
seit 1945 betrachten, sehen wir, dass der Kirchenbeitrag seither immer bestand.
Unsere Zahlenreihe startet 1991 mit über 80 % Katholiken, die in 32 Jahren auf
knapp über 50 % fallen. Zwischen 1945 und 1991, in 46 Jahren, gab es also viel
weniger Austritte als danach – bei von Anfang an bestehendem Kirchenbeitrag.</p>

<p>Die Frage der Plausibilität ist also schon einmal mit großen Fragezeichen
versehen. Die durchschnittliche Austrittsrate zwischen 1991 und 2022 kennen wir:
0,089 %. Hätte diese Austrittsrate zwischen 1945 und 1990 bestanden, würde
unsere Zeitreihe nicht von über 80 %, sondern von 65 bis 70 % starten. Wir
bräuchten in Wirklichkeit eine Erklärung, mit der die Austrittsrate trotz des
seit 1945 immer bestehenden Kirchenbeitrags zuerst 45 Jahre lang niedrig ist,
dann 20 Jahre lang langsam ansteigt, und dann ab 2010 permanent über einem
Prozent pro Jahr liegt.</p>

<p>Oder schauen wir in andere Länder, die keinen Kirchenbeitrag haben. Es stellt
sich heraus, dass die Abwendung von Religion in allen westeuropäischen Ländern
in ähnlichem Maß fortschreitet, obwohl die meisten Länder eben keinen
Kirchenbeitrag haben. Sie haben halt deswegen auch kein Konzept von einem
Religionsaustritt: Es ist einfach nicht notwendig.</p>

<p>Ungarn wurde bereits erwähnt, in Großbritannien ist nur mehr eine Minderheit
christlich, und so weiter. Selbst in den als christlich geltenden USA vollzieht
sich dieser Wandel in einem immer stärkeren Ausmaß.</p>

<h2 id="die-austritte">Die Austritte</h2>

<p>Denken wir kurz über „den Austritt“ nach. Der Kirchenaustritt einer bestimmten
Person ist die Folge psychischer Prozesse, eine innere Entscheidung. Häufig der
Verlust des Glaubens, oder die Unzufriedenheit mit der Organisation. Diese
individuellen Entscheidungen betrachten wir hier nicht, sondern die Summe der
Austritte, was dann schon eine soziologische Frage ist. Gesellschaftliche
Veränderungen haben einen Einfluss auf die individuellen Entscheidungen.</p>

<p>Jeder Austritt führt dazu, dass andere Menschen sehen, dass das in Ordnung ist.
Die Austritte werden gesellschaftlich normalisiert. Insbesondere dann, wenn die
Medien tagelang über Rekord-Austrittszahlen berichten.</p>

<p>Jeder Austritt verringert die Basis, also die Anzahl derer, die noch austreten
können. Wenn es viele Austritte gibt und die Basis sonst auch kleiner wird, und
der gleiche Anteil von Menschen (z. B. ein Prozent) pro Jahr austritt, werden
die absoluten Zahlen, also „wie viele Menschen ausgetreten sind“, kleiner und
kleiner. Dies ist die Zahl, die in den Medien diskutiert wird, und nach jeder
Rekordzahl freut sich die Kirche, wenn im darauffolgenden Jahr weniger Menschen
austreten. Auch wenn der Anteil der Ausgetretenen an der Basiszahl wieder einmal
gestiegen ist, also von 1000 Menschen sich mehr als vorher für den Austritt
entschieden haben.</p>

<p>Für unsere Analyse des Austrittsverhaltens ist aber der Anteil der vormaligen
Mitglieder, die pro Jahr austreten, hilfreicher. Wenn es einmal soweit ist, dass
die absoluten Austrittszahlen durch die schwindende Basis wieder zurückgehen,
können wir immer noch sinnvoll Trends analysieren. Und das Zurückrechnen auf
Austritte ist immer leicht möglich.</p>

<p>Außerdem haben wir auf dieser Ebene vergleichbare Daten von den evangelischen
Kirchen in Österreich; leider ist bei ihnen die Datenbasis nicht so vollständig,
aber immerhin für die letzten 15 Jahre verfügbar. (Wer mehr Daten hat, möge sie
mir bitte schicken.) Und da stellt sich heraus, dass die Austrittsrate für
evangelisch (Augsburger Bekenntnis, die größte evangelische Gruppe in
Österreich) seit geraumer Zeit über der Austrittsrate aus der
römisch-katholischen Kirche liegt.</p>

<p><img src="/bilder/2023/austrittsrate_rk_eab.png" alt="Diagramm: Austrittsrate aus der römisch-katholischen und der evangelischen
(AB) Kirche Österreichs. Orange sind die evangelischen Austritte, blau die
römisch-katholischen." /></p>

<p>Ein einziges Jahr bildet eine Ausnahme: 2010,
das Jahr der römisch-katholischen Kindesmissbrauchsskandale. Oder genauer, das
Jahr, seit dem das Image der römisch-katholischen Kirche permanent mit
Kindervergewaltigung verbunden ist. Dies ist am Diagramm auch direkt abzulesen,
aber bleiben wir erst einmal bei der evangelischen Kirche AB. Die Austrittsrate
steigt kontinuierlich, erreicht 2016 1,5 % und im Jahr 2019 2 %. Jede fünzigste
evangelische (AB) Person hat sich in diesem einen Jahr für den Austritt
entschieden – und seither jedes Jahr. Viele erinnern sich noch: Im Jahr 2019
informierte der Europäische Gerichtshof die Republik Österreich darüber, dass es
natürlich nicht geht, dass Angehörige einer Religionsgesellschaft einfach einen
zusätzlichen bezahlten Feiertag bekommen, nur durch ihre mit der Geburt und
Babytaufe erworbene Zugehörigkeit. Nach dieser Entscheidung und ihrer Umsetzung
in Österreich sind die bereits hohen Austrittsraten noch weiter gewachsen.</p>

<p>Bei den Römisch-Katholischen ist 2010, das Jahr der öffentlichen Diskussion über
die Rolle des Klerus in der Begehung und Vertuschung von
Kindervergewaltigungsfällen, ein wichtiger Meilenstein. Die Austrittsrate trat
damit permanent auf eine höhere Stufe. Kein Jahr <em>davor</em> hatte eine höhere
Austrittsrate als irgendein Jahr <em>danach</em>. Dieser Skandal köchelt weiter und
weiter, es gibt jedes Jahr Verurteilungen, Nachrichten aus anderen Ländern über
dortigen Missbrauch, es erscheinen Aufarbeitungen einzelner Diözesen und so
weiter.</p>

<p>In der Corona-Pandemie ging die Zahl der Austritte erst einmal zurück. Der
Austritt ist häufig mit einem Amtstermin verbunden (auch wenn er mittlerweile
auch mit digitaler Signatur <a href="https://humanisten.at/kirchenaustritt/">von zu Hause
aus</a> geht), die Möglichkeiten waren
somit eingeschränkt. Seither steigt die Austrittsrate aber steil an. Schon 2021
auf eine vergleichbare Höhe wie 2010 – das erscheint in den absoluten Zahlen
gar nicht so deutlich, aber da sind ja auch zehn Jahre dazwischen, in denen die
Basis merklich kleiner wurde. 2022 war dann das Jahr der Rekord-Austritte,
sowohl absolut als auch in der Austrittsrate. Einerseits erschien im Jänner 2022
der Missbrauchsbericht aus Bayern, der auch in Österreich großes Interesse fand;
andererseits fand die Kirche bereits für 2021 eine zusätzliche Erklärung für
manche Austritte, nämlich das Eintreten für die Covid-Impfungen. Dies ist
plausibel, aus vielen anderen Gruppen hat sich ein gewisser Anteil wegen der
Impfdiskussionen verabschiedet.</p>

<h2 id="statistische-modellierung-der-austrittsrate">Statistische Modellierung der Austrittsrate</h2>

<p>Wir möchten also ein Modell für die Austrittsrate bauen. (Wir wenden einen
<em>Algorithmus</em>, also festgelegte Schritte auf die Daten an, um ein <em>Modell</em> zu
erhalten – diese Dinge werden in der öffentlichen Diskussion häufig
verwechselt.) Das Modell hilft uns im Idealfall in zwei Punkten: Einerseits
können wir seine Eigenschaften analysieren, zum Beispiel die Stärke des
Zusammenhangs einzelner Aspekte mit der Zielgröße; andererseits können wir es
auch benutzen, um neue Daten, z. B. das nächste Jahr vorherzusagen. Wenn wir das
machen wollen, müssen wir uns aber auf solche Informationen beschränken, die zum
Zeitpunkt der Vorhersage bereits bekannt sind.</p>

<p>Machen wir erst einmal etwas scheinbar Dummes: Erstellen wir ein Modell der
Austrittsrate in Abhängigkeit von der Jahreszahl. Es gibt dafür zunächst keine
plausible Erklärung: Warum sollte die Austrittsrate gerade von der Jahreszahl
abhängen? Wenn wir einen Zusammenhang finden, wie erklären wir den? Außer dass,
wie wir gesehen haben, die Austrittsrate mit der Zeit zunimmt, also wäre die
Erklärung vorerst nur das, was wir schon wissen, ein Zirkelschluss.</p>

<p>Wir erhalten trotz aller Bedenken ein Modell, in das wir die Parameter (also die
Jahreszahl) nochmal einsetzen können, um die Vorhersagen des Modells zu
bekommen. Das schaut grafisch dargestellt so aus:</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_austrittsrate_jahr.png" alt="Diagramm: Vorhersage der jährlichen Austrittsrate nur mit der
Jahreszahl" /></p>

<p>Wie man leicht sieht, steigt laut <em>diesem</em> Modell aus <em>diesen</em> Daten die
Austrittsrate konstant an. Die eine Gerade, die wir erhalten haben, passt sich
aber nicht besonders gut an den tatsächlichen Verlauf an, also an die Spitzen
und die Tatsache, dass nach 2010 das Niveau anders ist als vorher. Auch die
Abweichungen am Anfang und am Ende sind ein Anlass für Besorgnis über die
Modellqualität.</p>

<p>Die Steigung der Geraden ist an den gesamten Zeitraum angepasst. Dabei wissen
wir, dass es vor 2010 eine langsamer und seither eine schneller steigende Gerade
geben müsste. Das Modell weiß das halt nicht.</p>

<p>Neben dem Diagramm können wir eine Kennzahl berechnen, die den Zusammenhang
zwischen den Vorhersagen und den tatsächlichen Werten wiedergibt. Dafür wird
gerne die R²-Statistik („Bestimmtheitsmaß“) verwendet, die in
einer einzigen Zahl wiedergibt, wie viel von der Variation der Daten das Modell
erklärt. Die R²-Zahl kann zwischen 0 und 1 liegen, höhere Werte sind besser.</p>

<p>Für unser hanebüchenes Modell erhalten wir ein R² von 0,696 („Adjusted
R-squared“ im Statistikprogramm <em>R</em>). Das ist die Basis für Vergleiche, also
von einem bewusst nicht gut gewählten Modell.</p>

<h2 id="austritte-durch-kirchenbeitrag">Austritte durch Kirchenbeitrag?</h2>

<p>Um ein Modell zu rechnen, brauchen wir immer etwas, was sich auch ändert:
Konstante Zahlen tragen zum Modell nicht bei. Wir können also nicht
„Kirchenbeitrag ja/nein“ oder „Kirchenbeitrag = 1,1 % des Einkommens“
in unsere Modelle einsetzen. Es muss etwas sein, was den tatsächlich gezahlten
oder vorgeschriebenen Kirchenbeitrag abbildet.</p>

<p>Bei der Statistik Austria bekommen wir für 1997 bis 2021 das jährliche
Median-Nettoeinkommen der unselbständig Beschäftigten. Rechnen wir davon 1,1 %, also
den Kirchenbeitrag aus, erhalten wir eine Zeitreihe, die in diesem Zeitraum von
etwa 160 auf 260 € steigt. (Für 2022 ist noch keine Zahl bei der Statistik
Austria erhältlich. Diese habe ich mit einer Zeitreihen-Vorhersage erstellen
lassen. Die Bischofskonferenz hat Anfang 2022 angekündigt, die Vorschreibungen
nicht im Ausmaß der Inflation zu erhöhen, also können sowohl die alten
Berechnungen als auch die 2022-Vorhersage ungenau sein. Aber genauer wissen wir
es derzeit einfach nicht.)</p>

<p>Wir müssen aber im Kopf behalten, dass zwar der Median-Kirchenbeitrag regelmäßig
steigt, aber das Einkommen im gleichen Maße mehr wird. Es ist also weiterhin ein
konstanter Anteil, nur könnten wir damit kein Modell bauen. Mit der Verwendung
des Median-Kirchenbeitrags überschätzen wir dessen Einfluss etwas. Gleichzeitig
ist es im Laufe eines Erwerbslebens meistens so, dass das Einkommen steigt,
somit auch der Kirchenbeitrag. Es ist also komplex.</p>

<p>Versuchen wir, ein Modell mit diesen Daten zu bauen.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_austrittsrate_medianbeitrag.png" alt="Diagramm: Vorhersage der jährlichen Austrittsrate mit dem 
Median-Kirchenbeitrag" /></p>

<p>Die Vorhersage-Kurve ist nicht mehr eine Gerade, weil das Medianeinkommen (und
damit der davon abgeleitete Kirchenbeitrag) zwischen den Jahren nicht mit dem
gleichen Abstand wächst. Und sie erwischt wichtige Perioden (z. B. den Rückgang
der Austrittsrate ab 2005, die große Spitze 2010 und die steile Steigerung ab
2021) überhaupt nicht. Im Gegenteil. Auffällig ist zum Beispiel das starke
Wachstum 2016, während die Austrittsrate zurückgeht.</p>

<p>Das Bestimmtheitsmaß R² ist 0,72, kaum größer als beim Basismodell. Das ist
keine spektakuläre Bestätigung der Hypothese „der Kirchenbeitrag verursacht
Austritte“, aber auch keine besonders starke Widerlegung, soweit es
statistische Methoden betrifft. Aber, wie erklärt, wir haben hier die für die
Hypothese günstigste Annahme verwendet, nämlich dass die absolute Höhe der
Beitragszahlungen (trotz in ähnlichem Ausmaß steigender Einkommen) wirklich die
Ursache für <em>mehr</em> Austritte wäre.</p>

<p>Ein weiteres Problem mit diesem Ansatz ist, dass, wie wir gesehen haben, im
Dezember 2023 noch kein Medianeinkommen für 2022 publiziert ist. Wir können
diese Zahl also nur dann für eine Vorhersage der Austritte verwenden, wenn wir
sie rechtzeitig erfahren oder wie hier selbst vorhersagen – was aber
zusätzliche Ungenauigkeit ins Modell einbringt.</p>

<p>Wenn die Bischofskonferenz der Meinung ist, dass der Kirchenbeitrag wirklich die
Ursache wachsender Austritte ist, hätte sie ein einfaches Mittel, diese These zu
überprüfen: Sie – und nur sie – kann die Vorschreibung verringern. Wenn die
Austritte danach zurückgehen, war die Hypothese richtig. Es ist aber die Frage,
wie weit die Bischöfe diese wichtigste Einnahmequelle noch verringern wollen:
Fundamentalistischere christliche Gemeinden verlangen von ihren Mitgliedern 10 %
des Einkommens, nicht nur 1,1 % wie die römisch-katholische Kirche in
Österreich.</p>

<p>In diesem Zusammenhang wäre es auch möglich, dass der Kirchenbeitrag zwar im
Allgemeinen keine großen Austrittsbewegungen bewirkt, aber in einzelnen
Situationen schon. Das könnte z. B. bei einem Jobverlust oder hoher Inflation
oder steigenden Energiekosten die Notwendigkeit sein, die eigenen Ausgaben
kritisch zu überprüfen und unnötige Zahlungen zu vermeiden. Dies wäre z. B. in
der Finanzkrise um 2009 herum sowie seit 2022 eine mögliche Erklärung, ein
Mit-Grund – nur eben nicht die Erklärung, die wir von der Kirche hören.</p>

<h2 id="andere-begründungen-für-austritte">Andere Begründungen für Austritte</h2>

<p>Teilweise hören wir die Behauptung: Wenn die römisch-katholische Kirche nur
bereit wäre, Zölibat, Frauendiskriminierung, die Diskriminierung von Menschen
mit anderen Lebensentwürfen usw. zu beenden, dann würden die Austritte aufhören.
Wir haben aber gesehen, dass die evangelischen Kirchen, die genau diese Probleme
nicht haben, noch höhere Austrittsraten haben. Auch die altkatholische Kirche,
die seit 2023 in Österreich eine Bischöfin hat und auch in anderen
gesellschaftlichen Fragen viel fortschrittlicher ist, könnte von 90.000
römisch-katholischen Austritten pro Jahr profitieren, wenn das der Grund wäre.
Nur sehen wir das nicht.</p>

<p>Da wir die Abwendung von Religion international in einem ähnlichen Ausmaß sehen,
wäre es naheliegend, die Säkularisierung der Gesellschaften, die wiederum ein
komplexes Phänomen mit <a href="https://fowid.de/meldung/saekularisierung-nationen">vielen
Ursachen</a> ist, als Grund zu
betrachten. Intuitiv ist das verständlich: Für die erste Person einer
Gemeinschaft kann der Austritt ein ziemlich schwieriger Schritt sein. Sind aber
bereits einige ausgetreten, fällt diese soziale Hürde für andere weg. Damit
ließe sich die steigende Austrittsrate also auch erklären.</p>

<p>Welche Kennzahl wählen wir? Da in Österreich lange Zeit die katholische Kirche
die dominante Religion war und sie heute auch ca. fünfmal so viele Mitglieder
hat wie alle anderen christlichen Religionsgesellschaften zusammen, können wir
versuchen, den Grad der Säkularisierung einfach mit dem nicht-katholischen
Bevölkerungsanteil zu errechnen. Wir haben ja für den gesamten Zeitraum die
Bevölkerung und die Anzahl der Katholiken, das ist also leicht. Nur dass wir
fürs aktuelle Jahr natürlich den Bevölkerungsanteil, der am Ende des Jahres
erreicht wird, nicht kennen – die Bevölkerung Österreichs am Ende des Jahres
auch nicht. Wir bauen das Modell für die Austritte jeden Jahres also mit den
Zahlen des Jahres davor.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_austrittsrate_saekul.png" alt="Diagramm: Vorhersage der Austritte mit dem Grad der Säkularisierung
(angenähert durch den nicht-katholischen
Bevölkerungsanteil)" /></p>

<p>Inhaltlich schaut die Kurve unauffällig aus. Sie beginnt etwas niedrig, weil
eben vor den 1990er-Jahren ein so großer Anteil der Bevölkerung noch katholisch
war. Und nach stärkeren Austrittsjahren steigt sie auch steiler an als z. B. die
Kurve auf Basis des Medianeinkommens. Die Spitzen bildet diese Kurve jedoch auch
nicht ab, und der R²-Wert liegt nur bei 0,689, also etwas niedriger als bei den
bisherigen Modellen. Statistisch ist das kein gutes Modell, obwohl wir eine so
plausible Erklärung hatten.</p>

<p>Nehmen wir also die Austritte des Jahres davor dazu. Das ist ja auch irgendwie
logisch, die „frischen“ Austritte im Umfeld können zusätzliche Menschen
dazu verleiten, den Austritt als akzeptablen Schritt anzusehen. Gleichzeitig
hilft uns das, das höhere Niveau ab 2010 abzubilden.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_austrittsrate_saekul_austr.png" alt="Diagramm: Vorhersage der Austrittsrate mit dem Grad der Säkularisierung
und die Austritte des Jahres davor)" /></p>

<p>Es wird besser. Der niedrigere Grad vor 2010 und der höhere ab 2010 werden
endlich abgebildet, die jährlichen Schwankungen und Spitzen sind halt um ein
Jahr verschoben. Das Bestimmtheitsmaß steigt auf 0,715, und wir haben immer noch
plausible Erklärungen für die Nutzung der beiden Variablen. Natürlich können wir
mit diesem Modell nur das laufende Jahr vorhersagen, und auch erst, nachdem die
Austrittszahlen fürs Vorjahr bekannt geworden sind. Langfristige Prognosen sind
mit diesem Modell nicht möglich. Aber es erklärt zunehmend besser das allgemeine
Niveau der Austrittsrate.</p>

<h2 id="skandale-als-austrittsgründe">Skandale als Austrittsgründe</h2>

<p>Vielfach werden auch katholische Skandale und andere Ereignisse mit öffentlicher
Diskussion sowie langjährige Missstände wie die Diskriminierung von Frauen als
Austrittsgründe genannt. Wie könnten wir diese abbilden?</p>

<p>Ein Ansatz ist, dafür eine Spalte namens Skandal in die Daten einzuführen. Den
Wert dieser Spalte legen wir zwischen 0 und 1 fest, auf Basis einer historischen
Betrachtung (bzw. fürs aktuelle Jahr, wenn wir es vorhersagen wollen, mit
Beobachtung der öffentlichen Diskussion während des Jahres). Natürlich ist die
Festlegung der Werte subjektiv und sollte mit Bedacht und guten Erklärungen
durchgeführt werden, und auch ohne Betrachtung der tatsächlichen Austrittskurve,
nur auf Basis der Einschätzung der öffentlichen Diskussion. Die absolute Größe
(also ob wir 1 oder z. B. 100 als Obergrenze wählen) ist auch egal, solange man
die Skandale des Jahres sinnvoll in Verhältnis mit anderen setzt.</p>

<p>Bis 2009 wähle ich für die Skandal-Variable den Wert 0, außer für 1995. Damals
wurde die Groer-Affäre publik – aber die römisch-katholische Kirche hatte noch
genug Macht und war unantastbar genug, damit es bei einer Behauptung, der nicht
einmal vernünftig nachgegangen wurde, blieb. Dies beschreibe ich mit dem Wert
0,3.</p>

<p>2010 war dann das Jahr des Kindesmissbrauchsskandals schlechthin. Die
katholische Kirche stand international und in Österreich plötzlich als
kriminelle Organisation da, es waren nicht mehr bedauerliche Einzelfälle,
sondern das System als Ganzes in der Diskussion. Dieses Jahr bekommt den
höchsten Wert, nämlich 1 zugeordnet.</p>

<p>Seither, also ab 2011 setze ich 0,3 als Basisniveau für die Skandalisierung an.
Das Thema Kindesmissbrauch bekommt die Kirche nicht weg, und das Tabu, die
Kirche, ihre Lehren und ihre Praxis sowie den Papst öffentlich zu kritisieren,
ist gefallen.</p>

<p>2020 war das Corona-Jahr, Behörden waren für eine Weile geschlossen, und viele
Menschen hatten andere Sorgen als sich um einen Kirchenaustritt zu kümmern.
Gleichzeitig behaupteten die Kirchen, ihre Stärken in der Pandemie ausspielen zu
können, nämlich den Menschen Halt zu geben. Aus diesen Gründen setze ich für
dieses Jahr 0,2 statt 0,3 an. Ja, das ist ein bisschen ad-hoc, aber die
Begründung klingt plausibel.</p>

<p>2021 und 2022 waren die öffentlichen Diskussionen wieder stärker. Die Kirche
nannte als Austrittsgrund in vielen Fällen das Eintreten für Impfungen. Kardinal
Schönborn mit der Aussage „Herr, lass Hirn regnen!“ kam für viele auch
nicht ideal rüber. Anfang 2022 erschien zudem die
München-Freising-Missbrauchsstudie, die auch den Ex-Papst Ratzinger belastete.
Dazu kamen weithin diskutierte Themen wie die Inkompetenz von Kardinal Woelki,
der „Synodale Weg“ und die Rückmeldungen dazu, dass es eh egal ist, was die
nationalen Versammlungen beschließen, und so weiter. Für 2021 wähle ich daher
0,5 und für 2022 0,75 als Skandal-Wert.</p>

<p>Das neue Modell wurde mit dem Grad der Säkularisierung (nicht-katholischer
Bevölkerungsanteil im Vorjahr) und der Skandal-Bewertung erstellt. Auf die
Austritte im Jahr davor habe ich verzichtet, um ein einfacheres Modell zu
erhalten, und weil das Modell mit den Austritten nicht besser wurde.</p>

<p><img src="/bilder/2023/vorhersage_austrittsrate_saekul_skandale.png" alt="Diagramm: Vorhersage der Austrittsrate mit dem Grad der Säkularisierung und
den Skandal-Indikatoren" /></p>

<p>Dieses Modell gibt den Verlauf endlich etwas besser wieder: Den langsamen
Anstieg vor 2010, die Spitzen in Skandal-Jahren, das höhere Niveau seit 2011 und
den steilen Anstieg der letzten Jahre. Das Bestimmtheitsmaß ist 0,908, also
deutlich höher als wir bisher gesehen haben. Dies ist ein gutes Modell.</p>

<p>Natürlich kann man über die genaue Festlegung der Skandal-Verhältnisse
diskutieren. Und wir müssen der Versuchung widerstehen, die Werte ab 2010 auf
Basis des Diagramms feiner einzustellen, um die Kurve besser zu treffen: Die
Maßzahl der Skandalisierung sollte unabhängig vom Modell und vom Diagramm
bestimmt werden, nicht willkürlich, nur damit das Diagramm für alte Daten besser
aussieht.</p>

<p>Selbst wenn man auf die „willkürliche“ Festlegung der Skandal-Werte seit
2010 verzichtet und einfach 0,3 für alle Jahre seither setzt, ist das Modell
noch deutlich besser als die früheren und hat einen sinnvoll erscheinenden
Verlauf, nur dass es die höheren Austritte der letzten beiden Jahre nicht
vorhersagt.</p>

<p>Ich bleibe also beim dargestellten Modell. Es ist auf Basis von plausiblen
Überlegungen entstanden und erklärt das Phänomen gut. Und damit ist auch eine
Vorhersage für 2023 schon während des Jahres möglich.</p>

<p>Für 2023 würde ich 0,4 als „Skandal-Faktor“ ansetzen. Es gab einiges an
Kritik an der Kirche, seltsame Äußerungen des Papstes und so weiter, aber keine
krassen Fälle oder Diskussionen. Es ist die Frage, ob die Rekord-Austritte im
Vorjahr besonders ins Gewicht fallen, und viele andere zum Austritt verleiten.
Dann wäre ein höherer Faktor angemessen.</p>

<p>Mit 0,4 ergibt das Modell 65.995 Austritte. Mit 0,7 wären es 77.502. Mal sehen,
was dem echten Ergebnis nahe kommt. Sollten die Austritte weiter deutlich
steigen, haben wir ein Phänomen, das wir noch genauer untersuchen müssen – etwa
einen exponentiellen Faktor bei der Beschleunigung der Säkularisierung.</p>

<h2 id="fazit">Fazit</h2>

<p>Es hat sich gezeigt, dass die Austritte aus der römisch-katholischen Kirche sich
nicht mit einer einzigen Begründung erklären lassen. Erst die Kombination von
zwei gut überlegten und plausiblen historischen Kennzahlen hat zu einem
annehmbaren Modell geführt, das allerdings nur fürs laufende Jahr verwendbar ist
und einiges an subjektiven Einschätzungen erfordert.</p>

<p>Längerfristig können wir nur sagen, dass die Austrittsrate ziemlich
kontinuierlich steigt, was für eine Weile noch zu Rekordzahlen bei den
Austritten führen wird. Wann diese Entwicklung aufhört oder die Richtung ändert,
lässt sich derzeit mit statistischen Methoden nicht vorhersagen.</p>

<p>Die historische Begründung der Austritte durch die Bischofskonferenz hat sich
nicht wirklich bestätigen lassen: Sie ist angesichts der internationalen
Entwicklungen und auch durch die fehlende Abbildung von Austritts-Spitzenjahren
weder plausibel noch ausreichend. Das bedeutet aber auch, dass die Kirche ohne
genaue Kenntnis der Austrittsgründe arbeitet oder diese nicht offen
kommuniziert.</p>

<p><a href="/assets/analyse-daten-Rskript.zip">Daten und Analyseskript zum Herunterladen</a></p>]]></content><author><name>Balázs Bárány</name></author><category term="Austritte" /><category term="Katholisch" /><category term="Statistik" /><summary type="html"><![CDATA[Was verursacht Kirchenaustritte? Es gibt dazu verschiedene Ansichten. In diesem Artikel soll mit statistischen Methoden, aber allgemein verständlich versucht werden, mögliche Ursachen zu prüfen und den Verlauf der Austritte aus der römisch-katholischen Kirche Österreichs besser zu verstehen.]]></summary></entry></feed>