Predigt-Check: Life Church Vienna, Gianni Gaeta

Diesmal geht es um eine freichristliche Predigt aus einer kleinen Church in Wien. Pastor Gianni Gaeta greift ein interessantes Thema auf: Sei kein Opfer. Das ist eine positive, auch säkular humanistisch formulierbare Idee, und in der Predigt gut vorgetragen. Die Erzählung lässt sich biblisch belegen, und die Predigt umschifft mehr oder weniger geschickt die logischen Mängel und Widersprüche zu christlichen Kerninhalten.

Die Life Church Vienna ist eine freichristliche Kirche in Wien. Laut Homepage versteht sie sich als Bewegung mit stark reformatorischer Wirkung und dem Ziel, das verstaubte Bild von Kirche durch ein modernes zu ersetzen, Gott und seine bedingungslose Liebe den Menschen nahe zu bringen und den christlichen Glauben wieder relevant zu machen. Sie geben sich cool: Alles ist betont locker, alle sind per du, der (gemietete) Saal ist modern dekoriert. Sie verwenden regelmäßig englische Begriffe für ganz normale Dinge because it's cool. Gleichzeitig vertreten sie christliche Werte aus früheren Jahrhunderten: Sex vor der Ehe geht gar nicht, und eine Verbindung von zwei Frauen oder Männern würden sie auch nicht segnen.

Gegründet wurde die Life Church vom Pastoren-Ehepaar Gianni und Angela Gaeta. Die Bewegung hat bereits in mehreren österreichischen Städten Life Churches eröffnet. Da sie keine öffentlichen Mittel enthalten und keine Pflichtbeiträge vorschreiben, leben sie von Spenden der Mitglieder und sind ganz stark auf freiwillige Mitarbeit angewiesen, die durchaus zeitintensiv sein kann.

Die Life Church ist medial sehr aktiv, schon vor der Corona-Pandemie waren die Gottesdienste als Live-Stream und als Aufzeichnungen auf Youtube verfügbar – so auch diese Predigt.

Die Predigt: Opfer – Die Kraft, keines zu sein

Die Predigt vom 30. 10. 2021 steht auf Youtube. Mit aktuell 147 Aufrufen bewegt sie sich im üblichen Rahmen für Videos der Life Church.

Zuerst plaudert Pastor Gaeta ein bisschen: Wer in welcher befreundete Kirche wann predigt, wie sehr er selbst Kinder liebt, und wie gerne er sie segnet.

Die eigentliche Predigt beginnt bei 3:07. Herr Gaeta erklärt, dass das Thema alle betrifft und übt sanften Druck auf die Familienplanung der Anwesenden aus. Vor der Aufzeichnung wurde wohl besprochen, dass die Segnung einer Marie ansteht, vermutlich ein neu geborenes Baby.

Aber das, was ich heute anspreche, betrifft jeden von euch. Betrifft sogar die Marie. Und darum bin ich froh, dass die Marie in einer Church gross wird, wo es eine gewisse Mentalität gibt, die sichern wird, dass sie im Leben das erfüllen wird, wofür sie auf diesen Planeten gekommen ist. Marie und ihre fünf Geschwister, weiß nicht wie viele es sein werden [Gelächter im Publikum] … Nein? Vier? … Drei? [Lacht selbst]

So ein leiwander Pastor! Offensichtlich, dass er Kinder gerne segnet – und als gegeben annimmt, dass diese in der Kirche aufwachsen. (Die Life Church bietet ein eigenes Kinderprogramm während der Gottesdienste an, damit die Eltern auch schon ihre kleinen Kinder regelmäßig mitnehmen und an die Gottesdienste gewöhnen können.)

Ich lese aus dem Johannes-Evangelium über Jesus. Und will, bevor wir das tun, nochmal willkommen heißen, als Pastor dieser Church, die ganze Familie …

Es geht fast schon los. In der Life Church werden Neuankömmlinge von einem eigenen Welcome Team empfangen und persönlich begrüßt. Das ermöglicht die Begrüßung im Gottesdienst.

[In der Life Church sind wir] bemüht, zu hören, von Gott zu hören, Gott, was brauchst du, was hast du für uns, und das ist so eine Predigt. 4:29

Das Thema hat sich zwar humanistisch angehört, Herr Gaeta stellt aber gleich klar, dass er einen anderen Ansatz hat.

Johannes 10, 14 bis 19. Jesus spricht hier und er sagt:

Ich bin der gute Hirte […] und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören; und es wird eine Herde, ein Hirte sein. (Übersetzung: ELB)

Ich werde die Vorliebe mancher Christen dafür, als Schafe bezeichnet zu werden, nie verstehen. Dieses Wort hat in der Öffentlichkeit gerade in den letzten Jahren eine sehr spezifische Bedeutung bekommen, bezeichnete aber auch vorher schon das friedfertige, nicht sehr intelligente, vom Menschen ausgebeutete Herdentier, das ständige Aufsicht und Schutz braucht. Nur zwei Sätze davor schreibt auch die Bibel in Vers 12: der Wolf reißt sie und zerstreut sie.

Aber der Text kriegt doch noch die Kurve zum eigentlichen Thema der Predigt:

Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wiederzunehmen. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen. (Übersetzung: ELB)

Der Autor des Johannes-Evangeliums kündigt hier den bevorstehenden Tod Jesu als Menschenopfer angeblich aus freien Stücken an. Dieser Text steht in krassem Gegensatz zur Argumentation aller Kirchen in der Debatte um selbstbestimmtes Sterben – deren Standpunkt war ja, der Mensch habe eben keine Vollmacht, über den Zeitpunkt des Todes selbst zu entscheiden.

Wenn man zum Vergleich die anderen Evangelien heranzieht, merkt man, dass sie eine solche Vollmacht überhaupt nicht enthalten. Johannes ist das späteste von den anerkannten Evangelien, es wurde Jahrzehnte nach den anderen geschrieben, und die Entwicklung der Erzählung ist klar erkennbar.

Markus 14:33-34: Da ergriff ihn Furcht und Angst 34 und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. (EÜ)

Matthäus 26:37-38 übernimmt das fast wörtlich.

In Lukas 22:44 betet Jesus auch in seiner Angst und bittet davor in Vers 42: Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.

Wenn man menschliche Vollmacht über eigene Entscheidungen mit Jesus-Erzählungen belegen will, eignet sich Johannes eindeutig am besten. Dein Wille geschehe, Teil des täglichen Gebets vieler Christen, passt da sehr schlecht dazu.

Nach dem Zitat erzählt Herr Gaeta, dass er seit 35 Jahren Pastor ist und in der Seelsorge in der Zeit eine zentrale Sache gemerkt hat.

[Eines] der Dinge, die Menschenleben weh tun, Menschen entführen von ihrer Bestimmung, das, was am meisten Schicksale total durcheinanderbringt, Träume zerstört, alles Mögliche. Ich könnte weiter und weiterreden. … Ist das: Wenn der Mensch ein Opfer wird. [Pause] Wenn der Mensch Opfer wird. 7:34

Was ist ein Opfer? Der Duden gibt folgende passende Bedeutung an: jemand, der durch jemanden, etwas umkommt, Schaden erleidet. Zentral sind also die Fremdeinwirkung und der Schaden.

Zentrale christliche Lehren besagen, dass jeder Mensch durch Fremdeinwirkung (Sündenfall von UrahnInnen) zu Schaden gekommen ist, dass dieser Schaden durch ein notwendiges Menschenopfer teilweise behoben werden musste (wieder Fremdeinwirkung) und durch eine Weltende-Erwartung, in der wieder schlimme Dinge ausserhalb der eigenen Handlungsvollmacht geschehen sollen, vollständig repariert wird. Man wird also vom Christentum schon strukturell zum Opfer gemacht. Diesen Aspekt müssen wir für die aktuelle Predigt schnell vergessen.

Wisst ihr, das zweitbeste Geschenk, das Gott der Menschheit gemacht hat, – also ich bin einer der Leute, die glauben tatsächlich, dass wir nicht von den Affen kommen, sondern dass jemand sich etwas dabei gedacht hat, Menschen zu schaffen. 7:55

WTF? GIANNI! Das ist nach dem halbwegs vernünftigen Beginn eine Riesen-Enttäuschung. Eine Respektsperson, die im 21. Jahrhundert noch öffentlich kreationistische Lügen verbreitet. Das geht gar nicht. (Und es ist kein Anflug von so meine ich es eh nicht-Ironie erkennbar.)

… Das zweitgrößte Geschenk, das Gott an den Menschen gemacht hat, ist der freie Wille. Das erste Geschenk ist das Leben selbst. 8:10

Der freie Wille ist ein ganz wichtiges Konzept im christlichen Gedankengebäude. Er muß in erster Linie dafür herhalten, die erfundene Eigenschaftenkombination allgütig und allmächtig mit dem Problem, dass unschuldigen und guten Menschen schlechte Dinge widerfahren, vereinbaren zu können.

Die Behauptung, dies wäre ein Geschenk Gottes an die Menschheit, ist absurd und anmaßend. Menschen hatten schon lange vor der Erfindung von Jahwe und der Weiterentwicklung zum Dreidrittelgott der Christen ihren freien Willen.

Etliche Stellen der Bibel zeigen, dass Gott den freien Willen der Menschen nicht konsequent respektiert: Nach der neunten ägyptischen Plage will der Pharao eigentlich schon die Israeliten ziehen lassen, aber JHWH verhärtete das Herz des Pharao in 2 Mose 10:20. Beim Turmbau in Babel verwirrt der Vorhautsammler die Sprache der Menschen und zerstreut sie über die Erde – heute nennen wir so etwas kulturellen Genozid und Kriegsverbrechen. Den Zaubertrick mit den Sprachen wiederholt er zu Pfingsten in der Apostelgeschichte, indem der heilige Geist die Menschen erfüllt, also die direkte Kontrolle über sie übernimmt.

Jahwe befiehlt und verursacht immer wieder die Versklavung von Menschen oder heißt sie gut. Tatsächliche Ausübung des freien Willens wird regelmäßig schwer bestraft, buchstäblich beginnend mit Adam und Eva.

Vom ethischen Standpunkt aus gesehen: Ist ein Geschenk, dessen freie Verwendung zu Konsequenzen wie ewigen Höllenstrafen führen kann, nicht ein Danaergeschenk? Geschenk ist für dieses Konzept – das als menschliche Eigenschaft von GöttInnen komplett unabhängig ist – eindeutig das falsche Wort.

Wenn wir ein Opfer werden, wenn du Opfer wirst von jemand oder etwas, weißt du, was du machst? Du gibst das Lenkrad deines Lebens ab. Dann bist du nur Beifahrer. Weißt du, dass nicht einmal Gott das Lenkrad deines Lebens will? Ich enttäusche vielleicht manche Gläubige. Das ist etwas, was ich immer wieder sage. Es gibt Christen, die sagen: Gott will dein Leben führen, Gott will dein Leben lenken, Gott will, dass du seinen Willen tust. 9:30

Ein evangelikaler Pastor, der fürs humanistische Ideal, Verantwortung fürs eigene Leben zu übernehmen, plädiert, und dabei einer weitverbreiteten christlichen Ansicht widerspricht. Das ist zu begrüßen.

Wenn ich ein Zuhörer wäre, der nichts über Gott weiß, dann würde ich sagen, OK, dieser Typ ist ein Despot, er will nur lauter gehirnlose, hörige Menschen, die keinen Willen haben, und so weiter, aber es ist nicht so. Wenn das zweitbeste Geschenk Gottes an die Menschen der freie Wille ist, dann will er nicht dein Lenkrad. Er will, dass du es behältst. 10:04

Gut, dass Herr Gaeta so genau über die Wünsche Gottes Bescheid weiß. Ich wäre gespannt, wie man ihn zur Aussage Gottes Wege sind unergründlich bringen könnte.

Er erzählt, dass ihm sein erster Fahrlehrer in Österreich immer wieder sagen musste: Gianni, beide Hände am Lenkrad!. Das Publikum amüsiert sich super.

Gott macht das selbe mit uns. Er sagt: Margit, beide Hände am Lenkrad. Manchmal sagen Christen: Nein, Herr, lenke du mich! Gott sagt: Nein, ich inspiriere dich, aber du lenkst. 11:16

So lässt sich eine Phantasiegestalt, die niemals wahrnehmbar eingreift, aber durch Erzählungen in den Gedanken der Menschen existiert, gut rechtfertigen. Wir würden halt von einem allmächtigen und allgütigen, allwissenden Wesen mehr erwarten, zum Beispiel, dass er in Notsituationen schon eingreift. Wie zum Beispiel mit den angeblichen Wundern im Blog der Life Church.

Auto-Analogien sind beliebt, aber häufig ungeschickt. Fahrlehrer sollen eingreifen, und tun es auch, solange sie dabei sind. Danach weist man nach, dass man ohne Fahrlehrer (GöttInnen) selbständig fahren (leben) kann und braucht sie nicht mehr im Auto (Leben).

Freier Wille! Versteht ihr? Gott wollte mit Absicht, dass wir in Kontrolle sind. 12:20

Außer in den genannten und vielen anderen Fällen, wenn man der Mythologie Glauben schenkt. Manchmal braucht sein verletzliches Ego leider die volle Unterordnung.

Und dann werden wir Opfer und verlieren die Kontrolle. Sobald du Opfer bist von etwas, deiner Eltern, … der Freunde, des Arbeitgebers, der dich gefeuert hat, … Corona, … Sobald du diesen Menschen die Schuld gibst für irgendwas in deinem Leben, hast du die Kontrolle verloren. Und Gott sagt dir: Beide Hände am Lenkrad! – Aber Gott, es ist so gemütlich, allen anderen die Schuld zu geben. – Gott dazu: Du mußt dich entscheiden. Die Schuld jemandem zu geben, oder beide Hände am Lenkrad. Du kannst nicht beides.

Wenn man so viele Selbstgespräche mit seinem ausgedachten Gott geführt hat, dass man ihn für wahr hält, gelingt es irgendwann sogar, solche Dialoge auf der Bühne aufzuführen.

Tatsächlich lernen wir beide Hände am Lenkrad, damit wir den Sinn verstehen und verinnerlichen, dass das so am besten funktioniert. Wir müssen nachher nicht mehr darüber nachdenken und niemand muss uns daran erinnern, das Richtige zu tun. Wir übernehmen die Verantwortung.

Es gibt Situationen, in denen wir abgelenkt werden und die Kontrolle über unser Leben kurz verlieren. Diese Kontrolle zurückzuerlangen, nach Misserfolgen wieder aufzustehen ist ein wichtiger Teil der menschlichen Entwicklung. Wir brauchen dafür keinen Gott. Aber selbst für Leute, die an einen glauben (möchten), ist es ein guter Rat, die Kontrolle bewusst zu übernehmen.

Wenn … jede Person, die hier ist, ab heute sagt: Ich werde nie ein Opfer sein. Wenn du dich entscheidest, und dann der heilige Geist, der Tröster, der Helfer dir beisteht, es zu sein, ich sage dir: Du wirst es nie sein. 14:00

Diese Erzählung hat einen Pferdefuß: Die Idee, Verantwortung fürs eigene Leben zu übernehmen, zusätzlich auf einen erfundenen Gott (oder sein alter ego) aufzubauen. Diese Gemeinde wird vom allgemeinen Rückgang der Religiosität in der Gesellschaft nicht verschont bleiben. Aus den USA sehen wir, dass auch und gerade Evangelikale davor nicht geschützt sind. Ohne heiligen Geist wäre diese Erzählung viel nützlicher. Mit dieser Zusatz-Bedingung aber hängen Leute, die ihren Glauben verlieren oder verändern, in der Luft. Dabei kann man ohne imaginären Freund genauso gut, nein, besser leben.

Jetzt kommen Erzählungen über Jesus und von Paulus, die die Botschaft nie ein Opfer sein weiter bestärken.

Gott liebt uns so sehr, dass er sagt: Hey, beide Hände am Lenkrad. Wie [der Fahrlehrer] für mich. Er war Gott. 16:00

Nope, er war der Fahrlehrer. Er hat keine Erlösung und keine ewigen Strafen versprochen, er hat nicht behauptet, er hätte das Auto und Herrn Gaeta erschaffen. Er war wahrnehmbar und ist mit der Welt in Wechselwirkung getreten. Definitiv kein Gott.

Er hat das getan, was Menschen in der Gesellschaft für andere tun. Und Herr Gaeta hat ihn schon nach kurzer Zeit nicht mehr gebraucht, weil er sich – in diesem Fall über die Erinnerung an seinen Fahrlehrer – den sinnvollen Ratschlag selbst merken kann. Im Gegenteil: Den Fahrlehrer weiter im Auto mitzuführen ist eine absurde Idee, weil er nicht mehr helfen, nur mehr nerven kann und Platz sowie Privatsphäre wegnimmt.

Auto-Analogien sind doof. Der Vortrag aber unterhaltsam.

Psalmen 118. Der Psalmist sagt: Der Herr ist für mich, ich werde mich nicht fürchten. Was könnte ein Mensch mir tun? Der Herr ist für mich unter denen, die mir helfen. Ich werde herabsehen auf meine Hasser. Es ist besser, sich bei dem Herrn zu bergen, als sich auf Menschen zu verlassen (ELB), 16:41

Es wird weiter versucht, die sinnvolle humanistische Botschaft Sei kein Opfer, übernimm Verantwortung für dein Leben mit einer Gotterzählung zu unterstützen. Dabei ist das kontraproduktiv und ein Widerspruch. Im Psalm geht es so weiter: Ach, Herr, bring doch Rettung! Ach, Herr, gib doch Gelingen! – Das genaue Gegenteil von Verantwortung für sich übernehmen. Die falsche Botschaft.

Wisst ihr, was uns oft zu Opfern machen kann? Unsere eigenen Fehler. Unsere eigenen Fehler sind echt gemein. 17:55

Jetzt kommt die Geschichte vom verlorenen Sohn. Darin der Satz: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen. (ELB) Das ist wieder so eine religiös beeinflusste, toxische Vorstellung, die dem humanistischen Konzept, dass alle Menschen immer eine Menschenwürde haben, direkt widerspricht. Nur in einer erniedrigenden Religion, die klare Hierarchien zwischen Menschen vorschreibt, sind solche Worte überhaupt sinnvoll. Genau diese Strukturen machen den Menschen zum Opfer.

Die Geschichte geht aber so weiter, dass der Vater den verlorenen Sohn wieder akzeptiert und ihm vergibt. In unserem Kontext: Er erinnert ihn daran, dass er als Mensch wertvoll ist, auch wenn er Fehler gemacht hat. Das ist eine positive und sinnvolle Botschaft, und sie kommt ohne Gott aus.

Aber nicht für Pastor Gaeta.

Das einzige Mal, wenn wir Opfer sein dürfen, ist Opfer der Liebe Gottes zu sein. Dir seine Liebe geschehen zu lassen. Wo du dich nicht mehr dagegen wehrst, und sagst, boah, das habe ich nicht verdient. Aber ich bin gerne ein Opfer seiner Liebe. 21:17

Ein bißchen unfair, wenn man die Liebe, die man tatsächlich von anderen Menschen erfährt, nicht diesen, sondern Gott zuschreibt, aber Dankbarkeit dafür ist jedenfalls angemessen.

Ich bereite einen Input vor, und ich habe eine Bibelstelle gefunden, das ist die letzte, die ich heute lese. Ha, ich bin gut in der Zeit. In einem obskuren Buch der Bibel, Zefanja. Wer hat schon Zefanja gelesen? 21:40

Ja, wer traut sich, die Bibel zu öffnen und zu hoffen, etwas Schönes und Nützliches zu lesen? Das Buch des Zefanja beginnt so: Ich raffe, ja, raffe alles vom Erdboden weg – Spruch des HERRN. Mensch und Vieh raffe ich weg, die Vögel des Himmels raffe ich weg und die Fische im Meer, nämlich, was die Frevler zu Fall bringt, und ich rotte die Menschen auf der Erde aus – Spruch des HERRN. Ich strecke meine Hand gegen Juda aus/ und gegen alle Einwohner Jerusalems und ich rotte von diesem Ort den Rest des Baalsdienstes aus (EÜ)

Jedem, selbst den richtigen Gläubigen wird göttliche Gewalt angedroht. Häuser sollen verwüstet werden. 15 Ein Tag des Zorns ist jener Tag, / ein Tag der Not und Bedrängnis, ein Tag des Krachens und Berstens, / ein Tag des Dunkels und der Finsternis, ein Tag der Wolken und der schwarzen Nacht, ein Tag des Widderhorns und des Geschreis. Der Herr bereitet allen Bewohnern der Erde ein schreckliches Ende. Im nächsten Kapitel wird jenen, die nach allen Bewohnern der Erde noch übrig sind, explizit ein gewaltsamer Tod angedroht. So geht es bis in die Mitte des dritten Kapitels weiter.

Dort steigt Pastor Gaeta ein, aber vorher erzählt er noch von einem Gespräch, das er einige Wochen zuvor geführt hat. Er hat einer Frau nach einer Scheidung vorgeschlagen, aufzuhören, ein Opfer zu sein. Diese hat das als nicht nett bezeichnet.

Ich habe nicht gesagt, das es leicht ist. Ich habe nur gesagt, dass der heilige Geist da ist, zur Seite. Und er hilft uns, beide Hände aufs Lenkrad zu legen. Wieso? Er liebt uns maßlos. Gott liebt uns so grenzenlos. […] Der Herr, dein starker Gott, der Retter ist bei dir. Begeistert freut er sich an dir. Vor Liebe ist er sprachlos ergriffen und jauchzt doch mit lauten Jubelrufen über dich. Zefanja 3:17 (NLB) 23:20

Zum Ende wird der Zefanja-Text tatsächlich noch so nett, dass man daraus zitieren kann! Der Herr (der vorher der gesamten Menschheit die Vernichtung angekündigt hat) ist groß! Frieden, Liebe und Freiheit für alle!

Leute, lest ja nicht den Kontext von Bibelstellen, die in netten Predigten erwähnt werden. Ihr werdet nur enttäuscht und verwirrt.

Herr Gaeta konzentriert sich auf die netten Inhalte der Bibel, so kann er beginnend ab Der Herr, dein starker Gott mehr als zwei Minuten lang erklären und sogar vortanzen (!), was sprachlos ergriffen alles über Gottes Liebe sagt. Danach bittet er die Band, auf die Bühne zu kommen, weil das Gebet beginnt.

Während er die letzten Worte der Predigt spricht, setzt leise Hintergrundmusik ein. Bei 26:38 bittet er alle Anwesenden, ihre Augen zu schließen, weil wir kurz beten. Die Band, die mittlerweile auf der Bühne steht, tut das brav.

Dies ist eine bekannte Strategie, Menschen von ihrem Sinnesorgan mit der höchsten Bandbreite zu isolieren und so eine höhere Konzentration auf den zweitaktivsten Kanal, das Hören zu legen. Die leise Musik im Hintergrund verstärkt den Effekt der gesprochenen Worte, sie klingen besonders bedeutsam. Da alle im Raum dasselbe wahrnehmen, haben sie ein starkes Gruppenerlebnis.

In diesem Video erklärt ein ehemaliger evangelikaler Musikdirektor, wie Manipulation mit Musik in solchen Kirchen funktioniert – und dass die Beteiligten das genau wissen, und nicht dem Zufall überlassen. So wird aus dem kurzen (über fünf Minuten langen) Gebet von Pastor Gaeta ein starkes spirituelles Erlebnis.

Währenddessen kommuniziert – ihm zufolge – Gott mit ihm. Das Publikum ist gerade nicht in der Lage, kritisch zu denken, und nimmt das einfach zur Kenntnis.

Es gibt eine Person hier, ich habe eine Eingebung von Gott, es gibt eine Person hier. Du hast jahrelang zugelassen, dass eine andere Person dich tyrannisiert und dir das Leben schwer macht. Und du hast das anfangs angenommen und gesagt, na gut. Du hast viel in Kauf genommen, vieles verändert in deinem Leben aufgrund dessen. Gott will nicht, dass du jetzt zurückschlägst, Gott will nicht, dass du jetzt selber hart wirst. Sondern Gott will, dass du eine Entscheidung triffst: Diese Worte werden nicht länger mein Leben bestimmen. Und der heilige Geist steht dir bei und gibt dir die Kraft, das durchzustehen, es zu schaffen. 28:19

Das ist eine geschickte Ausnutzung des Bestätigungsfehlers. Fast jede/r im Raum hat so etwas erlebt oder kennt eine konkrete Person, von der sie das annimmt. Es ist ein schönes, starkes Gefühl, wenn der heilige Geist angeblich direkt zu diesen Personen spricht. Diese Erlebnisse sind normal in Pfingstgemeinden, zu denen die Life Church gehört.

Diese Kirchen erhielten ihren Namen von der Pfingst-Erzählung in der Bibel. Da soll der heilige Geist in die Menschen hineingefahren sein und hätte in ihnen seltsame Verhaltensweisen wie Zungenrede (unsinniges, unverständliches Gebrabbel) ausgelöst. Die Gottesdienste sind ganz darauf ausgerichtet, ähnliche Effekte bei den BesucherInnen hervorzurufen. Pfingstkirchen sind am Markt der christlichen Abspaltungen von Abspaltungen ein ziemlich neues Phänomen, die ersten wurden am Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet.

Theologisch stehen sie dem Evangelikalismus nahe. Das beinhaltet einen strengen, wörtlichen Bibelglauben, was eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit der Bibel ausschließt. Dementsprechend besuchen die PfarrerInnen auch keine theologischen Fakultäten öffentlicher Universitäten – sie könnten ja dort ihren Glauben an die vollständig richtige Überlieferung des von Gott inspirierten, unfehlbaren Textes verlieren. Das mag für Predigten keine große Rolle spielen. Bei Seelsorge aber wäre eine evidenzbasierte akademische Ausbildung vielleicht von Vorteil gegenüber der Regelsammlung nomadischer Wüstenvölker aus der Antike.

Ganz groß sind Pfingstkirchen in den USA und Australien, etliche Megachurches dort fallen in diese Kategorie. Da in den Vereinigten Staaten um Größenordnungen höhere Mittel für Medienarbeit und Entwicklung der Glaubensinhalte zur Verfügung stehen, besteht immer die Gefahr, dass gefährlicher Unsinn wie Kreationismus, Ablehnung von Gesundheitsmassnahmen und Hexen-/Dämonenglaube nach Europa herüberschwappen. In der Covid-Pandemie hat sich die Life Church aber bislang sehr vernünftig verhalten und auf Online-Gottesdienste und vor Ort auf Sicherheitsmassnahmen gesetzt.

Aja, das Publikum sitzt immer noch mit geschlossenen Augen da. Pastor Gaeta setzt zum Gebet im Gebet an.

Ich habe mir ein Gebet aufgeschrieben für uns alle, das, wenn ich bete, du in dich hinein nachbeten kannst. In dein Herz. Und dieses Gebet ist das folgende: Gott, ich danke dir für die heutige Predigt. Ich danke dir für deine unendliche Liebe für mich. … 31:00

Und so weiter, bis ein Song angekündigt wird und die Aufzeichnung endet. Alle dürfen die Augen öffnen, und darüber nachdenken, dass Pastor Gaeta, der genau weiß, dass er die Predigt selbst geschrieben und vorgetragen hat, sich dafür bei Gott bedankt.

Testergebnis

Die Predigt spricht ein wichtiges Thema an, und gibt gute Ratschläge fürs Leben. Natürlich kann man vieles kritisieren, zum Beispiel die widersprüchlichen Belege und dass die Botschaft manchen Vorgaben der Religion widerspricht und eigentlich gar keine Gott-Figur braucht. Aber als Predigt für dieses Zielpublikum ist sie ganz gut gelungen.

Die kreationistische Propaganda ist natürlich unentschuldbar.

Auch hier gilt, dass die gesprochene Predigt geschickt mit den aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten arbeitet. Das Publikum soll nur ja nicht den Kontext in der Bibel nachschlagen.

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