Steuerabsetzung von Religionsbeiträgen 5: Wer wächst, wer schrumpft?

Eines der Ziele der Anfrage war, die Mitgliederentwicklung der Religionsgesellschaften festzustellen. Da die meisten Meldungen nicht wie Pflichtbeiträge aussehen und viele Gruppen nicht identifiziert sind, sind nicht alle Ergebnisse belastbar, aber auch so interessant.

Anzahl der Personen pro Jahr

Wie in Teil 2 beschrieben gab es Religionsgesellschaften, die mit Hilfe externer Daten mit großer Sicherheit zugeordnet werden konnten. Das sind die römisch-katholischen und die evangelischen Kirchen, die in ihren Geschäftsberichten für die gleichen Jahre ungefähr jene Summen meldeten, die auch in der Anfragebeantwortung des Finanzministeriums enthalten waren.

Islamisch war über den Median der Zahlungen (120 € in jedem der fünf Jahre) ganz gut zu finden. Die Kirchen mit dem Zehnten (10 % des Einkommens) sind auch recht eindeutig.

Die altkatholische Kirche sowie die Israelitische Kultusgemeinde sind eigene Themen. Beide haben unter 10.000 Mitglieder, aber ein ernstzunehmendes Pflichtbeitragsmodell. Das ergibt die Erwartung von einigen tausend Menschen, die den Pflichtbeitrag zahlen, während z. B. die diversen christlichen Gemeinschaften mit dem Zehnten insgesamt deutlich mehr Mitglieder haben dürften. Sowohl bei römisch-katholisch als auch bei evangelisch sehen wir, dass ein richtiger, offen kommunizierter und auch eingemahnter Pflichtbeitrag von ca. 60 % der Mitglieder gezahlt wird. Demnach passen die Zeilen mit drei- bis viertausend Personen zu diesen Religionsgesellschaften, die davon abgeleitet um die 6.000 Mitglieder haben dürften.

Hier also die Einteilung nach bestem Wissen und Gewissen – wir erinnern uns, das Finanzministerium wollte die Zuordnung nicht herausgeben, die Zuordnung war ein komplexer Prozess.

Anzahl an Personen 2020 2021 2022 2023 2024
Altkatholisch? 3.708 3.580 3.396 3.368 3.301
Christlich mit Zehntem 5.406 5.398 5.556 5.611 5.890
Islamisch 839 1026 1050 1135 742
Israelitisch? 3.616 3.631 3.567 3.746 3.459
Römisch-katholisch 2.842.723 2.858.126 2.809.194 2.767.158 2.733.673
(leer) 2.208 2.297 2.286 2.828 4.158
Evangelisch AB+HB 162.134 161.044 157.344 153.287 151.491
Summe Ergebnis 3.020.363 3.034.852 2.982.114 2.936.859 2.902.487

Römisch-katholisch (Rückgang um 3,8 %) und Evangelisch AB+HB (6,6 % Rückgang) sind eindeutig und auch ihre Rückgänge sind konsistent mit den offen kommunizierten Abgangszahlen. Bemerkenswert ist ein Wachstum der gemeldeten Zahlenden der römisch-katholischen Kirche von 2020 auf 2021 um 15.403 Menschen. Die Zahl der Mitglieder nahm jedoch 2021 um mehr als 77.000 Menschen ab. Auch die Einnahmen aus dem Kirchenbeitrag stiegen in diesem Jahr um 20 Mio. € (4,2 %), die Kirche dürfte also damals noch einmal geschafft haben, zahlende Mitglieder zu halten und neue dazuzubekommen.

Die Kategorie (leer) konnte nicht einmal unsicher zugeordnet werden. Hier dürfte es sich z. B. um orthodoxe Kirchen handeln, die in Österreich um die 400.000 Mitglieder haben dürften, aber öffentlich betonen, keine Pflichtbeiträge zu haben.

Evangelische Kirchen Augsburger und Helvetisches Bekenntnis

Bei den evangelischen Kirchen gibt es nur Rückgänge. Dies ist mit den anderen bekannten Zahlen (sie haben seit 2019 jährliche Abgangsraten von mindestens 2,2 %, nähern sich 3 %) konsistent.

Jahr Personen Summe Median Mittelwert
2020 162.134 € 31.851.044,07 € 157,94 € 196,45
2021 161.044 € 32.333.624,08 € 161,00 € 200,78
2022 157.344 € 32.079.011,22 € 164,15 € 203,88
2023 153.287 € 33.154.458,90 € 175,71 € 216,29
2024 151.491 € 36.207.229,70 € 195,00 € 239,01

Der Abnahme der Zahlenden um 6,6 % steht das Wachstum der gemeldeten Kirchenbeiträge um 13,7 % in fünf Jahren gegenüber. Das hat starke Auswirkungen auf den Betrag, den einzelne Zahlende zahlen müssen: Der Median ist um 23,5 %, der Mittelwert um 21,7 % gestiegen. Auch wenn das ungefähr der Inflation in diesem Zeitraum entspricht: Die wesentlich größere römisch-katholische Kirche hat sich nicht getraut, die Pro-Kopf-Beiträge so stark zu steigern. Der Mittelwert lag dort 2024 noch unter 200 €, während von den evangelischen Mitgliedern schon 239 € im Mittel verlangt werden.

Altkatholische Kirche

Wenn die Zuordnung der altkatholischen Kirche zu den Daten stimmt, dann ist dies die Religionsgesellschaft mit dem stärksten Mitgliederrückgang: Elf Prozent in den fünf Jahren bei den Zahlenden.

Jahr Personen Summe Median Mittelwert
2020 3.708 € 546.467,06 € 117,33 € 147,38
2021 3.580 € 542.542,11 € 120,00 € 151,55
2022 3.396 € 534.189,22 € 121,04 € 157,30
2023 3.368 € 539.392,84 € 123,93 € 160,15
2024 3.301 € 544.737,53 € 129,52 € 165,02

Die Religionsgesellschaft muss mit etwas über einer halben Million Euro im Jahr und einer deutlich geringeren staatlichen Zahlung zwölf Standorte betreiben, ein Bischöfliches Seminar, ein Schulamt und andere notwendige Einrichtungen einer anerkannten Religionsgesellschaft aufrechterhalten. Das ist sicherlich nicht leicht und wohl nur mit viel ehrenamtlichem Einsatz, was die Gefahr von Burnout mit sich bringt, zu schaffen. Der Anstieg der Pro-Kopf-Beiträge konnte nicht mit der Inflationsrate mithalten, die Summe der Beiträge ist sogar absolut gesunken, was bei den vorher betrachteten größeren Kirchen nicht der Fall ist.

Da die altkatholische Kirche historisch anerkannt ist, muss sie sich keine Sorgen machen, dass ihr der Status irgendwann wegen der kaum noch vorhandenen Mitglieder oder der nicht gesicherten Finanzierung aberkannt wird. Aber lang wird sie so nicht weitermachen können.

Islam?

Hier wird es in jeder Hinsicht interessant. In der Liste des Finanzministeriums sind einmal Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (die anerkannte Religionsgesellschaft) und einmal Kultusgemeinde der Union Islamischer Kulturzentren in Österreich erfasst. Diese Liste ist eigentlich nur für anerkannte Religionsgesellschaften oder Teile davon gedacht. Die UIKZ nennt aber auf ihrer Webseite keine Verbindungen zur IGGÖ und ist natürlich auch keine separate anerkannte Religionsgesellschaft.

Insgesamt kommen diese beiden Gruppen, wenn die Zuordnung zu ihnen stimmt, auf eine stark schwankende Anzahl von Zahlenden. Angesichts der Tatsache, dass in Österreich höchstwahrscheinlich mehr als 800.000 muslimische Menschen leben, ist die Annahme, dass es sich hierbei um Pflichtbeiträge handeln sollte, ziemlich abwegig.

Jahr Personen Summe Median Mittelwert
2020 839 € 134.708,00 € 120,00 € 160,56
2021 1026 € 182.232,00 € 120,00 € 177,61
2022 1050 € 175.858,00 € 120,00 € 167,48
2023 1135 € 204.240,00 € 120,00 € 179,95
2024 742 € 151.846,00 € 120,00 € 204,64

Nach diesen Zahlen bezahlt nur jede tausendste bis siebenhundertste Person einen Mitgliedsbeitrag und setzt diesen von der Steuer ab. Es gibt jedoch in diesen Zeilen in der Maximum-Angabe häufig Mehrfache von 120 €. Das dürften Leute sein, die für eine ganze Familie den Mitgliedsbeitrag absetzen. Würden wir normale Steuerzahlende bei anderen Posten auch gerne machen, wenn wir uns damit in den höheren Steuerklassen mehr ersparen können als z. B. weniger verdienende Angehörige. Aber Religion ist etwas ganz Besonderes, offensichtlich auch im Steuerrecht oder dessen Anwendung.

So werden aus 120 € Pflichtbeitrag pro (zahlendem) Kopf mehr als 200 € im Jahr 2024 – wenn auch mit einem starken Rückgang der Zahlenden und der Gesamtsumme. Die Zeiten werden härter, das Eintreiben der Pflichtbeiträge gelingt nicht einmal mehr bei jedem tausendsten Mitglied – oder es wird ein ziemlicher Schmarrn ans Finanzamt gemeldet?

Die Zehntel-Kirchen

Diese sind mit die spannendsten Gruppen. Den Zehnten führen sie auf die Bibel zurück, wobei dort immer nur ein Zehntel der landwirtschaftlichen Erzeugnisse als Abgabe an die Priesterkaste genannt ist. Dies wurde im Mittelalter in Europa auch so ähnlich gehandhabt. Wie auch immer, die Freikirchen, die Neuapostolische Kirche, die Mormonen und wahrscheinlich noch einige andere christliche Hochkontrollgemeinschaften freuen sich auch über 10 % des Netto- oder Bruttogehalts, je nach Aggressivität.

Jahr Personen Summe Median Mittelwert
2020 5.406 € 3.521.648,89 € 444,50 € 651,43
2021 5.398 € 3.960.227,58 € 550,00 € 733,65
2022 5.556 € 4.180.257,18 € 600,00 € 752,39
2023 5.611 € 4.409.340,95 € 600,00 € 785,84
2024 5.890 € 5.363.406,51 € 600,00 € 910,60

Die Zuordnung wurde hier über den Median getroffen. Man merkt sofort, dass diese Gruppen deutlich über das hinausgehen, was andere Menschen für ihre Religion als Pflichtbeitrag zahlen. Der Median betrug schon in den Jahren, als nur 400 € absetzbar waren, 600 €, mehr als das Dreifache der Zahl aus den evangelischen Kirchen. Der Mittelwert, also der gemeldete Pro-Kopf-Pflichtbeitrag (wenn man's glaubt) stieg auf mehr als 900 €!

Von solchen Gruppen ist bekannt, dass sie ein hohes Maß an Engagement erwarten. Dies bestätigt sich im finanziellen Sinne sicherlich. Wenn wir die bekannte Formel, dass ca. 60 % der Mitglieder Pflichtbeiträge zahlen, anwenden, dann kommt raus, dass die Mitgliederzahl höchstens 10.000 Personen beträgt. Die genannten Kirchen haben aber nach eigenen Angaben zusammen mehr als das Zweieinhalbfache davon. Das passt nur zusammen, wenn hier wieder das bestverdienende Mitglied der Familie auch für andere zahlt und von der Steuer absetzt. Wäre auch einen Blick durch die Finanzpolizei wert.

Es heißt ja, dass die Freikirchen eine stark steigende Mitgliederzahl haben sollen. Sie kommunizieren jedoch öffentlich keine jährlichen, belastbaren und vergleichbaren Zahlen. Die Angaben hier deuten zwar auf ein Wachstum von 9 % in fünf Jahren hin, aber auch auf einen sehr dubiosen Hintergrund. Die Anzahl der gemeldeten Zahlenden konnten sie steigern, aber ob das einem echten Mitgliederwachstum entspricht, ist wegen des geringen Anteils an der Mitgliederzahl eher unsicher. Es könnte auch sein, dass nur die Anleitung zum Steuersparen durchs Melden von Pflichtbeiträgen (bei gleichzeitiger Beteuerung, dass man eh nur von Spenden lebt) so gut funktioniert, nicht aber die Mitgliedergewinnung.

Hier muss man auf andere Datenquellen ausweichen. Es gab etwa im September 2025 ein Jubiläum der Freikirchen, worüber ORF Religion berichtet hat. Der Vorsitzende der Freikirchen sprach von 25.000 eingetragenen Mitgliedern und 12.000 Kindern und Jugendlichen, die ermutigt würden, den christlichen Glauben im Alltag zu leben. Und es gäbe rund 35 anstehende Gemeindegründungen. Endlich eine unabhängig überprüfbare Aussage.

Seither habe ich monatlich die Anzahl der Gemeinden in der Gemeindeliste der Freikirchen Österreich erfasst. Im September 2025 waren es 231 Gemeinden, ein Jahr später im September 2026 dann 239. Vielleicht sind sie ja nur nicht gut darin, ihre Website zu pflegen, oder sie verstehen unter anstehend etwas anderes als wir. Oder ihre Zahlen sind nicht vertrauenswürdig.

Zwei größere Gruppen innerhalb der Freikirchen, die Life Church und die International Christian Fellowship, haben ihre Standorte in einem Jahr nicht erweitern können; von der Life Church weiß ich, dass sie das Ziel haben, in jeder Bezirkshauptstadt in Österreich (das sind mehr als hundert) eine Kirche zu etablieren. Vierzehn haben sie jetzt. Ambitioniert und ohne erkennbares Wachstum.

Fazit

Die genaue Beschäftigung mit der Anzahl der gemeldeten Zahlenden ist auch hilfreich, um neue, nicht öffentlich kommunizierte Informationen über die Religionsgesellschaften zu erfahren.

Es wäre wirklich hilfreich, alle Religionsgesellschaften identifizieren zu können. Vielleicht wird das in einer späteren IFG-Anfrage oder durch die juristische Aufarbeitung der Situation möglich werden. Aber was wir hier schon aus den Daten über (etwas unsicher zugeordnete) Gruppen herausfinden konnten, ist auch so interessant.

Alle Teile dieser Serie:

  1. Informationsfreiheit und Steuerrecht

  2. Beantwortung der Anfrage, Zuordnung der Religionsgesellschaften

  3. Dürfen die das?

  4. Was kostet das?

  5. Wer wächst, wer schrumpft?

Daten der Anfragebeantwortung und der AnalyseAnfragebeantwortung bei fragdenstaat.at

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