Schnapsideen und Riesenkreuze

Dietmar Neuwirth darf in der Rubrik Glaubensfrage in der Presse (Eigentümerin: Die römisch-katholische Kirche in Österreich) unter der Überschrift Pinke Schnapsidee: Mahnmal zur Hexenverbrennung beim Papstkreuz Kritik an einem Vorschlag im Bezirksparlament der Donaustadt üben.

Aus der Verbalinkontinenz geht nicht klar hervor, wem genau Alkoholmissbrauch zu unterstellen sei.

Im Wiener Donaupark steht ein 40 Meter hohes Kreuz mit Gerüst und Spannseilen, das an den Besuch von Johannes Paul II. im Jahr 1983 erinnert, bei dem ca. 350.000 Menschen anwesend waren. 2010 sollte das Kreuz schon wegen Sicherheitsmängeln abgerissen werden, nach einer Einigung zwischen Stadt Wien und der Erzdiözese Wien im Jahr 2011 wurde es jedoch saniert – auf Kosten der beiden.

Grundsätzlich trägt der Staat (sinngemäß Bundesland, Bundeshauptstadt) Verantwortung für Bauten im öffentlichen Raum, insbesondere, wenn er sie mitfinanziert oder mit gesetzlichen Privilegien (Denkmalschutz) ausgestattet hat. Das gilt noch viel stärker, wenn es sich um ein Symbol einer Gruppe von Religionen handelt. Dass ein Bezirksparlament sich damit beschäftigt, ist also nicht nur Idee, sondern Pflicht.

Österreich ist ein Land ohne Staatskirche, der Staat (Bundesland, Stadt, Bezirk) hat sich religiös neutral zu verhalten. Leider steht das – anders als in vergleichbaren Demokratien – nicht so kompakt in einem einzelnen Gesetz, aber als übergreifendes Prinzip gilt es unüberschaubar und wird selbst von konservativen Politiker:innen vertreten, wenn es ihnen gerade in die Argumentation passt.

In einer Hauptstadt, deren Bevölkerung zur Hälfte konfessionsfrei ist und nur mehr ca. ein Drittel einem Sammelsurium christlicher Kirchen angehört, kann man ein 40 Meter hohes Kreuz im öffentlichen Raum, das aus Steuergeldern saniert und gewartet wird, unnötig, problematisch und anstößig finden. Für die Anbringung von Folterdeko gab und gibt es in Österreich wahrlich genug Möglichkeiten, die in den letzten Jahrhunderten auch reichlich zur Markierung des öffentlichen Raums genutzt wurden. Man könnte also die Sinnfrage insgesamt stellen. Ist ein mehr als zehn Stockwerke hohes Altmetall-Gebilde doch auch ein Zeichen für christliche Dominanz, die wir hinter uns lassen sollten? Könnte man den Ort auch ganz anders gestalten, ohne an einen Ponzifex zu erinnern?

Natürlich gibt es Menschen, die sich diese Fragen nicht stellen. Einmal Kreuz, immer Kreuz. Am besten von allen gemeinsam bezahlt. Ob die im Beitrag mehrfach genannte psychoaktive Substanz bei dieser Ansicht eine Rolle spielt, kann nicht abschließend geklärt werden. Eigentlich ist Platz in Printmedien begrenzt, diese Nennungshäufigkeit scheint also schon eine Relevanz zu haben. Andererseits kann man damit auch die Spalte vollschreiben, wenn man nicht genug zu sagen hat.

Eine andere, häufigere Begründung für solche Ansichten nennen wir religiösen Nationalismus, hier in der christlichen Ausfertigung. Journalist:innen sind häufig recht gut darin, solche Strukturen in anderen Ländern zu erkennen. Im eigenen Land merkt man den Balken in den eigenen Augen jedoch eher selten. Religiöse Scheuklappen sind mächtig.

Was will christlicher Nationalismus unter der falschen Vorstellung, Österreich sei ein christliches Land? Zum Beispiel: Öffentlicher Raum soll nicht neutral sein, der Staat soll sich ruhig mit einer – der richtigen – Religion identifizieren und ihre Ausübung, ihre Symbole auch finanziell fördern. Kritik daran kann einfach in die Nähe von Drogenmissbrauch gerückt werden.

Das Kreuz, ursprünglich als Installation nur für die Dauer des Papstbesuchs gedacht und entsprechend langlebig gebaut, ist stehen geblieben und wurde baulich sowie juristisch mit dem Denkmalschutz einzementiert. Die aktuelle Gestaltungsfreiheit der Politik erstreckt sich daher auf die Kontextualisierung der aus vielen Gründen problematischen Installation. Und genau das ist der Vorschlag.

Über die vorgeschlagenen Gedenktafeln kann man sicherlich diskutieren. Das ist genau die Aufgabe der Politik. Herrn Neuwirth stört eine Gedenktafel für die letzte Frau, die in Mitteleuropa Opfer des christlichen Terrors gegen (meistens) Frauen geworden ist, und möchte suggerieren, dass das nichts mit dem Papstbesuch zu tun hätte, weil das in einem protestantischen Gebiet geschehen sei. Aber die Beziehung zum Papst stellt dann doch er selbst her, während die Neos-Politikerin das Kreuz insgesamt kontextualisieren will.

Es gäbe noch ein paar Ideen für Gedenktafeln. So wie seine mittlerweile drei Nachfolger hat auch Johannes Paul II. mit konkretem Wissen über die Taten Missbrauchspriester über Regionen verschoben. Mindestens einen nach Österreich. Er hat eine Mitschuld daran, dass die römisch-katholische Kirche noch für Generationen im öffentlichen Bewusstsein mit Kindervergewaltigung verbunden sein wird. Da wäre eine Tafel durchaus angemessen.

Beliebt sind auch Hinweise auf die Finanzierung von öffentlichen Bauwerken. Die 4,7 Milliarden € nach heutigem Wert, die die Republik seit 1960 an Religionsgesellschaften ausgezahlt hat, ein Vielfaches davon für weitere religiöse Zwecke und die Subventionierung der Mitgliedschaft in einzelnen, aber nicht allen Religionsgesellschaften, das wäre im Sinn von Transparenz und Kontrolle über die Mittel von uns allen auch sehr attraktiv.

Der Begriff Schnapsidee ist wahrscheinlich nicht aus der Zeit gefallen. Aus der Zeit gefallen sind 40 Meter hohe schrottige Dominanz-Dekoartikel im öffentlichen Raum und die unkritische, herabwürdigende, aus dem vorletzten Jahrhundert hervorgekramte, aber vor allem dümmlich-inkompetente Verteidigung selbiger.

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