7.000 oder 20.000 Menschen bei christlicher Demonstration?
Am 19. September 2026 fand in Wien nach zehn Jahren wieder ein Marsch für
Jesus
statt. Die Veranstalter sprachen von 20.000 Teilnehmer:innen,
unabhängige Zählmethoden ergeben nicht einmal die Hälfte davon.
Menschenmengen zählen ist eine schwierige Aufgabe, und nach jeder Demonstration oder offen zugänglicher Veranstaltung kann es Diskussionen geben: Wie viele Menschen waren da? Häufig gibt es eine Schätzung der Polizei, eine deutlich darüber liegende Schätzung der Veranstalter, und dann vielleicht noch weitere von Medien und unbeteiligten Beobachter:innen.
Noch komplizierter wird es, wenn die Veranstaltung aus unterschiedlichen Teilen
besteht. Zum Marsch für Jesus
luden die Veranstalter auf den
Schwarzenbergplatz ein, wo eine Bühne, Informationsstände und Essens- und
Getränkestände standen. Um 13:30 begann der eigentliche Marsch, in drei Stunden
um die Ringstraße (ca. 6 km). Nach der Ankunft um 16:30 gab es noch bis in den
späten Abend Programm für jene, die sich christliche Rapper abwechselnd mit
Gebeten und Predigten anhören wollten.
Wie ermittelt man also die Teilnehmer:innen-Zahl? War der Marsch die Hauptveranstaltung, zählen nur die Menschen, die wirklich mitgegangen sind? Was ist mit den paar hundert Freiwilligen und Besucher:innen, die währenddessen am Schwarzenbergplatz blieben?
Pressekonferenz
Am 9. September, zehn Tage vor dem Marsch, fand in einem Gebäude der Erzdiözese Wien eine Pressekonferenz zum Marsch statt. Ich habe mich im Namen des Radio-Athikan-Podcasts angemeldet, die Anmeldung wurde bestätigt.
Hauptorganisator Johannes Unosson, der den 19. September als wichtigsten Tag des Jahres bezeichnete, gab an, dass er mindestens 10.000 Menschen erwarte und für mehr bete. Das Potenzial seien 100.000, aber dafür sei auch aus seiner Sicht Gottes Eingreifen notwendig.
Veranstaltungsanmeldung und sanitäre Vorgaben
Die Wirtschaftskammer Wien betreibt eine Verkehrsinfo
, in der zum
Beispiel Straßensperrungen verzeichnet sind. Da der Marsch über den Ring führte,
wurde er als angemeldete Demonstration erfasst. Und darin finden wir die Angabe
Teilnehmende: Ca. 2.500 laut
Anmeldung.
(Archiv-Link)
Offensichtlich hat die Wirtschaftskammer Zugang zum System, in dem die
Veranstaltungs- und Demonstrations-Anmeldungen erfasst sind, da die Angabe der
angemeldeten Teilnehmer:innen standardmäßig angeführt ist.
Es ist für die Planung von Veranstaltungen aus vielen Gründen wichtig, realistische Zahlen anzugeben. Die Polizei muss die Veranstaltung sichern und begleiten, zusammen mit den Verkehrsbetrieben den öffentlichen und privaten Verkehr umleiten und dafür sorgen, dass das Recht auf Demonstrationsfreiheit gewahrt bleibt. Die Stadt ist daran interessiert, dass andere Dinge weiter funktionieren, z. B. die kurzgeführten Straßenbahnen sich nicht in der provisorischen Endstation sammeln und so weiter. Und schließlich wollen verantwortungsbewusste Veranstalter, dass es den Teilnehmer:innen selbst gut geht. Wenn ein gefährliches Gewitter erwartet wird, sagt man ab, wenn die Sonneneinstrahlung zu stark ist, sorgt man vielleicht für Sonnenschutz oder empfiehlt zumindest, diesen selbst mitzunehmen, und so weiter. Und zum leiblichen Wohl bei einer Veranstaltung, die bis zu zehn Stunden lang besucht werden kann, gehören nicht nur Essen und Trinken, sondern auch sanitäre Anlagen.
Das Wiener
Veranstaltungsgesetz
schreibt vor, dass die Veranstaltungsanmeldung die Höchstzahl der
gleichzeitig und insgesamt anwesenden Besucherinnen bzw. Besucher sowie der
sonst anwesenden Personen
enthalten muss (§ 16 1.2.c) Ab 5.000
Besucher:innen ist ein Sicherheits- und Sanitätskonzept
vorzulegen (§ 16
3.7). Der Marsch hat 2.500 Menschen als Höchstzahl angemeldet, musste
somit kein solches Konzept vorlegen. Und es hat offensichtlich keine
Konsequenzen, wenn man bei der Pressekonferenz den vierfachen Wert der
Höchstzahl
nennt.
Die Stadt Wien schreibt keinen Schlüssel für die Anzahl von Toiletten abhängig
von der Teilnehmer:innen-Zahl vor. In der Veranstaltungsverordnung der
Steiermark
gibt es präzisere Angaben: Die Anzahl der Toiletten ist jedenfalls
ausreichend, wenn für die erwarteten Teilnehmer für je 50 Frauen und je 100
Männer eine WC-Zelle und für je 50 Männer überdies ein Pissoir vorhanden
ist.
(§ 29). Dies ist ein Richtwert und kann bei Bedarf unterschritten
werden.
In anderen Quellen werden für eine längere Veranstaltung (wie den Jesusmarsch mit anschließendem Konzert) jeweils eine Toilette pro 50 bis 75 Besucher:innen empfohlen. Das ergibt für die angemeldeten 2.500 Personen 33 bis 50 Toiletten. Um die Ringstraße herum gibt es zwar Gastronomie, wo einzelne Teilnehmer:innen des Marsches bei Bedarf wohl einkehren konnten, aber am und um den Schwarzenbergplatz herum nicht so sehr. Daher hat der Veranstalter Plastik-Toilettenzellen anliefern lassen, und zwar 20 Stück.
Statt 33 bis 50 empfohlenen Toiletten für 2.500 Teilnehmer:innen laut Anmeldung also nur 20. Das Vertrauen in die mindestens 10.000 Teilnehmer:innen bei der Pressekonferenz wirkte eigentlich sehr groß. Das hätte allerdings 133 bis 200 Toiletten am Schwarzenbergplatz ergeben. Schwer auszudenken, wo die alle Platz gehabt hätten.
Hier gibt es also bereits eine Diskrepanz zwischen der Anmeldung (die laut
Gesetz die Höchstzahl beinhalten müsste), der Anzahl der bereitgestellten
Toiletten und der Mindestzahl bei der Pressekonferenz. Alles Dinge, die vor
dem Marsch bereits bekannt waren. Und es ist zwar möglich, dass die Behörden die
unerwartete
Überschreitung der Anmeldung tolerieren, aber die
Toiletten bilden ein sehr reales Bedürfnis ab. Hier die Empfehlung so stark zu
unterschreiten ist fahrlässig und gegenüber den eigenen Besucher:innen nicht
sehr freundlich. Das ist eine sch…lechte Situation und führt zu langen
Schlangen, einem schlechten Zustand der Toiletten und spätestens wenn es dunkel
wird zu unerwünscht “gedüngten” Bäumen in der Umgebung.
Zählung oder Schätzung
Eine Menschenmenge, die einige dutzend Personen übersteigt, kann man ohne technische Hilfsmittel nicht mehr zählen. Für eine Schätzung braucht man einen Überblick, zum Beispiel eine erhöhte Position, und Erfahrung. Diese Erfahrung kann man der Polizei zutrauen, die öfter mit Veranstaltungen in Demonstrationen zu tun hat. Aber auch da muss die Schätzung durch eine genauere Angabe validiert werden.
(Apropos technische Hilfsmittel: Die Polizei besitzt Fahrzeuge mit bedrohlichen
Kameraaufbauten und begleitet damit linke Demos regelmäßig. Mit den heutigen
Möglichkeiten wäre damit tatsächlich eine Zählung und Identifizierung von
Menschen möglich. Aber bei der christlichen Demo kommen diese Fahrzeuge nicht
zum Einsatz.
Wäre das Motto nicht Jesus Christus ist Herr über Österreich
gewesen,
sondern Allah ist Herr…
, hätten wir diese Fahrzeuge sicherlich gesehen.)
Man kann statt Schätzen etwas methodischer vorgehen. Genau dies habe ich gemacht: Von der Parlamentsstiege aus erhöhter Position den Anfang des Marsches beobachtet und damit die Anzahl der Personen nebeneinander zählen können. Ganz vorne waren es 12 Menschen ziemlich eng nebeneinander, dahinter wurde es lockerer. Mit dieser Angabe (12 wenn eng, 10 wenn weniger eng) habe ich dann Reihen gerechnet (8 bis 10) und so versucht, ungefähr 100-er-Blöcke zu identifizieren und sie zu zählen. Das ergab 7.000 Menschen beim Marsch.
Es ist anstrengend, dies über die Dauer der Demo durchzuhalten, es gibt alle möglichen Ablenkungen, Phasen mit weniger Menschendichte, Demofahrzeuge mit christlicher Rockband usw. Die 7.000 sind ausdrücklich nur ein Anhaltspunkt. Weniger sind es ziemlich sicher nicht, mehr können es durchaus sein. Aber höchstwahrscheinlich nicht zweimal und keinesfalls dreimal so viele.
Ob die Veranstalter auch so methodisch vorgingen, schreiben sie nirgends. Wie
ihre Schätzung von 20.000 Teilnehmer:innen entstanden ist, wissen wir also
nicht. Der Unterschied ist jedoch zu groß, um mit der selben objektivierbaren
Methode entstanden zu sein. Natürlich übernahm Kathpress ungeprüft die Angabe
der Veranstalter, woraus Boulevardmedien gerne mindestens 20.000
machten.
(Der Marsch listet unter den
Medienberichten das Krawallmedium OE24 mit
diesem Zitat.)
Das Problem mit diesen Angaben, egal wie gewissenhaft man gezählt oder geschätzt hat, ist die fehlende Intersubjektivität. Die Zahl ist letztendlich in den Köpfen einzelner Menschen mit all ihren Erwartungen, ihrem Hintergrund und ihrer Motivation entstanden und ist erst einmal auch nur für sie nachvollziehbar. Bei der Religionskritik haben wir die sehr klare Position, dass genau solche Wahrnehmungen keine für andere Menschen verwertbare Evidenz sind. Insofern hat jede:r das Recht, meine 7.000 nicht zu glauben, so wie ich die 20.000 nicht glauben muss.
Bei den meisten Demonstrationen hört die Diskussion trotzdem an diesem Punkt auf, die Medien melden die Angabe der Veranstalter:innen und manchmal auch noch die meistens deutlich niedrigere Zahl der Polizei.
Flächenbasierte Analyse
Das müsste jedoch nicht sein. Menschen brauchen Platz beim Stehen und beim Gehen, und es gibt Erfahrungswerte, wie viele von ihnen pro Quadratmeter bei welcher Tätigkeit und welchem Gedränge-Grad zu rechnen sind. Dazu kommt die leichte Verfügbarkeit von Geoinformationssystemen und Kartenmaterial. Wenn wir also wissen, welchen Raum die Menschen bei der Veranstaltung einnahmen, können wir Zahlen erhalten, die auch für andere nachprüfbar sind.
Wir haben die Ankunft des Marsches am Schwarzenbergplatz nach ihrer Ring-Umrundung beobachtet. Die Menge hat sich vor der Bühne verbreitert, die Reihen sind nachgerückt. Als alle ankamen, sahen wir genau, wo die Hintersten standen.
Der Schwarzenbergplatz ist nicht sehr groß und war mit Bühne, Infostand,
Gastroständen und weiteren Aussteller-Ständen auch schon recht voll. In einem
Video der Organisatoren ist ab
der 16. Sekunde eine Skizze zu sehen. Darin sind übrigens auch die 20
Dixie-WCs
dokumentiert. Die größte Menschenmenge stand klarerweise
vor der Bühne; einige gingen wohl zu den Toiletten, um sich anzustellen. Sonst
wird der Platz vom Springbrunnen und dem Denkmal dominiert, auf den Wegen im
Park standen auf beiden Seiten Aussteller. Viel Platz war also sonst nicht.
Man kann zwar auch selbst in einem Geoinformationssystem wie QGIS die Fläche einzeichnen, ihre Ausdehnung in m² berechnen lassen und dann auf Personen umrechnen, aber es gibt einen einfacheren, selbst überprüfbaren Weg ohne GIS-Kenntnisse und Spezialsoftware. Ein MapChecking • Crowd counting tool ermöglicht, die Fläche, auf der die Menschen standen, auf der Karte einzuzeichnen und mit einem Schieberegler die Dichte einzustellen.
Der angegebene Link zeigt bereits den Schwarzenbergplatz mit der Verteilung der Menschen, die vom Marsch zurück eingetroffen sind. Die Crowd density ist mit 3,35 Menschen pro Quadratmeter auf einen ziemlich hohen Wert gestellt. Auf späteren Videos der Feier stehen die Menschen bereits lockerer. Die Berechnung ergibt 8.844 Menschen. Insofern sind bis zu 9.000 Teilnehmer:innen plausibel. Wären es deutlich mehr, wäre die Menge weiter nach hinten gestanden, was eben nicht der Fall war. Wer möchte, kann durch Ziehen der Eckpunkte eine Verteilung auf der Straße modellieren und damit ausprobieren, wie weit die Menge nach hinten stehen hätte müssen, um auf 20.000 Menschen zu kommen. Im Norden Richtung Ring wird der Platz schmäler, die dicht gepackte (!) Menschenmenge wäre noch bis zur nächsten Kreuzung gestanden und hätte nichts von der Bühne gesehen und gehört.
Ideal wären natürlich Drohnenaufnahmen, auf denen die Menschenmenge von oben sichtbar ist, aber der größte Teil von Wien ist für Drohnenflüge gesperrt.
Ein Vorteil der Methode ist ihre Überprüfbarkeit. Man muss nur vor Ort entstandene Bilder mit der Verteilung auf der Karte vergleichen. (Der Youtube-Kanal des Marsches hat ein Video, das am Ende die Ankunft zeigt.) Ideal ist dabei, sie so aufzunehmen, dass eindeutige, auch auf der Karte eingezeichnete Objekte wie z. B. Häuser identifizierbar sind. Dann muss man nur mehr einstellen, wie dicht die Menge stand (auf den Videos auch gut zu sehen), und erhält eine nachvollziehbare Zahl, die zusammen mit den zugrundeliegenden Fakten überprüft werden kann.
Fazit
Die gesetzlich als Höchstzahl zu nennende Menge wurde in der
Veranstaltungsanmeldung mit 2.500 Menschen angegeben. Die Anzahl der
aufgestellten Toiletten entspricht nur 1.000 bis 1.500 Menschen.
Das mag vielleicht die Anfangsplanung gewesen sein, die später im Laufe der Zeit
mit immer mehr Zusagen nach oben ging, sodass die Veranstalter 10.000 als
Mindestzahl mit viel Potenzial nach oben nennen konnten. Das Wetter war optimal,
eine Unterschreitung der 10.000 wäre also sehr peinlich gewesen. Außerdem gab es die
Vorlage aus 2016 mit bis zu 18.000
Teilnehmer:innen. Dass letztendlich
20.000 Teilnehmer:innen genannt werden, ist menschlich verständlich.
Das Problem damit ist nur, dass die Schätzung ohne kommunizierte Methode stattfand, nicht einmal die schätzende Person wird genannt. Ein methodisches Vorgehen, die Zählung von ungefähren Hundertergruppen, ergab 7.000 Menschen während des Marsches. Die davon unabhängige, extern überprüfbare Berechnung auf der Karte etwas unter 9.000. Die Veranstalter werden das nicht gern hören, weil das unter ihrer angegebenen Mindestzahl bleibt und gegenüber den (wohl auch der Fantasie entspringenden) Zahlen des Marsches 2016 ein starker Rückgang ist.
Hier steht nicht einmal Aussage gegen Aussage, sondern Aussage gegen nachprüfbare Zahlen. Vielleicht wird die realistische Angabe 7.000 bis 9.000 ja in zehn Jahren ganz nützlich sein, wenn man sich den nächsten Marsch mit einer noch höheren Teilnehmer:innenzahl vorstellt.