Wachsen eigentlich die Freikirchen?

Es heißt öfter einmal in der öffentlichen Diskussion: Ja, es mag ja viel Austritte aus den alten Kirchen geben, aber dafür wüchsen die Freikirchen (Evangelikalen, Pfingstkirchen, Baptisten, …) ja exponentiell oder stark.

Das kann man behaupten, und aus der Innenwahrnehmung schaut es vielleicht aus so aus. Es zu belegen ist aber eine anderes Thema. Und da zeigen die verfügbaren Zahlen etwas anderes.

Einmal wie die Großen

Die ganze Diskussion wäre nicht notwendig, wenn es regelmäßig veröffentlichte Statistiken mit Erklärungen (z. B: Wer gehört dazu, wie wird gezählt) gäbe. Das ist keine Hexerei, die evangelischen und die römisch-katholische Kirche schaffen es ja auch. Sogar die Neuapostolische Kirche, in Österreich mit weniger als fünftausend Mitgliedern eine anerkannte Religionsgesellschaft, gibt in ihrem Jahresbericht die Zahl der Mitglieder bekannt.

Es ist sowieso völlig unverständlich, wieso Körperschaften Öffentlichen Rechts (Rechtsform der anerkannten Religionsgesellschaften in Österreich) nicht verpflichtet sind, ihre Mitgliederzahl zu veröffentlichen. Sie haben Zugang zum Meldewesen, bekommen Informationen über Religionsaustritte, dürfen Schulen und Krankenhäuser betreiben und Seelsorge anbieten. Wer, wenn nicht sie, kann die Daten ihrer Mitglieder erheben?

Bei den ehemals zwei großen Kirchen ist es noch halbwegs klar: Sie erwarten die Taufe von Säuglingen, sehen dies gleichzeitig als Eintritt an, und schreiben den Kirchenbeitrag vor. So überrascht es nicht, dass sie daran interessiert sind, jedes Mitglied zu erfassen.

Die Freikirchen Österreich teilen sich in fünf Bünde auf, die ihrerseits die einzelnen Kirchen oder Gruppen von Kirchen enthalten. Sie betreiben eine Mitgliederverwaltung unter anderem für die Erfassung von Spenden, die sie als verpflichtende Religionsbeiträge zur Absetzung von der Einkommenssteuer ans Finanzministerium melden.

Sie könnten also schon machen, was die etwas größeren Gemeinschaften tun: Jährlich die Anzahl der Mitglieder bekanntgeben, Ab- und Zugänge inkl. Austritte und so weiter. So schafft man Vertrauen. Ja, es gibt Austritte aus Freikirchen, das ergeben Jahr für Jahr Informationsfreiheitsanfragen an die Bezirkshauptmannschaften, in denen die Austritte stattfinden. Diese werden von den Ämtern an die Kirchen gemeldet. Würden die Freikirchen einige Jahre lang zuverlässig diese Zahlen publizieren, ergäbe sich eine gute und glaubwürdige Grundlage für die Aussage die Freikirchen wachsen.

Das wäre also der ehrlichste und leichteste Weg, ein Wachstum tatsächlich darzustellen. Aber bisher Fehlanzeige auf den Websites der Freikirchen und ihrer Bünde.

Beim Kultusamt, der Aufsichtsbehörde der Religionsgemeinschaften, wird man fündig. Das ist so nah an offiziell, wie es in Österreich geht. In der Broschüre Religionen in Österreich, Ausgabe 2025, steht, dass die Freikirchen in Österreich ca. 18.000 Mitglieder haben. In der Ausgabe 2023 waren es noch ca. 18.650. Das ist ein Rückgang um 3,4 % in zwei Jahren, kein Wachstum.

Was ist eine Freikirche?

Eine genaue Definition gibt es nicht. Üblicherweise wollen christliche Gemeinschaften, die nicht zu einer der traditionellen großen Konfessionen gehören, so bezeichnet werden. Typischerweise handelt es sich um Gruppen, die

  • evangelisch/evangelikal orientiert sind, also die Bibel als einzige Grundlage ihres Glaubens ansehen

  • an die freie, informierte Entscheidung für die Taufe glauben, also baptistisch sind

  • eine gewisse Unabhängigkeit von anderen historischen christlichen Konfessionen anstreben.

In Österreich mussten sie für die Anerkennung ein Gebilde schaffen, in dem sie 0,2 % der Bevölkerung, also damals etwa 17.500 Mitglieder nachzuweisen hatten. Dies haben sie entgegen ihrem Grundsatz der freien Entscheidung für die Taufe nur geschafft, indem sie ihre Kinder mitgezählt haben. Das ist rechtlich gedeckt, da in Österreich die Religion der Kinder bis 14 Jahren durch die Eltern bestimmt wird. Der Nachweis der Anzahl für die Anerkennung ist gelungen, also muss es um 2014 herum tatsächlich eine Mitgliederliste gegeben haben.

Zusätzlich gibt es, um das Bild weiter zu verkomplizieren, einzelne Freikirchen in Österreich, die sich nicht den Freikirchen in Österreich angeschlossen haben und damit auch nicht Teil der anerkannten Religionsgesellschaft sind. Sie haben die Vorteile der Anerkennung (z. B. die Möglichkeit, Religionsunterricht anzubieten) wohl bisher nicht als ausreichend groß erachtet, um einen Teil ihrer Selbstständigkeit und ihrer Finanzen an eine Zentrale abzugeben.

Weiters soll die Pfingstkirche Gemeinde Gottes um Anerkennung angesucht haben. Dieses Netzwerk aus Gemeinden mit großteils rumänischem Hintergrund meint also, die heutzutage notwendigen mehr als 18.000 Mitglieder erreicht zu haben.

Darüber hinaus gibt es sicherlich Leute, die sich zwar als christlich sehen und deren Ansichten sich mit Freikirchen decken, die aber nicht den Wunsch oder die Gelegenheit haben, in eine Kirche zu gehen oder sich als Mitglied zu registrieren. Für die Fragestellung Wachsen die Freikirchen? sind sie ohne Zugehörigkeit und Gottesdienstbesuch aber auch nicht relevant.

Damit kommen wir auf eine halbwegs dokumentierte Anzahl von etwas über 40.000 in Österreich lebenden freikirchlichen Menschen. Etwas unter 20.000 in den Freikirchen Österreichs, einige hundert oder tausend in den freien Freikirchen, nochmal etwa 20.000 Mitglieder der Gemeinde Gottes, und eben die nicht erfasste, nicht dazu gehörende Gruppe. Das ist kein belegbares Wachstum, wir wissen ja nicht, ob in der noch nicht anerkannten Pfingstkirche früher mehr oder weniger Menschen waren. Aber vielleicht werden die in Konkurrenz stehenden Organisationen irgendwann anfangen, ihren Mitgliederstand tatsächlich zu veröffentlichen. Oder zumindest alle paar Jahre dem Kultusamt bekanntzugeben.

Um 40.000 Mitglieder in Relation zu einer anderen bekannten Größe zu setzen: Die römisch-katholische Kirche in Österreich verliert jedes Jahr mindestens doppelt so viele Mitglieder. Gäbe es eine nennenswerte Bewegung von der katholischen Kirche zu den Freikirchen, würde man das merken. Dies ist sehr offensichtlich nicht der Fall.

Die bereits erwähnte Neuapostolische Kirche könnte man auch als Freikirche zählen. Sie ist in einigen Lehren nah an den Freikirchen dran und kann hier als Beispiel einer ähnlichen kleinen Kirche dienen. Sie veröffentlicht Jahresberichte und dokumentiert in ihnen auch die Anzahl der Mitglieder. In Österreich nahm diese zwischen 2024 und 2025 um 30 auf 5.074 Mitglieder ab. Also auch hier: Kein Wachstum.

Souveräner Umgang mit Zahlen

In einem Interview sagte Peter Zalud, der damalige Vorsitzende der Freikirchen im September 2025, dass die Zahl der eingetragenen Mitglieder sich auf rund 25.000 belaufe. Warum weiß das Kultusamt das nicht?

Und er machte auch eine andere Aussage, die den Vorteil hat, unabhängig überprüfbar zu sein. Zalud sprach von rund 35 anstehenden neuen Gemeindegründungen.

Das war eine gute Gelegenheit, die Anzahl der Gemeinden auf der Website der Freikirchen Österreichs zu erfassen und dies monatlich zu wiederholen. Am 15. 9. waren 231 Gemeinden gelistet. Was anstehend ist, kann man nicht so genau definieren, aber ein halbes Jahr später, im März 2026 waren es 237 Gemeinden. Sechs Gemeindegründungen in sechs Monaten, weit von rund 35 entfernt. Jetzt, ein Jahr später, sind 241 Gemeinden erfasst. Weniger als eine Gemeindegründung pro Monat, bei rund 35 anstehenden neuen Gemeindegründungen: Das schafft kein Vertrauen in die Kommunikation von Zahlen.

Internationaler Vergleich

Aus Österreich bekommen wir also keine verlässlichen Zahlen. International sieht es etwas besser aus.

Deutschland

Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland fowid hat eine relativ aktuelle Aufstellung zu den kleineren Religionsgemeinschaften. In der Auflistung sind auch die Altkatholische Kirche, die jüdischen und jesidischen Religionsgemeinschaften, aber auch z. B. die Zeugen Jehovas enthalten, die in Österreich nicht zu den Freikirchen zählen.

Dort zeigt sich, dass einem starken Rückgang bei der Neuapostolischen Kirche (70.000 Mitglieder = 20 % in zwanzig Jahren) einige kleinere Zugewinne in anderen Gemeinschaften gegenüberstehen, die Mitgliedschaft insgesamt aber schrumpft.

Hier betrachten wir nur die Gemeinschaften, die eher dem Profil der Freikirchen in Österreich entsprechen dürften:

Bund evangelischer Freikirchlicher Gemeinden – Baptisten; Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden; Evangelisch-methodistische Kirche (in Österreich Teil der evangelischen Kirchen); Bund freier evangelischer Gemeinden; Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche; Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen; Evangelische Brüder-Unität Herrenhut; Mühlheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden; Reformiert-apostolischer Gemeindebund; Heilsarmee

In Summe hatten diese Gruppen 2005 (oder im ersten Jahr danach, für das Zahlen bekannt sind) deutschlandweit 298.220 Mitglieder. Dies ist bis 2025 (bzw. zum letzten bekannten Jahr) auf 283.138 gesunken, ein Rückgang von 5 % in zwanzig Jahren (oder weniger, wenn nicht jedes Jahr Daten gemeldet wurden). Das ist auch kein Wachstum.

Man kann natürlich einzelne Gruppen herauspicken, z. B. die Pfingstgemeinden mit 53 % Wachstum. Das ist tatsächlich beeindruckend – aber gleichzeitig haben zahlenmäßig größere Gruppen in einem größeren Ausmaß Mitglieder verloren. Wer die Zahlen selbst analysieren möchte, findet sie in Tabellen bei fowid.

Ungarn

Der östliche Nachbar Österreichs fragt in der Volkszählung nach der Religionszugehörigkeit, es stehen also relativ präzise Zahlen für einzelne Gruppen zur Verfügung.

Hier sind die Änderungen zwischen den Volkszählungen 2011 und 2022 für die relevanten Gruppen. Hit Gyülekezete (international: Faith Church) ist eine pfingstkirchlich orientierte, reaktionäre, sehr an der Politik der gescheiterten früheren Fidesz-Regierung von Viktor Orbán ausgerichtete, primär in Ungarn bekannte Freikirche. Auffällig ist das Wachstum der anderen christlichen Kirchen, über deren Ausrichtung wir jedoch nichts wissen.

Religionsgemeinschaft 2011 2022 Änderung
Unitarier 6.820 6.552 -3,9 %
Baptisten 18.211 17.662 -3,0 %
Methodisten 2.416 2.776 14,9 %
Pfingstkirchen 9.326 8.947 -4,1 %
Hit Gyülekezete 18.220 22.647 24,3 %
Andere christliche Gruppen 38.175 54.981 44,0 %
Summe 93.168 113.565 21,9 %

In Ungarn gibt es bei den klassischen den Freikirchen zurechenbaren Gruppen (Baptisten, Pfingstkirchen) also einen Rückgang, bei der ungarnzentrischen Faith Church Zugewinne, und bei unabhängigen, anderen Gruppen ein relativ starkes Wachstum. Dies vor dem Hintergrund der starken Förderung der christlichen Religionsgesellschaften unter dem Orbán-Regime.

USA

Die Vereinigten Staaten kann man getrost als Heimat der bei uns bekannten Form der Freikirchen bezeichnen. Dort nennt man unabhängige, meist baptistische und/oder evangelikale Kirchen non-denominational. Sie schließen sich für gemeinsame Aufgaben wie die Ausbildung von Kleriker:innen in losen Bünden zusammen, von denen die größte die Southern Baptist Convention ist.

Aber vielleicht nicht mehr lang. Wie andere Kirchen in den USA auch verliert die SBC mehrere hunderttausend Mitglieder im Jahr. Das ist relevant, weil diese Kirchen mit ihren Millionen Mitgliedern enorme finanzielle Ressourcen haben und mit ihren Themensetzungen weltweit die entsprechenden Gemeinschaften beeinflussen. Wenn ihnen immer weniger Mitglieder und Geld zur Verfügung stehen, werden sie sich mit ihrer Missionstätigkeit in die Heimat zurückziehen. Das bedeutet weniger Unterstützung für Freikirchen im Ausland, also etwa bei uns.

Damit zeigt sich in den USA ebenfalls kein Wachstum der Freikirchen, sondern ein spektakulärer Rückgang.

Fazit

Wir haben keinen Grund, in Österreich oder in Europa mit einem merkbaren Wachstum von Freikirchen (wie immer man sie definiert) zu rechnen. In Österreich zeigen ihre halboffiziellen Zahlen kein Wachstum, von der eventuell bald anerkannten zweiten Pfingstkirche gibt es auch nichts Verlässliches. In Deutschland gibt es insgesamt Rückgänge, mit wenigen Ausnahmen (Pfingstkirchen) – selbige verlieren wiederum in Ungarn Mitglieder. Und die USA, aus denen die Ideen und nach wie vor gelegentlich Missionar:innen oder Franchise-Konzepte (z. B. Hillsong) kommen, kämpfen selbst mit jährlichen Rückgängen in Größenordnungen, die in Europa mit der absoluten Zahl der Mitglieder solcher Kirchen vergleichbar sind.

Wer ein Wachstum von Freikirchen insgesamt behaupten will, hat also einiges zu belegen. Dort, wo wir hinschauen können, ist die Evidenz dafür widersprüchlich oder zeigt einen Rückgang, kein Wachstum.

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